Zeitung Heute : Interview-Poker - ein (Medien-)Spiel mit hohem Einsatz

Raoul Fischer

Am vergangenen Freitag rieben sich die Fernsehzuschauer die Augen. Zuerst hatte sich Helmut Kohl beschwert, die Medien würden eine Treibjagd auf ihn veranstalten. Am 4. Februar dann ließ er sich nicht mehr treiben - nach einer Pressekonferenz der CDU stellte sich Kohl. Am selben Abend gab er Interviews, zunächst Thomas Belluth im ZDF, später Ulrich Deppendorf in der ARD. Auch der gebeutelte hessische Ministerpräsident Roland Koch ging jetzt, nachdem er zugeben musste, in der Spendenaffäre die "Unwahrheit" gesagt zu haben, ins Fensehen, zu Alexander Niemetz ins "Heute-Journal" des ZDF. Da bleibt jetzt aufzuklären: Wie kommen CDU-Politiker eigentlich ins Fernsehen? Und wann? Rufen sie an? Werden sie angerufen?

Es ist "wie ein Spiel", sagen die verantwortlichen Journalisten unisono. Die Sender erneuern immer wieder ihre Interview-Anfrage, oft erfolglos. Politiker nehmen die Chance dann gerne wahr, wenn sie die Öffentlichkeit suchen; das ist das alte Spiel. Ein Live-Interview in Radio oder Fensehen birgt ja für beide Seiten Risiken: Der Journalist weiß nicht, ob sein Gesprächspartner über bloße Selbstdarstellung hinausgeht; der Politiker muss kritische Fragen oder, in diesen Zeiten, die Konfrontation mit unangenehmen Wahrheiten befürchten. Die Affäre um die schwarzen Konten der CDU hat allerdings die Regeln verschärft: Unter dem Druck der laufenden Aufklärungen sind die Einen getrieben, die neuesten Enthüllungen zuerst zu haben, und die Anderen, diesen Enthüllungen zuvorzukommen. Beide Seiten sagen es auch so.

Wie Politiker mit den Medien spielen, dafür ist der Auftritt Kohls in ZDF und ARD ein Muster. Er brachte den beiden öffentlich-rechtlichen Sendern nicht nur eine für diese Zeit traumhafte Quote, sondern er erreichte selber zwischen 3 Millionen (ARD) und 6 Millionen (ZDF) Zuschauer. Kohl war der Treibende, er wollte der Handelnde bleiben. Für den Journalisten ist das eine schwierige Situation. "Während Politiker wie Wolfgang Schäuble eher die inhaltliche Auseinandersetzung suchen, möchte Kohl seine Botschaft loswerden. Der fragende Journalist ist da eher lästig", sagt Thomas Belluth. Ulrich Deppendorf von der ARD charakterisiert das Interview so: "Es ist wie ein Ritt über den Bodensee."

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