Interview: Sotheby’s : Das Hammer-Geschäft

Sie suchen ein Bild von Gerhard Richter? Oder Damien Hirst? Hier ist das kein Problem: Sotheby’s ist das älteste Auktionshaus der Welt. Ein Gespräch mit Cheyenne Westphal, die für zeitgenössische Kunst zuständig ist.

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Frau Westphal, mit wem haben Sie gestern Abend gegessen?

Ich habe zu Hause auf dem Balkon gegrillt. Ich wohne mit meinem neunjährigen Sohn in Notting Hill, in einer kleinen Seitenstraße. Das Wetter war so schön, da bin ich mittags gleich zum Metzger in der Mount Street gerannt. Das ist ein alteingesessener Laden in Mayfair, in der Nähe meines Büros. So ein Geschäft ist nicht mehr leicht zu finden. Wenn Jagdsaison ist, können Sie da sogar Moorhühner kaufen. Ich habe nur schnell zu Steaks gegriffen. Warum fragen Sie?

In jedem Artikel über Sie steht, mit welchem Promi Sie wieder am Vorabend zu Tisch waren.

Die Kontaktpflege ist in meinem Job wichtig. Als Deutsche betreue ich auch Kunden im deutschsprachigen Raum. Wir arbeiten sehr systematisch. Ein Tag in München fängt vielleicht mit einem Termin an, um ein Bild zu besprechen – ein Kunde will eine neue Versicherungsschätzung von uns. Drumherum baue ich andere Termine auf und schaue in meinen Kontakten nach, wen ich mal wieder besuchen möchte.

Weil Sie gelesen haben, dass die Firma eines Sammlers pleite ist und dieser Geld gebrauchen könnte.

Zu den meisten Kunden haben wir so gute Beziehungen, da ist es normal, auf eine Tasse Kaffee ins Haus zu kommen. Wir reden darüber, ob sich der Verkauf eines Bildes gerade lohnt, weil der Maler Superpreise auf dem Markt bringt. Ein Teil unserer Arbeit ist es zu wissen, wo sich ein toller Warhol oder ein schöner Richter befindet.

In welcher Stadt würden Sie anrufen, wenn Sie einen neuen Gerhard Richter suchen?

Das deutsche Kunstzentrum lag lange im Kölner und Düsseldorfer Raum. Die Industrie boomte nach dem Zweiten Weltkrieg im Ruhrgebiet, die Kunstakademie mit Joseph Beuys war in Düsseldorf, viele Galerien saßen in Köln. Da wurde viel Kunst gemacht und gekauft – ein reicher Boden für uns. Mittlerweile verteilt sich der Markt. Viele der Galerien sind in Berlin, das Geld sitzt in München, und es kommt zu Generationswechseln. Was die Väter aufbauten, wollen die Söhne nicht unbedingt behalten. Wir haben schon eine Wunschliste für die nächsten Auktionen im Kopf.

Wer steht auf dieser Liste?

Gerhard Richter, Andy Warhol, Francis Bacon. Martin Kippenberger suchen wir immer. Die Selbstporträts von ihm können bis zu fünf Millionen Dollar erzielen.

Das klärt man zwischen Hauptgang und Dessert?

Das ist eine instinktive Entscheidung. Oft kommt es darauf an, dass die Sammler und ich uns kennenlernen. In Amerika geht das recht schnell, dass ich mir zu Hause die Sammlung anschauen darf. Das dauert in einer Stadt wie Zürich länger, bis ich mal ein Bild zu Gesicht bekomme. Wenn ein Kunde ein Gemälde hat, von dem wir wissen, dass es viel Geld erzielen würde, fragen wir manchmal direkt an, ob er es verkaufen möchte.

Wie stellen Sie das an?

Ich sage zum Beispiel: „Wir wissen, Ihr Francis Bacon ist ein traumhaftes Bild, das im Moment 30 Millionen Dollar bringen könnte. Wären Sie an einem genaueren Angebot interessiert?“ Ich habe unter anderen einen Kunden, der sagt mir jedes Jahr: „Der schönste Moment ist, wenn Sie mir im Dezember Ihre Schätzungen schicken und ich sehe, wie die Werte für die Bilder gestiegen sind. Meine anderen Geldanlagen sind nämlich alle gesunken.“ Verkaufen möchte der trotzdem nicht.

Sammler alter Schule finden es bestimmt despektierlich, wenn Sie mit Geld wedeln.

Deswegen hat meine Arbeit viel mit Instinkt zu tun. Manche Sammler werden von wildfremden Menschen angerufen, die am Telefon sagen: „Ich hätte ein Angebot für Ihr Bild.“ Diese Sammler reagieren mit Abscheu.

Auf der anderen Seite drängen neue Sammler aus China, Russland, der arabischen Welt auf den Markt. Geht mit einer größeren Käuferschicht ein größeres Kunstverständnis einher?

Ich glaube schon. Das Internet informiert alle über aktuelle Kunst. Die großen Kunstausstellungen werden mittlerweile internationaler – und sie finden in immer kürzeren Abständen statt. Vor 20 Jahren haben wir auf die Biennale in Venedig und die Documenta in Kassel geschaut, inzwischen gibt es Biennalen in New York, São Paulo, Berlin, ich weiß gar nicht, wie viele insgesamt.

Zu viele?

Na ja, es wird mehr Kunst gezeigt. Nicht jedes Werk ist gut, weil die Auswahl größer ist.

Die Rekordpreise erzielen Sie also, weil es mehr Interessenten gibt?

Die Nachfrage ist sehr hoch geworden. Wir haben Künstler aus Europa, die sehr gesucht sind, von denen es aber nur eine gewisse Anzahl von Bildern gibt. Francis Bacon hat zwischen 600 und 700 Bilder in seinem Leben gemalt, das ist recht wenig. Gerade wenn Sie daran denken, dass ein Viertel schon in Museen hängt. Dann gibt es nur noch 400 Arbeiten auf dem Markt. Auf die bieten Sammler aus Westeuropa, Amerika, dem Nahen Osten, aus China oder aus Russland – das erhöht natürlich den Preis. Bei unserer letzten Abendauktion im Februar kamen 38 Prozent der Käufer aus den „Anderen Regionen“ – Gebiete, die weder amerikanisch noch westeuropäisch sind.

Sie sind mit dem Künstler Damien Hirst befreundet. Darf er rund um die Uhr bei Ihnen anrufen, wenn er ein Bild kaufen möchte?

Ich bin alleinerziehende Mutter, mit meiner Zeit gehe ich verantwortungsvoll um. Im Job gebe ich 100 Prozent, wenn ich Zeit für meine Familie habe, will ich die auch mit ihr verbringen. Gestern Abend lag das Handy im Haus, während wir auf dem Balkon saßen.

Ihr neunjähriger Sohn meckert nicht: Mama, da ruft schon wieder dieser Bono an?

Der ruft nicht bei mir an. Ich kenne ihn zwar, weil wir zusammen eine Wohltätigkeitsauktion organisiert haben, aber das war’s.

Wie erklären Sie Ihrem Sohn, was Sie tun?

Mein Sohn weiß, dass ich Bilder verkaufe. Ein paar findet er auch ganz gut. Er mag Damien Hirst. Als er das letzte Mal im Büro war, hatten wir ein knallbuntes Leuchtobjekt von Tim Noble und Sue Webster, „Happy“ hieß das. Das fand er ganz toll. Ansonsten interessiert er sich für Skateboarden, Snowboarden, Rockmusik und ist in kein Museum zu locken.

Sie sind in Baden-Baden auch nicht mit Kunst in Berührung gekommen.

Meine Mutter und ich haben mit dem Auto Kunst- und Kulturreisen nach Italien unternommen. In Florenz standen die Donaletto-Skulpturen plötzlich mitten auf der Straße, ich habe mich brav für die Uffizien angestellt, überall in der Stadt gab es Kunst. Mir hat damals die Renaissance gefallen, Zeitgenössisches kannte ich kaum. Erst das Studium in St. Andrews und in Berkeley hat mir die Augen geöffnet. In Kalifornien behandelten wir gleich in der ersten Vorlesung Cindy Sherman – und ich war völlig baff.

Was hat Sie beeindruckt?

Das war so frisch, so relevant, gerade passiert. Berkeley hat ein eigenes Museum mit abstraktem Expressionismus, dort hängen tolle Gemälde von Mark Rothko, die kannte ich vorher kaum.

Und als Sie 1990 zu Sotheby’s nach London kamen, spielte zeitgenössische Kunst kaum eine Rolle.

London hatte mit der zeitgenössischen Kunst wenig zu tun. Der große Boom kam erst, als 2000 die Tate Modern eröffnet wurde. Zehn Jahre davor gab es Charles Saatchi und außer ihm vielleicht noch fünf Sammler, die Lucian Freud oder Francis Bacon besaßen. Wer aktuelle Kunst sehen wollte, ging in die Whitechapel Gallery oder zu Saatchi in die Boundary Row, eine Galerie mit Betonfußböden und hohen Decken. Da zeigte er zum ersten Mal Damien Hirst mit dem berühmten Haifisch.

Fanden Sie die Stadt damals modern?

Zu dem Zeitpunkt noch nicht. Als ich mich 1990 beworben habe, galt es als besonders, dass ich deutsch, englisch und französisch sprechen konnte. Heute müssen Sie mindestens fünf Sprachen beherrschen. Das Land war schläfrig, überhaupt nicht international. Und erst die Wohnungen. Ich bin oft umgezogen. Eine Zeit lang habe ich in West Hampstead in einem Gartenhaus gewohnt, das ein Künstler in seinem Hinterhof gebaut hatte. Vorne stand das schöne rote Ziegelhaus, daneben führte ein kleines Tor zum Garten und dem Haus.

Mit obligatorischem Teppich im Badezimmer?

Den gab es in dem Haus nicht, aber später in einem selbstgebauten Bad. Dort klebten die Fliesen mit Tesafilm an der Wand. Durch solche Erfahrungen lernte ich, wie ich Wohnungen zu bewerten habe. Allein bei der Besichtigung mal zu kontrollieren, ob aus der Dusche überhaupt Wasser herauskommt. Das war oft nur ein Plätschern. Was toll war, ich konnte mit der Stadt wachsen. Als ich ankam, war die zeitgenössische Kunst nicht wichtig, sie wurde es aber schnell dank Charles Saatchi, Damien Hirst, seinem Galeristen Jay Jopling und der „Sensation“-Ausstellung 1997. Da stellte man die Young British Art zum ersten Mal in der Royal Academy unter einem Dach aus.

Sofort haben Sie sich um Künstler wie Tracey Emin oder Hirst bemüht?

Nein, damals haben wir deren Arbeiten nicht verkauft. Es gab eine ungeschriebene Regel: Wir versteigern nur Werke, die mindestens älter als zehn Jahre sind, von einem etablierten Künstler. Das hat sich erst Ende der 90er Jahre verändert und war mit einigen Konflikten verbunden.

Warum?

Die Galeristen wollten nicht, dass die Werke junger Künstler in die Auktionen kamen. Es gab damals Briefe an die Geschäftsführer von Sotheby’s und Christie’s, aufgesetzt von führenden zeitgenössischen Galeristen, die besorgt waren, dass wir zu viel Einfluss auf den Kunstmarkt nehmen würden. 2004 haben wir die Einrichtung aus Damien Hirsts Restaurant „Pharmacy“ verkauft, alles vom Mobiliar bis zu den Bildern an den Wänden. Das war das erste Mal, dass ein Künstler mit einem Auktionshaus direkt zusammengearbeitet hat. Ein Kulturschock war das. Unsere Damien-Hirst-Auktion 2008 „Beautiful Inside My Head Forever“ war sogar eine Sensation…

... denn Damien Hirst verkaufte an zwei Tagen 200 Werke direkt über Sotheby’s und erzielte einen Gesamtpreis von knapp 200 Millionen Dollar.

So etwas gab es noch nie, dass ein Künstler Arbeiten für eine Auktion gestaltete und sie dort verkaufte.

Die spektakulären Preise stellt Sotheby’s nach wie vor in New York auf.

Das passiert mehr und mehr jetzt auch in London, einfach weil die Kunst vor Ort extrem global geworden ist. Im Moment bauen amerikanische Galerien ihre Dependancen auf. Larry Gagosian ist schon mit zwei Galerien hier, die Pace Gallery eröffnet demnächst. Die Platzhirsche sind aber nach wie vor die White Cube Gallery von Jay Jopling und Hauser & Wirth an der Savile Row – das ist die größte Galerie der Stadt.

Woran merken Sie persönlich, dass London internationaler ist?

An der Einwohnerschaft, die komplett international geworden ist. Inzwischen werde ich nicht mehr gefragt: Was machen Sie als Deutsche hier? Vor 20 Jahren schauten mich die Londoner noch komisch an. Für viele war klar, dass ich eines Tages zurückgehe. Ich empfinde London inzwischen als meine Stadt.

Mit der Internationalität stiegen die Preise.

Das stimmt. Das merken Sie an Schulgebühren. Gerade wenn man wie ich aus Baden-Baden kommt und eine wunderbare kostenlose Schulzeit mit Abitur genossen hat. Es ist sehr schwer, eine gute öffentliche Schule zu finden – und für eine Privatschule brauchen Sie eine fünfstellige Summe pro Jahr.

Nicht zu vergessen: rekordverdächtige Immobilienpreise.

Ich wohne in Notting Hill, einem ziemlich teuren Stadtteil, vor zehn Jahren habe ich mir da eine Wohnung gekauft. Wer weiß, ob das heute möglich wäre. Die Gegend an der Westbourne Grove Road hat sich gewandelt: Früher war sie eine schläfrige Straße mit alten Antiquitäten- und Rahmengeschäften. Da sind nun teure Cafés und Modeläden.

Cheyenne Westphal, 44, ist eine der mächtigsten Frauen im Kunstgeschäft. Sie leitet die Abteilung für Zeitgenössische Kunst bei Sotheby’s. Westphal wuchs in Baden-Baden auf und studierte in Schottland und den USA.

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