Interview : „Wir nahmen uns die Butter vom Brot“

Sie verbringen mehr Zeit miteinander als die meisten Paare: Die Radiomoderatoren und Buchautoren Robert Skuppin und Volker Wieprecht sprechen über Neid, Kant – und das Trinkgeld für den Henker.

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Foto: www.christoph-papsch.com

Sie sind bekannte Radiomoderatoren und treten fast immer als Paar auf. Wieso eigentlich?

WIEPRECHT: Wir sind unterhaltsamer, intellektueller und inspirierter in der Gegenwart des anderen.

Normalerweise lebt ein Medienpaar von Gegensätzen. Älterer Mann und junge Frau, Gottschalk und Hunziker. Intellektueller und Clown, Schmidt und Pocher. Sie sind sich sehr ähnlich. Gleiche Generation, gleiche Frisur.

SKUPPIN: Ein Medienpaar lebt vom Konflikt. Wir haben uns total gestritten am Anfang. Ich fand ihn bigott, eitel und überkandidelt. Er fand, dass ich nicht sage, was ich denke. Wir haben uns angebrüllt. Das war für die Redaktion nicht einfach.

Inzwischen regieren Sie gemeinsam ein kleines Medienimperium …

WIEPRECHT: Imperium ist übertrieben. Wir haben ein Studio, veranstalten Partys, schreiben Bücher, wir hatten auch mal zusammen eine Kneipe. Das Problem ist, dass wir an so vielen Stellen miteinander verbandelt sind, dass wir es mittlerweile an einigen Stellen wieder gelöst haben. Es wurde einfach zu viel. Wir freuen uns aber meistens aufeinander. Wenn wir uns zehn Tage nicht gesehen haben, vermissen wir uns. Wir haben mehr Lebenszeit miteinander verbracht als mit jedem anderen Menschen. Manchmal erschreckt uns das. Warum gerade der? Warum keine schöne Frau?

SKUPPIN: Unsere gemeinsame Zeit lässt sich genau beziffern. 21 Jahre. Vor 21 Jahren haben wir uns kennengelernt.

Liebe auf den ersten Blick war es offenbar nicht.
SKUPPIN: Das war noch bei „Radio for you“, beim SFB, dem Jugendprogramm des Sender Freies Berlin. Volker war schon ein prominenter Moderator. Ich kam als Student dazu, um Geld zu verdienen, als Aufnahmeleiter. Klingt besser, als es ist. Ich musste den Lichtschalter bedienen, die Neonröhren anmachen …

WIEPRECHT (deutet auf Skuppin): … Jetzt kommt eine Lüge!

SKUPPIN: … in dem Moment, als ich das tat, kommt von hinten eine Stimme: Ey, was soll das denn? Ich sage, ich muss doch das Licht anmachen. Woraufhin er sagte: Weißt du eigentlich, was dieses Licht für Auswirkungen auf uns hat …

WIEPRECHT (laut): … das ist die Lüge, das ist die Lüge …

SKUPPIN: … diese Neonröhren, was die für Auswirkungen auf uns haben. Ich dachte, was ist denn das für ein schräger Vogel. Dann habe ich Kaffee gemacht und ihm den Kaffee mit Milch gebracht. Er sagte: Hast du mir da etwa Milch reingekippt? Weißt du eigentlich, was die Milch mit uns macht? So ging das den ganzen Morgen lang. Es stand auf der Kippe, entweder man befreundet sich oder man arbeitet nie wieder zusammen.

Sie klingen wirklich wie ein altes Ehepaar. Warum gibt es kaum weibliche Medienpaare? Wir kennen nur die Missfits. Kriegen Frauen diesen kontrollierten Konflikt nicht hin?

SKUPPIN: Ist das wirklich so? So wie der Mann den besten Freund hat, haben doch auch Frauen die beste Freundin. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es mal weibliche „Tatort“-Pärchen gibt, die sich als Kommissarinnen aneinander abarbeiten. Vor fünfzehn Jahren gab es auch keine weiblichen Comedians.

WIEPRECHT: Ich weiß nicht. Wer soll mit Cindy aus Marzahn zusammenarbeiten?

SKUPPIN: Das Problem, dass niemand zu ihm passt, hat doch auch Harald Schmidt. Der hat’s ja mehrfach versucht.

Dürfen wir auch mal was sagen?

WIEPRECHT: Freundschaften unter Männern werden ja auch zelebriert. Da geht man dann mal einen trinken und so. Das hat Schmidt mit Pocher vielleicht unterlassen. Dabei fällt mir ein, wir haben ein Buch geschrieben über Rituale. Der Verleger meint, wir sollten darauf hinweisen.

Sie sind hier nicht in einer Talkshow beim Fernsehen, meine Herren. Gibt es bei Ihnen auch Eifersucht?

WIEPRECHT: Ja, in materieller Hinsicht. Am Anfang haben wir uns wirklich gegenseitig die Butter vom Brot genommen. Wenn ein Kuchen auf dem Tisch stand, hat jeder geschaut, dass er das genau gleich große Stück bekommt. Robert müsste da eigentlich gelassener sein. Er kommt aus einer Familie mit vier Kindern.

SKUPPIN: Man schaute wirklich darauf, was der andere hat. Das kommt aus der Biografie der sozialen Aufsteiger, die wir beide sind.

Sie müssen doch irgendwie unterschiedlich sein, sonst wäre es langweilig.

SKUPPIN: Sicher. Er ist zum Beispiel der bessere Moderator. Er ist lustiger, kann besser sprechen, kann besser formulieren …

Sie sind der bessere Schauspieler, Herr Wieprecht.

WIEPRECHT: Nein, ich bin bescheidener. Ich kenne keinen Menschen, der so schlagfertig ist wie Robert.

SKUPPIN: Das sehe ich natürlich genauso. Aber Volker ist auch sehr, sehr schlagfertig. Davon lebt ja auch unsere Sendung. Es darf nicht zur Routine werden, obwohl wir seit 20 Jahren zusammenarbeiten. Wenn eine vermeintlich falsche Frage kommt und dem Gespräch einen völlig anderen Verlauf gibt, wenn wir improvisieren müssen, dann macht es immer noch richtig Spaß.

WIEPRECHT: Ich hasse es, wenn die Redaktion jede Pointe vorher durchspricht und ich dann in der Sendung Witze von vor eineinhalb Stunden wiederholen muss. Furchtbar.

SKUPPIN: Wir haben mal, während die Musik lief, was zum Thema der Sendung gesagt, fanden das beide unglaublich lustig und wollten die Hörer dran teilhaben lassen. Nach der Musik erzähle ich also alles noch einmal, die gleiche Geschichte. Wir schauen uns an und finden es beide nicht mehr lustig. So etwas kann man nicht – Achtung, Achtung! – ritualisieren.

Ist ja gut. Wir können über das Ritual-Buch sprechen. In Norwegen zum Beispiel …

WIEPRECHT: … das kannten Sie noch nicht, nicht wahr!

Warum hat sich der norwegische Brauch, nach der Abiturprüfung an siebzehn aufeinanderfolgenden Tagen Sex mit 17 verschiedenen Personen zu haben, dabei einmal auf einem Baum und einmal mit einer Person des eigenen Geschlechts, nicht auf der ganzen Welt verbreitet? Und wie erklärt sich die Zahl 17, warum nicht 16 oder 18?

SKUPPIN: In Norwegen stellt diese Sitte ein Riesenproblem dar. Die Politiker versuchen, sie einzudämmen, weil das Feiern des Abiturs immer exzessiver wird. Und die Zahl? Ich glaube, die alten Wikingerboote hatten 17 Mann an Bord.

WIEPRECHT: Nein, 16. Und vorne am Bug die Meerjungfrau.

Einer der bedeutendsten Philosophen ist eine völlig manische Person gewesen. Immanuel Kant ließ sich allmorgendlich von seinem Diener Lampe um genau 4 Uhr 55 mit genau den Worten „Es ist Zeit!“ wecken. Wenn auch nur ein Wort anders lautete oder Lampe sich um eine Minute verspätete, war Kant der ganze Tag verdorben.

WIEPRECHT: Kant hat auch versucht, den Hahn vom Nachbargrundstück zu kaufen. Der störte ihn mit seinem Krähen beim Nachdenken. Was mich am meisten irritiert, ist seine Sexualität: Er hatte offenbar keine. Frauen mochte er nicht, nicht mal zu seiner Schwester hielt er Kontakt. Seine Lehrstunden waren besetzt von ausschließlich männlichen Schülern. Schwul war er aber angeblich auch nicht. Nur einem Laster hat er gefrönt: Kant war ein Zocker. In jüngeren Jahren saß er nächtens in den Kneipen und spielte Karten. Er soll auch ein ziemlicher Trinker gewesen sein.

Warum braucht fast jeder Mensch Rituale, auch wenn er nicht so drauf ist wie Kant?

SKUPPIN: Wissenschaftler sagen, dass Rituale so alt sind wie die Menschheit. Sie sind notwendig, um Beziehungen aller Art stabil zu halten. Sie sind Verkehrsregeln, damit man überhaupt miteinander umgehen kann. Sie sind eine Voraussetzung, um in Gesellschaften überhaupt leben zu können. Die entscheidende Frage ist, unter welchen Ritualen wir leiden und welche uns helfen, glücklich zu sein.

Das heißt, mit den ersten Menschen hat es angefangen. Jagen, Nahrung, Sex.

WIEPRECHT: Das sind keine Rituale, sondern existenzielle Voraussetzungen. Ein Ritual wird es durch die Art, wie man es tut. Zum Beispiel die Frage, wer nach erfolgreicher Jagd als Erster am Lagerfeuer zugreifen darf. Wahrscheinlich der Häuptling.

SKUPPIN: Ein Ritual ist das Gegenteil von Freiheit. Eine Bindung. Nehmen wir das Weihnachtsritual. Ein Fest, das ursprünglich eine rein religiöse Bedeutung hatte. Aber wenn sich die Kirchen morgen aus dem Weihnachtswesen komplett zurückziehen würde – wir würden trotzdem Weihnachten feiern.

Es gibt auch Rituale, die neu entstehen, wie der Valentinstag, Wichteln, Babyshower-Partys oder Halloween.

WIEPRECHT: Ja, inklusive des Rituals, zu sagen, was Halloween für ein Scheiß ist.

Auch der Stammtisch existiert fast nur noch als Phrase in Leitartikeln, das Ansichtskartenschreiben verschwindet schleichend. Was ist eigentlich mit dem Friseurbesuch? Sie schreiben, das sei ein verschwindendes Ritual, zumindest bei Männern

WIEPRECHT: Die Innungen klagen darüber. Kurz nachdem das Buch fertig war, sah ich auf dem Kurfürstendamm eine Werbung mit einem extrem schlecht frisierten Menschen und der Frage: Lassen Sie jeden an Ihre Haare?

Ein Ritual, das wir in Ihrem Buch vermisst haben, ist der Tabubruch.

WIEPRECHT: Das ist schon Ritual 2.0. Das ist für die Spieler, die alle Regeln kennen. Zum Beispiel, wenn man vor dem Essen nicht „Guten Appetit“ sagt oder „Mahlzeit“, sondern: „Lass besser mich mal von deinem Teller essen“. Das ist eher lustig als unverschämt. Man spielt mit sozialen Gepflogenheiten, die jeder kennt.

SKUPPIN: Ein anderes Beispiel ist die Weihnachtspostkarte. Das ist ein Riesenaufwand. Man schreibt an Leute, die man vielleicht einmal im Leben gesehen hat. Völlig sinnentleert, trotzdem machen alle mit.

Interessanterweise verschwindet die Urlaubspostkarte zugunsten der E-Mail oder eines Fotos, das mit dem Handy verschickt wird. Die Weihnachtskarte ist zählebiger.

WIEPRECHT: Bei mir ist sie der selbst gebrannten CD gewichen: Mein Jahr in Liedern. Das ist mein Jahresendritual.

Beerdigungen werden ja auch immer individueller, da schafft man sich seine eigenen Rituale.

WIEPRECHT: Ich weiß und fürchte, dass es eine dieser Veranstaltungen geben wird, bei der ich auf jeden Fall dabei sein werde. Aber auf die werde ich nicht viel Einfluss nehmen. Es stimmt, die Rituale von früher gelten nicht mehr. Carmen Thomas hat ja mal dieses Buch geschrieben.

Frau Thomas, die Radiomoderatorin, auch sie legendär.

SKUPPIN: Du meinst „Urin ist ein ganz besonderer Saft“?

WIEPRECHT: Nein, das andere, in dem sie darüber berichtet, dass Tote früher so lange in der Wohnung aufgebahrt wurden, bis Leichengeruch einsetzte. Das ist heute nicht mehr erlaubt.

SKUPPIN: Es gibt im Internet Diskussionsforen dazu, dass auch Organe beerdigt werden müssen. Die Galle wird entfernt, und die kann man doch nicht einfach wegwerfen. Die muss doch auch bestattet werden. Ich stell mir vor, dass es demnächst auch Transplantations-Friedhöfe gibt.

Vielleicht bürgert sich auch das tibetische Ritual ein. Die Tibeter verfüttern ihre Toten an die Vögel.

WIEPRECHT: Das hat in Tibet zwei Gründe. Zum einen liegt es an der Höhe. Man kommt auf 3000, 4000 Meter Höhe einfach nicht tiefer als 20, 30 Zentimeter in den Boden. Alles ist vereist oder felsig. Zum anderen ist der tibetische Buddhismus darauf aus, allen Lebewesen zu nutzen. Wir machen das im Grundsatz ähnlich und verfüttern uns an die Würmer, aber eben nicht mit dem Wunsch, es den Würmern gut gehen zu lassen.

Eines der wichtigsten Fernsehrituale ist die „Tagesschau“. Die „Tagesschau“ wurde nur ein einziges Mal verschoben: Weil Michael Jackson gestorben war, fing sie ein paar Minuten später an.

SKUPPIN: Das hat man wahrscheinlich nur deshalb gewagt, weil das Familienritual „Tagesschau“ schon nicht mehr so stark war. Die große Zeit des „Tagesschau“-Rituals liegt etwas zurück. Ich habe das zu Hause erlebt. Meine Eltern beendeten Gespräche mit den Worten: Gleich kommt die Tagesschau. Wenn zwischen 20 Uhr und 20 Uhr 15 das Telefon klingelte, da schaute mein Vater irritiert, Es war eigentlich unvorstellbar, dass da jemand anruft. Schlimmstenfalls war es ein Freund meiner Schwester.

Ein sehr erstaunliches Ritual ist das Trinkgeld des Delinquenten für den Scharfrichter.

WIEPRECHT: Damit er das Schwert schön scharf macht. Bei Verbrennungen gab der Delinquent dem Henker Geld, damit er feuchtes Holz nimmt. Das hatte den Vorteil, dass man erstickte, bevor man verbrannte.

Herr Wieprecht, Herr Skuppin, warum haben Sie das Buch überhaupt geschrieben? Sie sind doch gut beschäftigt und verdienen vermutlich genug.

SKUPPIN: Marketingexperten raten auch eher dazu, sich auf eine Tätigkeit zu konzentrieren. Aber das Leben ist halt mehr als immer nur eine Sache.

Eine Scheidung ist unmöglich, oder? In solchen Paar-Konstellationen gelingt es nur selten, dass beide erfolgreich als Solisten weitermachen.

WIEPRECHT: Bei Art Garfunkel lief es nach der Trennung jedenfalls weniger schön als bei Paul Simon. Aber wir haben ja nicht nur erfolgreiche Sachen zusammen gemacht. Unsere Kneipe funktionierte beispielsweise nicht. Wir hatten die Haltung, ja, ja, egal was, geht schon. Zu zweit sind wir stark. Aber wir haben gelernt, dass auch wir nur Schuster sind, die bei ihren Leisten bleiben sollten.

Fernsehen ging auch nicht.

SKUPPIN: Wir haben es probiert. Zwei Sendungen. Wir fanden uns eigentlich ganz gut.

WIEPRECHT: Aber die Quoten waren ein Desaster. Jetzt schreiben wir eben Bücher.

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