Zeitung Heute : Interview

Gibt es in Deutschland Defizite beim Impfen?

Vor wenigen Tagen hat die Weltgesundheitsorganisation Europa zum dritten poliofreien Kontinent erklärt, neben Australien und den USA. Auch die Pocken sind durch weltweite Impfkampagnen ausgerottet worden. Aber solange Erreger noch existieren, nutzen sie jede Lücke im Immunschutz des Menschen. Masern und Diphtherie sind ein Beispiel. Über Defizite beim Impfschutz sprachen wir mit Professor Friedrich-Carl Sitzmann von der Kinderklinik der Universität des Saarlandes in Homburg. Er ist Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim Robert-Koch-Institut in Berlin.

Gibt es in Deutschland Defizite beim Impfen?

Mit dem Impfstatus der Kinder bis zum zweiten Lebensjahr sind wir eigentlich ganz zufrieden. Etwa 90 Prozent der Eltern lassen beim Kinderarzt die ersten empfohlenen Impfungen machen. Aber die zweite Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln, die vier Wochen nach der ersten erfolgen sollte, möglichst aber bis zum Ende des zweiten Lebensjahres, wird dann schon häufig nicht mehr vorgenommen. Gegen Masern ungeimpfte Kinder können nicht nur selbst krank werden, sie können dann auch andere anstecken. Das gilt auch für Keuchhusten. Die STIKO empfiehlt, sich nach der Grundimmunisierung als Säugling oder Kleinkind zwischen dem 9. und 17. Lebensjahr wieder gegen Keuchhusten impfen zu lassen, damit man vor allem Säuglinge nicht infiziert.

Und wie sieht es mit den Impfungen bei Erwachsenen aus?

In der erwachsenen Bevölkerung gibt es Impflücken vor allem bei Diphtherie. Diphtherie ist bei uns ausgerottet, aber sie kann aus anderen Ländern eingeschleppt werden. So traten gelegentlich auch in Deutschland einzelne Fälle auf. Würden wir nicht gegen Diphtherie impfen, könnte sie wieder häufiger werden. Und viel zu wenig Menschen über 60 Jahre nehmen die Empfehlung der STIKO wahr, sich gegen eine Virusgrippe immunisieren zu lassen und gegen Pneumokokken, die schwere Lungeninfektionen hervorrufen können. Übrigens bezahlt die Krankenkasse alle von der STIKO empfohlenen Routine-Impfungen.

Ein Argument gegen das Impfen sind Nebenwirkungen bis hin zu lebensbedrohlichen Komplikationen. Wie häufig sind denn unerwünschte Wirkungen?

Gelegentlich treten leichte Nebenwirkungen wie Hautrötungen, Schmerz oder Schwellungen an der Einstichstelle, leichtes Fieber oder Krankheitsgefühl auf. Nach der Masernimpfung können sich milde verlaufende Impfmasern ohne Krankheitsgefühl und ohne Fieber entwickeln. Aber Hirnentzündungen, wie sie bei einem von etwa tausend Maserninfizierten auftreten, gibt es nach Impfungen nicht.

Gibt es Menschen, die sich nicht impfen lassen sollten?

Menschen mit angeborenen oder erworbenen Immunschwächen sollten nicht mit Lebendimpfstoffen immunisiert werden. Diese Vakzine enthalten abgeschwächte Erreger. Zu diesen Impfstoffen gehören zum Beispiel Masern-, Mumps- und Röteln-Impfstoffe, aber auch Windpocken- und Gelbfieber-Vakzine. Während einer Chemotherapie zur Behandlung von Krebs sollte man nicht impfen, auch nicht unmittelbar nach einer Organtransplantation. Wenn ein Immunschutz akut nötig ist, können Immunglobuline als passive Immunisierung gegeben werden. Totimpfstoffe sind weniger kritisch, weil sie keine vermehrungsfähigen Krankheitserreger enthalten. Bei Kindern mit Neurodermitis oder Ekzemen raten wir von der Windpockenimpfung ab, ebenso Frauen im gebärfähigen Alter, wenn sie keine Windpocken hatten.

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