Zeitung Heute : Intifada an der Seine

Sabine Heimgärtner

Die Klassenzimmer riechen nach Feuer. Wände und Möbel sind rußgeschwärzt. Bis zum 29. Dezember vergangenen Jahres war hier Platz für 1000 Schüler. Am 30. kamen die Attentäter. Zum Glück waren Ferien.

"Wir haben Angst", sagt Carole, Mutter von drei Töchtern, die die Schule im Pariser Vorort Créteil besuchen, in dem die mit 25 000 Mitgliedern zweitgrößte jüdische Gemeinde Frankreichs lebt. Die brennende Schule ist der vorläufige Höhepunkt einer Reihe von Attacken gegen jüdische Einrichtungen. Über 400 Angriffe registrierte das französische Innenministerium in den vergangenen 15 Monaten - die Vorfälle reichen von Brandsätzen gegen Synagogen über Zerstörungen von koscheren Restaurants und Geschäften bis hin zu Aggressionen gegen prominente jüdische Persönlichkeiten. Erst Mitte Dezember musste eine "Harry-Potter"-Aufführung vor jüdischen Kindern in Paris nach einer Drohung gegen das Kino abgesagt werden.

Monatelang beachteten Politiker und Presse die Feindseligkeiten nicht. Lediglich die israelische Regierung legte den Finger auf die neue Wunde und brandmarkte Frankreich als das westliche Land mit dem deutlichsten Antisemitismus. In dem Teil von Paris, in dem die meisten der rund 600 000 französischen Juden leben, war es jahrelang ruhig. Rund um den Park Buttes Chaumont etwa, wo sich nach der Jahrhundertwende osteuropäische Juden niederließen und das Straßenbild am Sabbat von strenggläubigen Männern geprägt ist, oder im bei Touristen beliebten 4. Arrondissement, dem Marais, dem klassischen Viertel der Pariser. Nun erinnert man sich hier an den 8. August 1982, als Killer mit Maschinenpistolen das Restaurant "Jo Goldenberg" stürmten, sechs Menschen töteten und 22 verletzten. Ein Blutbad auch zwei Jahre zuvor bei einem Anschlag auf die Synagoge in der Rue Copernic. Genau wie damals sind die Aggressoren nicht, wie etwa in Deutschland, Rechtsradikale, sondern arabischstämmige Täter.

In den 80er Jahren waren es palästinensische Killerkommandos, die im Zusammenhang mit dem Libanon-Krieg gegen jüdische Einrichtungen vorgingen. "Heute sind es zu 99,9 Prozent junge Franzosen nordafrikanischer Abstammung, schlecht integriert, arbeitslos, die in den trostlosen Vorstädten herumlungern", sagt Emmanuel Weintraub. Er ist Mitglied des Rates der jüdischen Vereinigungen in Frankreich, und man glaubt, sich verhört zu haben, wenn er auch nach den jüngsten Ereignissen betont: "Eines weiß ich, es gibt keinen Antisemitismus in Frankreich."

Für ihn handelt es sich um, wenn nicht apolitische, so auf jeden Fall politisch nicht gezielte Aggressionen. "Halunken, frustrierte Jugendliche, die ihre Identität suchen und glauben, sie in der Solidarität mit den Palästinensern oder radikalen Muslimen gefunden zu haben."

Also Nahost-Konflikt, Schauplatz Frankreich? Tatsächlich schnellte die Statistik antijüdischer Übergriffe in Frankreich mit dem Beginn der zweiten Intifada gegen Israel Ende September 2000 in die Höhe. Seit den Anschlägen am 11. September rollt eine neue Welle. An den Wänden der Schule in Marseille, die im Oktober nach den Attentaten gegen die USA in Brand gesteckt wurde, prangte ein eindeutiges Graffiti: "Es lebe Osama bin Laden, Tod den Juden."

Antizionismus, Antisemitismus, Antiisraelismus? Eine Pariser Lehrerin, die jeden Tag in eine Schule in der Vorstadt fährt, brachte das Problem in "Le Monde" auf den Punkt: "Osama bin Laden ist zum Helden der Unterprivilegierten geworden, und das sind dieselben, die den Holocaust für eine Erfindung halten."

Zudem sei die Gesellschaft in Frankreich heute abgestumpft, Schlägereien, brennende Autos, eingeschlagene Fensterscheiben, man habe sich an alle Arten von Gewalt gewöhnt. Zu einem Protestmarsch nach der Brandstiftung gegen die Schule in Créteil kamen gerade mal 800 Menschen. Die zwei Lager, die jüdische Gemeinde mit ihrem traditionell großen Einfluss in Frankreichs Regierungs- und Intellektuellenkreisen und die knapp sechs Millionen umfassende muslimische Gemeinde mit zehnmal so viel Wählern, werden den Politikern noch einiges Kopfzerbrechen bereiten. Auch wenn Frankreichs Politiker die antijüdischen Attentate immer wieder verurteilen, für viele französische Juden ist Frankreich nicht mehr unparteiisch. Der Regierung machen sie indirekt den Vorwurf, angesichts der aktuellen internationalen Konflikte die historischen Verbindungen zur arabischen Welt zu stark in den Vordergrund zu rücken. Der Konflikt wird sich in den kommenden drei Monaten bis zu den Parlamentswahlen womöglich noch hochschaukeln.

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