Zeitung Heute : Investor Relations: Die Wahrnehmungslücke schließen

Regina-C. Henkel

Über 12,3 Millionen Bundesbürger sind Aktionäre. Und sie sollen es bleiben - Internetpleiten hin, Kurseinbußen her. Das zumindest hat sich die wachsende Zunft der Investor Relations (IR) Manager vorgenommen. Die kommunikative Bewältigung der Börsen-Krise in den vergangenen Wochen und Monaten gibt jede Menge Gelegenheit, die Ärmel hochzukrämpeln. Doch viele IR-Beauftragte stoßen dabei an die Grenzen ihres Know-hows. Sie nennen sich zwar IR-Manager, sind aber für die speziellen Aufgaben in den inzwischen fast 1000 börsennotierten Unternehmen gar nicht ausgebildet. Ein Berufsbild für die Öffentlichkeitsarbeit an der Schnittstelle zwischen Vorstand, Wirtschaftsprüfern, Banken, Investoren, Kleinanlegern, Analysten und Medien existiert nicht.

Immerhin: Nach einer Untersuchung des Handelsblatt-Investor-Relations-Monitor 2000 haben Unternehmen, die im Aktienindex Dax geführt werden, im vergangenen Jahr 4,7 Milliarden Mark für IR-Arbeit ausgegeben. Die aus dem MDax und SDax zusammen 927 000 Mark und die vom Nemax 774 000 Mark. Schließlich soll Investor Relations-Arbeit mehr sein als traditionelle Unternehmenskommunikation: mindestens eine Mischung aus Public Relations, Betriebswirtschaft und Juris Prudens. Genau sagt es die Satzung der Öffentlichkeitsarbeiter, die sich im Berufsverband "Deutscher Investor Relations Kreis" (DIRK) zusammengeschlossenen haben. Sie sehen ihre Aufgabe "in der zielgerichteten, systematischen und kontinuierlichen Kommunikation mit tatsächlichen und potenziellen Anteilseignern einer börsennotierten Aktiengesellschaft sowie mit Finanzanalysten und Anlageberatern über das vergangene, laufende und vor allem zukünftig erwartete Geschäft des Unternehmens".

Mit den klassischen Instrumenten der Unternehmenskommunikation ist da nicht mehr viel zu bewegen. Ein paar Aktionärsbriefe zu verschicken oder auch fristgerecht zur Hauptversammlung einzuladen, reicht schon lange nicht mehr aus. Doch inzwischen sind auch die neuen, schnellen Informationsinstrumente in Verruf geraten. Als sich Ende vergangenen Jahres über 250 IR-Manager in München trafen, wurde vor allem die missbräuchliche ad hoc-Publizierung kritisiert. Es hieß sogar: "Die Glaubwürdigkeit der Unternehmensmeldungen ist heute nicht mehr gegeben." Lisa Richart, PR-Chefin der MorphoSys AG prognostizierte für die Zukunft neue Kanäle als die der klassischen Medien für die Kommunikation und meinte: "Chat Rooms nehmen hinsichtlich der Transparenz von IR eine zunehmend höhere Bedeutung ein."

Wie richtig sie damit liegt, bestätigt eine Befragung der Beratungsgesellschaft Ernst & Young, nach der 40 Prozent der amerikanischen Aktiengesellschaften ihre Hauptversammlungen demnächst live im Internet übertragen wollen". Das so genannte "proxy voting", also die Stimmrechtsübertragung via E-Mail, ist in 20 Bundesstaaten möglich. Doch das ist für deutsche Unternehmen - und deutsche IR-Manager - noch Zukunftsmusik. Bislang klappt es nicht einmal mit Anlegerinformation via Homepage und E-Mail. Die Fachhochschule Münster hat im vergangenen Jahr rund 250 deutsche börsennotierte Unternehmen erneut auf Anlegerinformationen analysiert und eine beim Institut für Internet-Marketing eine Studie veröffentlicht. DaimlerChrysler kam auf Rang eins, der Vorjahressieger SAP rutschte auf Platz sechs ab. Unterm Strich bekamen die Unternehmen eher schlechte Noten. Die multimediale Know-how-Lücke beim IR-Management ist offensichtlich, das bestätigte auch eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Mummert + Partner.

Nicht viel besser ist es um juristisches Wissen bestellt. Dass IR-Manager nach dem 2. Finanzmarktförderungsgesetz von 1994 keine Insider-Informationen weitergeben und nach Paragraf 14 des Wertpapierhandelsgesetzes (WpHG) auch nicht selbst nutzen dürfen, wissen die meisten Finanzkommunikationsexperten. Schließlich können sie privat in die Haftung genommen werden. Doch es geht um mehr. Peter Nietzold, Projektmanager beim PR Kolleg Berlin, das vergangene Woche ein halbjähriges berufsbegleitendes Seminar für angehende Investor Relations Manager gestartet hat: "Neueinsteiger erschließen sich heute mit learning by doing die noch fehlenden Bereiche. Das kann erfolgreich sein, aber auch zum Desaster führen. In täglicher Kleinarbeit geht es darum, die Wahrnehmungslücke zwischen Unternehmenswert und Börsenkapitalisierung zu schließen. Dafür werden kompetente Beauftragte für Investor Relations, direkt den Vorständen unterstellt, gebraucht". Andreas Albath, Geschäftsführer der mit 135 000 Angeboten und 400 000 Lebensläufen europaweit größten Internet-Jobbörse stepstone.de, bestätigt das hohe Anforderungsprofil für IR-Manager. Seine Beobachtung: "Gerade im Neuen Markt wird oft noch sehr unprofessionell gerarbeitet. Die größte Herausforderung ist weniger die Öffentlichkeitsarbeit nach außen als die Fähigkeit, die Strategien und Regeln auch intern im Unternehmen durchzusetzen".

Das Seminar am PR Kolleg Berlin umfasst alle Know-how-Bereiche, die in der DIRK-Satzung als notwendig angesprochen werden. "Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein", weiß Seminarleiter Peter Nietzold, denn das Angebot ist bundesweit einmalig. Bis sich auch andere Institute für Seminarofferten entschließen, müssen sich Investor Relations-Manager wohl oder übel in Eigeninitiative aus- und weiterbilden.

Das Internet bietet viel Gelegenheit. Beispielsweise dient der Investor-Relations-Dienstleister financial.de AG sein Portal " www.irportal.com " als "Informationsfilter" sowie als "Anlaufstelle für Aktiengesellschaft und Schaufenster der Aktiengesellschaften zugleich" an. Mit Superlativen wirbt auch die Münchner EquityStory AG für sich als "weltweit erste Investor Relations-Internetplattform für Finanzprofis".

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