Zeitung Heute : Irakische Verhältnisse in Afghanistan

35 Tote bei Selbstmordanschlag in Kabul / EU-Sondergesandter spricht von strategischen Fehlern

Ruth Ciesinger,Ulrike Scheffer

Berlin - Afghanistan droht ähnlich wie der Irak in Chaos und Gewalt abzugleiten. Bei einem Selbstmordanschlag in der afghanischen Hauptstadt Kabul kamen am Sonntag 35 Menschen ums Leben, darunter 20 Polizisten. Der Täter sprengte sich in einem Polizeibus in die Luft. Es war der schwerste Anschlag seit dem Sturz der Taliban Ende 2001. Die radikalislamischen Gotteskrieger versuchen mit allen Mitteln, Afghanistan wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Da sie den afghanischen und internationalen Truppen auf offenem Feld jedoch klar unterlegen sind, überziehen sie das Land zunehmend mit Terror. Allein 2006 verübten die Taliban 140 Selbstmordattentate. Ähnlich wie die mit ihnen verbündete Al Qaida im Irak greifen sie dabei vor allem Polizisten und andere Vertreter der neuen Ordnung an. Doch auch unbeteiligte Zivilisten gehören zu den Opfern. Immer mehr Afghanen versuchen daher, ihr Land zu verlassen, wie ausländische Beobachter berichten.

Der EU-Sondergesandte für Afghanistan, Francesc Vendrell, gestand unterdessen strategische Fehler der internationalen Gemeinschaft in Afghanistan ein. „Wir haben die Warlords nicht entwaffnet oder zerschlagen, haben schlechte Gouverneure zugelassen und Korruption“, sagte er dem Tagesspiegel. Das habe unter den Afghanen zu großer Enttäuschung geführt. „Obwohl die meisten Afghanen glauben, dass die internationale Militärpräsenz wichtig ist, sehen viele diese weniger begeistert als 2002“, sagte Vendrell.

Das jüngste Attentat ist auch ein Angriff auf die neue Polizeimission der EU für Afghanistan, die am Sonntag begann. Der „Eupol Afghanistan“ gehören rund 200 Polizisten aus zahlreichen EU-Mitgliedsländern sowie aus Kanada und Norwegen an. Diese sollen in den kommenden drei Jahren beim Aufbau einer afghanischen Polizeitruppe helfen. Die Leitung der EU-Ausbildungsmission hat der frühere Chef der deutschen Anti-Terror-Einheit GSG 9, Friedrich Eichele, übernommen. Deutschland stellt für die EU-Mission etwa 60 Ausbilder und andere Experten. Die neue EU-Operation löst die bisherige deutsche Polizeimission in Kabul ab, bei der rund 40 deutsche Polizisten im Einsatz waren. Die Arbeit der Deutschen war nicht unumstritten. Besonders die USA, die parallel in Schnellkursen Polizisten durch private Sicherheitsdienste ausbilden, bemängelten, der deutsche Ansatz sei zu langsam. Der EU-Sondergesandte Vendrell äußerte jetzt in Berlin Verständnis für die Kritik.

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