Zeitung Heute : Iran: Der durchlöcherte Schleier

Tim Rainer

Die Chemiestudentin, die zufällig des Weges kommt, redet sich in Rage: "Eigentlich sollte man das nicht ernst nehmen. Aber ich rege mich jedes Mal wieder auf." Mit einer Kopfbewegung deutet sie hoch auf ein großes Filmplakat nahe dem belebten Teheraner Tajrish-Platz. Der Mund der iranischen Star-Schauspielerin Nicky Karimi ist mit einem schwarzen Tuch verhängt. "Das waren die Mullahs und ihre Freunde", zischt sie, bevor sie sich mit einem Ruck abwendet und in ein Sammeltaxi einsteigt.

Auch an anderen Stellen der iranischen Hauptstadt haben die Revolutionswächter in letzter Zeit wieder demonstrativ Zeichen gesetzt. Verblichene Heldenmalereien ließen sie mit frischen Farben aufpolieren. Vor den Gebäuden präsentieren sich die uniformierten Garden breitbeinig mit ihren Gewehren, während die Menschen auf den Bürgersteigen schnell an ihnen vorbeihuschen. Als drei junge Männer mit einem betagten weißen Auto, auf dem "Pink Floyd" geschrieben steht, an der ehemaligen amerikanischen Botschaft entlangrollen, werden sie angehalten und über eine Stunde lang verhört.

Die Atmosphäre im Land ist gespannt. Am Freitag wählt Iran einen neuen Präsidenten. Ein offener Wahlkampf findet nicht statt, Plakate der Kandidaten sind Mangelware. Stattdessen dominieren seit Monaten subtile Einschüchterung, moralische Gängelung und harte Polizeieinsätze. Seit zwei Jahren spitzt sich der Machtkampf zwischen Reformkräften und der konservativen Geistlichkeit zu. Mitarbeiter des iranischen Geheimdienstes ermordeten Schriftsteller und Intellektuelle, Studentendemonstrationen wurden niedergeknüppelt. Mitstreiter des bisherigen Präsidenten Mohammed Chatami sehen sich mit absurden Anklagen überhäuft, während der Staatschef dem Treiben seiner orthodoxen Widersacher ohnmächtig zusehen muss.

Er habe nur ein Viertel der exekutiven Machtmittel, über die normalerweise ein vom Volk gewählter Präsident verfüge, klagte Chatami vor Studenten auf dem Teheraner Campus. Seine Gegner dagegen, allen voran der auf Lebenszeit ernannte Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei, kontrollieren Militär, die Milizen und Revolutionären Garden, die Justiz und die reichen religiösen Stiftungen. Mittlerweile sitzen in Iran mehr Journalisten hinter Gittern als in jedem anderen Land der Welt. Rund 30 reformorientierten Zeitungen wurde die Lizenz entzogen. Ein Chefredakteur muss dieser Tage vor Gericht erscheinen, weil ein Redakteur seiner Zeitschrift die Existenz des Erzengels Gabriel in Zweifel gezogen hat. Vor zwei Wochen schloss die Polizei in Teheran mit einem Schlag 400 Internet-Cafés.

Mindestens 70 Prozent

Trotzdem will es Chatami, der vor vier Jahren mit fast 70 Prozent der Stimmen gewählte Reform-Präsident, noch einmal wissen. Bis zur letzten Minute hatte er gezögert, seine Kandidatur für eine zweite Amtszeit offiziell anzumelden. Seither konnte der 57-Jährige den Konservativen einen einzigen öffentlichen Wahlkampfauftritt im Teheraner Fußballstadion abringen. 25 000 kamen und feierten ihren Präsidenten. Der bezeichnete die Fortsetzung der Reformen als "absolut notwendig" und sagte, man müsse die iranische Gesellschaft auf dem Fundament der Freiheit organisieren. Allerdings muss Chatami mindestens die 70 Prozent Stimmen vom Mai 1997 erneut einfahren, damit er seine Politik aus einer Position der Stärke fortsetzen kann. Ernst zu nehmende Gegenkandidaten gibt es nicht. Darum ist die Wahl de facto auch ein Referendum über den Reformkurs.

Jede Demütigung durch die religiösen Betonköpfe scheint die Popularität Chatamis allerdings noch zu steigern. Vor allem junge Leute und Frauen setzen ihre Hoffnungen auf ihn. Wählen dürfen alle, die älter als 15 Jahre sind. Und unter Teenagern ist Chatami besonders beliebt. "Alle Lockerungen, die wir heute haben, verdanken wir ihm", sagt die Abiturientin Sabah Habibi. Erstmals seit 20 Jahren existiert in den Städten wieder ein bescheidenes öffentliches Freizeitleben. Cafés und Jugendtreffs sind entstanden. Auf der Straße dagegen leben Liebespaare nach wie vor gefährlich. Wer zusammen geht und nicht verheiratet ist, muss mit auf die Polizeistation. Das bedeutet mindestens eine Nacht Gefängnis.

"Iran ist ein wunderschönes Land, die meisten Menschen sind nett und angenehm - aber hier zu leben ist schrecklich", sagt die Kindergärtnerin Faezeh Tafreshi. Alle, die sie kennt, haben es satt, sich von schiitischen Moralaposteln weiter Vorschriften machen zu lassen.Die meisten haben nie eine Moschee von innen gesehen. Stattdessen sammeln sie E-mail-Adressen. Amerikanische Chat-Partner stehen besonders hoch in Kurs, und mancher liest regelmäßig morgens am Computer die "New York Times" oder die "Washington Post". Dabei berichten auch die verbliebenen inländischen Zeitungen mittlerweile erstaunlich offen über gesellschaftliche Schattenseiten der Islamischen Republik: Hohe Arbeitslosigkeit, Lohnbetrug, Wirtschaftskriminalität, Armut, Drogenhandel, Gewalt in der Familie, Aids und Unterernährung von Kindern gehören ebenso dazu wie eine rätselhafte Mordserie an 13 Prostituierten in der heiligen Stadt Mashad. Prostitution ist in Iran verboten und wurde bis vor kurzem total tabuisiert. Geheimdienstminister Younessi räumte sogar kürzlich ein, sein Land müsse jährlich 800 000 neue Jobs schaffen, um allen Heranwachsenden eine Zukunft bieten zu können. Real erreicht wird gerade ein Zehntel des Notwendigen.

Eine von vielen, die nach der Universität keine Arbeit gefunden haben, ist Fatemeh Ahovan. Die Medizinerin schlägt sich mit privatem Englisch-Unterricht durch. Unter ihrem farbigen Kopftuch schauen die Haare hervor, auf dem Rücken hängt offen ihr Zopf herunter. "Das ist unsere neue Frauenmode für 2001" scherzt sie. Ihr Mantel geht nicht mehr - wie vorgeschrieben - bis zu den Schuhen, sondern endet am Knie. Haare und Jeans sind offen zu sehen, noch vor kurzem ein völlig undenkbarer Verstoß gegen die religiöse Zwangsmode. Doch die Zeiten, da Iranerinnen für Make-up oder Jeans von Revolutionswächtern Prügel bezogen, scheinen endgültig vorbei zu sein.

Aufbruch der Frauen

Vergangene Woche versprach Präsident Chatami gar, er werde nach einem Wahlsieg die Rechte der iranischen Frauen "wiederherstellen". Schon heute sind iranische Frauen besser gebildet, selbstbewusster und im öffentlichen Leben ihres Landes präsenter als in vielen anderen islamischen Staaten des Nahen Ostens. Mehr als die Hälfte aller iranischen Studenten ist weiblich, vor allem in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen wächst ihr Anteil.

Wer Computer und CD-Brenner besitzt, kann auf dem Unterhaltungs-Schwarzmarkt gutes Geld verdienen. Kopiert wird alles, was gefällt - vorwiegend natürlich verbotene amerikanische Musik-Clips oder Filme mit freizügigen Liebesszenen. Die elektronische Revolution öffnet den Heranwachsenden Freiräume, die selbst ihre Eltern nicht mehr überblicken, geschweige denn die offiziellen Tugendwächter. Internet und CD-Brenner haben das orthodoxe Ideal einer islamischen Gesellschaft, abgeschottet von den verderblichen westlichen Einflüssen, längst total durchlöchert.

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