Zeitung Heute : Iran spielt nicht mehr gegen den "Großen Satan"

HARTMUT SCHERZER

LYON .Das Spiel Nummer 30, Ortstermin Stade Gerland in Lyon am Sonntag um 21 Uhr, ist das "politisch geladene" ("USA Today") der Fußball-Weltmeisterschaft: Iran gegen den "Großen Satan".Die amerikanischen Medien übernehmen nur zu gerne im Sprachgebrauch ihrer Sportberichte die Verteufelung ihres Landes in Teheran während der Islamischen Revolution vor fast zwanzig Jahren."Das wird ein Fressen für die politische Presse", ahnte der amerikanische Trainer Steve Sampson schon bei der Auslosung im letzten Dezember.Doch mittlerweile hat die Teufelsaustreibung begonnen, seit Bill Clinton im März Glückwünsche anläßlich des iranischen Neujahrsfestes nach Teheran sandte und in diesen Tagen, rechtzeitig zum Spiel, dem neuen, moderaten Staatspräsidenten Mohammad Chatami "normale Beziehungen" anbot.

19 Jahre nach der Geiselnahme und dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen sollen sich die Erzfeinde auf dem Fußballplatz "freundschaftlich gegenübertreten." Davon schreibt auch der Präsident des Fußballverbandes der Islamischen Republik Iran, Mosen Safaie Farahani, in einer Art Leitartikel der iranischen WM-Broschüre.Die Behauptung, er habe den Spielern den Trikottausch verboten, sei eine bösartige Falschmeldung.Vielmehr überraschte der iranische Nationaltrainer Jalal Talebi (53) drei Tage vor dem Spiel auf der Pressekonferenz im Quartier in Yssingeaux das Riesenaufgebot amerikanischer Medien mit der Ankündigung: "Vor dem Anpfiff werden wir unseren Gegnern ein Geschenk überreichen.Doch lassen Sie mir bitte die Überraschung, was es sein wird." Der Mann mit dem kahlen Kopf, dem buschigen Schnauzbart und dem treuen Hundeblick wäre ohne die Bereitschaft des Iran zur Versöhnung mit den USA kaum drei Wochen vor der WM (am 21.Mai) von Chatamis Sportfunktionären zum Nationaltrainer bestellt worden.Manchen ahnungslosen amerikanischen Reporter verblüffte Talebi nicht nur mit seinem guten Englisch, sondern auch mit seinem amerikanischen "background".14 Jahre lang lebte er als herumziehender Fußballehrer in Kalifornien, hatte 1983 die Heimat verlassen.Mit seiner Frau Sira betrieb er in Palo Alto ein vegetarisches Restaurant."Wir haben es verkauft, damit sich meine Frau ganz ihrem Geschäft für Hautpflege widmen kann", erzählte er freimütig.Seine beiden ältesten Söhne haben die Universät in San Jose und San Francisco abgeschlossen.Der Jüngste, 17 Jahre alt, spielt Fußball und hofft auf einen Platz im Universitätsteam von Ucla."Bardia ist das größte Talent in der Bay Area", behauptet Talebi voller Vaterstolz.Die amerikanischen Spieler geben nichts auf die politische Brisanz des Spiels."Das kümmert uns nicht", sagt Tab Ramos."Ich habe keinen gehört, der gesagt hätte: Laßt uns die Iraner schlagen, laßt es uns für Bill Clinton tun.Ich glaube, die Politik ist wichtiger für sie als für uns."

Wie den "Großen Satan" zitieren die amerikanischen Medien gerne Khodadad Azizi vom 1.FC Köln, der mit seinem Tor in letzter Minute gegen Australien den Iran nach Frankreich schoß und zum Volkshelden aufstieg.Die Sätze, die den kleinen, wuseligen Stürmer mit dem Vornamen "Gabe Gottes" (so die Übersetzung von Khodadad) als religiösen und nationalistischen Eiferer hinstellen, müssen noch aus der Zeit vor der Annährungen zwischen Clinton und Chatami stammen.Azizi in der WM-Ausgabe des Magazins "Time": "Die USA haben unser Land feindlich behandelt, im Krieg gegen den Irak unsere Feinde unterstützt.Deswegen wird der Sieg gegen die USA ein ganz besonderer." Der "Herald Tribune" zitiert Azizi: "Viele Familien und Märtyrer erwarten von uns, daß wir die USA schlagen.Wir werden für ihr Heil siegen." Jetzt gibt sich auch Azizi moderat: "Es ist notwendig, daß wir gewinnen." Aber nicht mehr, weil der Gegner USA heiße, sondern weil es die Chance zu wahren gelte, das Achtelfinale zu erreichen.

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