Zeitung Heute : Irgendwie himmlisch

KERSTIN DECKER

Danny Bole goes America: "Lebe lieber ungewöhnlich"KERSTIN DECKERJetzt bloß keinen Fehler machen! Jetzt bloß keine Vergleiche mit "Trainspotting"! Denn es ist hundsgemein, Menschen an sich selbst zu messen.Vor diesem Maßstab wird jeder zum Versager."Trainspotting": Das war diese grandiose Stakkato-Meditation über die allesentscheidende Frage im Leben: Gibt es eigentlich Gründe, keine Drogen zu nehmen? Mittelmäßige Leute hätten nie einen solchen Film draus gemacht, aber die Briten Danny Boyle (Regie), Andrew Macdonald (Produktion) und John Hodge (Drehbuch) ...sind jetzt nach Amerika gefahren.Und Ewan McGregor, ihren Haupt-Junkie, haben sie auch mitgenommen. Gibt es eigentlich Gründe, nicht nach Amerika zu fahren? Exakt das haben sich die Briten auch gefragt und eine amerikanische Komödie gedreht.Was ganz Romantisches also, wo zwei sich nachher doch noch kriegen und furchtbar glücklich werden müssen miteinander.Natürlich funktionieren solche Geschichten nicht ohne höhere Hilfe.Erzengel Gabriel hat die Angelegenheit zur Chefsache erklärt.Er sieht aus wie Joachim Gauck.Sein Hauptquartier ist der Himmel - ein Ort, wo alle Dinge ihre endgültige Ruhe und Ordnung finden sollen.Und himmlische Heerscharen kümmern sich da um nichts als Akten, Akten, Akten.Nur zwei Hilfsengel werden von Gabriel-Gauck auf die Erde abkommandiert, um mal wieder ein gutes Werk zu tun.Möglichst grell sollte es schon sein, also: Millionärstochter heiratet armen Teufel, mindestens.Der Himmel hat in solchen Dingen ja denselben Geschmack wie die Boulevardpresse. Manches aber ist hier schon ein bißchen anders als sonst in einer Screwball-Comedy.Die beiden Engel etwa (wunderbar gewalttätig-sentimental: Holly Hunter und Delroy Lindo) sind Auftragskiller, tätig auch im Auftrag der "Hart-aber-gerecht-Eintreibungs-und-Räumungsagentur", die gerade den jungen Verlierer Robert (Ewan McGregor) entmieten will.Am Tag zuvor verlor er seinen Job als Reinigungskraft und abends seine Freundin.Das kann unmöglich in demselben Tempo weitergehen, denkt er noch auf dem Weg in die Chefetage.Als er wieder draußen ist, hat er er seinen Job immer noch nicht wieder, dafür aber die Tochter des Milliardärs Naville im Arm - als Geisel. Auch die Geiselnahme verläuft ganz anders als sonst.Hodge, Macdonald und Boyle demontieren jede Regel - die von Entführungen, Geschlechtern, Genres.Das sind sie ihrem Namen einfach schuldig.Cameron Diaz, das Ex-Model, ist als Milliardärstochter ideal besetzt.Ein Gesicht von entwaffnender Leere, soviel Oberfläche, im Lachen, im Toben - wunderbar.Und Ewan McGregor hatte keine Angst vor einem Ponyhaarschnitt, der noch das durchgeistigtste Gesicht entstellen müßte.Ein Verlierer eben."Lebe lieber ungewöhnlich" ist eine gigantische Kaugummiblase, bunt und herrlich klebrig.Dabei so brutal und schnell, als würde man sie immerzu platzen lassen und wieder aufpusten.Popart pur. In elf Berliner Kinos; Kurbel (OV), Odyssee (OmU)

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