Zeitung Heute : Irgendwo läuft ein neunjähriger Ronaldo herum ...

PARIS (sid).Manchmal ist es nervig.Der amerikanische Journalist hängt mit herablassendem Lächeln im Sessel und zum wiederholten Male muß Claudio Reyna erklären, was er eigentlich macht."Mit welcher Position in einem Basketball-Team ist ihre Rolle zu vergleichen?", fragt der Ignorant.Der beste Kicker, den die USA derzeit zu bieten haben, verdreht resigniert die Augen.Typisch, die Frage.Keine Ahnung von Fußball, diese Amis.

Das populärste Spiel der Welt leidet ausgerechnet in den USA weiterhin an einer Identitätskrise.Selbst die erfolgreichste WM der Geschichte, der "World Cup USA 1994", hat daran wenig geändert.Die Profiliga Major League Soccer (MLS) entwächst in ihrer dritten Saison nur mit Mühe den Kinderschuhen.Vor allem aber fiel es dem "Soccer" bisher schwer, sich in den US-Medien durchzusetzen.Da müssen markige Sprüche her."Im Jahre 2010 wollen wir Weltmeister werden", tönt Verbandpräsident Alan Rothenberg.Geld ist vorhanden, Sportartikelriese Nike wirft Dollarmillionen in dreistelliger Höhe per anno in die Arena.Also träumt Rothenberg: "Es handelt sich hier nicht um ein kurzfristiges Programm.Das Ganze ist eine Vision von großen Ausmaßen."

Der Plan umfaßt vor allem eines: "Irgendwo da draußen haben wir einen neunjährigen Ronaldo herumlaufen.Wir müssen ihn nur noch finden", sagt US-Nationaltrainer Steve Sampson.Das "Kopfgeld" für den bislang unbekannten ersten US-Superstar beträgt 50 Millionen Dollar.Diese Summe will "US Soccer" bis ins Jahr 2010 aufwenden, um in nationalen Trainingscamps zunächst rund eintausend 14jährige auszusortieren, von denen mindestens 120 im Jahr 2009 in der MLS spielen sollen.Nicht unwichtig in diesem Zusammenhang, wie die derzeitigen Nationalkicker in Frankreich abschneiden.Denn der Publicity-Wert der US-Spiele ist hoch: Erst Europameister Deutschland, dann die politisch brisanten und dadurch prestigeträchtigen Duelle gegen den Iran und Jugoslawien.Sampson weiß: "Sollten wir ins Achtelfinale kommen, würde das der Popularität unseres Sports guttun."

Die Chance ist günstig: Selbst große Nachrichtenmagazine wie "Time" oder "Newsweek" fanden WM-Titelgeschichten angebracht - und jede Zeitung, die etwas auf sich hält, ist in Frankreich live dabei."Das Interesse ist riesig", bestätigt US-Medienmanager Jim Froslid.Doch zu Hause droht auch Stagnation: Die MLS spielt trotz der WM munter weiter, was dem Zuschauerzuspruch nicht gerade förderlich sein dürfte.Bei 15 000 Besuchern liegt der Schnitt, rund 2000 weniger als im Premierenjahr 1996.Interessiert sind am Fußball vor allem ethnische Gruppierungen, die breite Masse der Amerikaner bleibt distanziert.

In Amerika ist Sport Unterhaltung, doch der MLS fehlen die Entertainer.US-Spieler, die ihrer Karriere einen Kick geben wollen, versuchen in Europa ihr Glück: Wie Claudio Reyna (VfL Wolfsburg), wie Torhüter Kasey Keller (Leicester City).Und den umgekehrten Weg geht kaum einer: So sind die MLS-Einkäufer auch hinter Jürgen Klinsmann her wie der Teufel hinter der armen Seele.Der deutsche Kapitän aber hält sich noch bedeckt.

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