Zeitung Heute : Irritationstaktik

NORBERT TEFELSKI

Die Gruppe Mime Crime mit Szenen grotesker KörperertüchtigungNORBERT TEFELSKIEine "Sportschau" ist angesagt, turbulentes Bühnentreiben darf erwartet werden.Wie aber bereitet man ein Schachturnier zur aktionsgeladenen Pantomime auf? Kein Problem für die Jungs von Mime Crime, die erst einmal einen wundersamen Zustand erzeugen: amüsante Stille.Allmählich entsteht aus kleinen Gesten des Nachdenkens ein Feuerwerk der Nervosität.Taktiken zur Irritation des Gegners treiben schließlich beide Spieler geradewegs in den Wahnsinn.Mit entgleisten Gesichtszügen und verknoteten Fahrgestellen spottet das Berliner Trüppchen jeder sportlichen Beschreibung, erst recht bei den von Haus aus optisch ergiebigen Disziplinen.Genußvoll werden die Rituale eines Boxkampfes Runde um Runde demontiert.Zwei Tanzbären, die sich vor lauter Deckung gegenseitig nicht entdecken (Gong!), steigern die berufsüblichen Wischer über ihre eigenen verschwitzten Nasen zur autoaggressiven Haue (Gong!), vollziehen im Dreier-Clinch mit dem Ringrichter einen verblüffenden Handschuhtausch (Gong!), um - etliche Gongs später - einen Slapstick-Reigen zum Thema "Anziehung und Abstoßung" auf die Bretter zu legen.Die Gravitation beziehungsweise ihr Gegenteil bereitet auch dem Gewichtheber Probleme, der seine Hantel leichter hoch als wieder runter kriegt.Geächtete Naturgesetze, gleichsam "Richtungskämpfe", geben der grotesken Pantomime Zunder.So erfährt die kollektive Rechts-Links-Bewegung der Köpfe am Tennisplatz ungeahnte, gesundheitsgefährdende Variationen, wenn die Zuschauer Uli Gleichmann, Alexander Simon und Josef Sternweiler heißen. Detailgenau umgesetzte Beobachtungen, die sich hemmungslos absurd entwickeln bis zur comic-haften, mitunter komischen Auflösung - mit solch intelligent-kurzweiligen Szenen sitzt Mime Crime stillschweigend zwischen den traditionellen Theater- und Kabarettstühlen, jedenfalls hierzulande.Wenigstens die Stühle am derzeitigen "Sports"-Ort, dem Hackeschen Hof-Theater, zu besetzen, sei Freunden und Feinden sportlicher Berichterstattung hiermit empfohlen. Hackesches Hof-Theater, bis 1.November, Mittwoch bis Sonnabend 21 Uhr.

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