Zeitung Heute : Irrungen, Wirrungen im nächtlichen Berlin

GÜNTHER GRACK

Die DT-Baracke lädt zur Theaterreise ein: "Deutschlandbilder" von Milin, Harrower und SchipenkoVON GÜNTHER GRACKWie eine Raupe kriecht der Bus durch das nächtliche Berlin.Prallvoll mit Theaterfreunden, windet sich das langgestreckte Gefährt um allerlei Ecken; in schwachem Licht scheint hier und da ein Schild auf: Invalidenstraße, Bernauer Straße ...Die Baracke des Deutschen Theaters ist nicht das Ziel der Fahrt, sondern ihr Ausgangspunkt; erst später, in der Stunde vor Mitternacht, werden wir zu ihr zurückkehren.Einstweilen bewegen wir uns auf eine Ruine zu, die Ruine eines Schinkel-Baus, und wie ein Wurm bohrt sich in unsere Gehörgänge die tieftraurige pianistische Begleitfigur aus Schuberts "Winterreise", scheppernd schier endlos wiederholt: "Dreht, und seine Leier steht ihm nimmer still ..." "Deutschlandbilder": auch das Theater will seinen Beitrag zu diesem Thema der 47.Berliner Festwochen leisten, und als wäre dies in seinen eigenen heiligen Hallen (oder Baracken) nicht machbar, wird es aushäusig, sucht nach neuen Spielorten ­ ganz Berlin ist Bühne.Die Stadt, gesehen mit fremden Augen: Gildas Milin aus Paris und David Harrower aus Glasgow, beide für eine Woche eingeladen, sich hier umzusehen und Material für ein Stück zu sammeln, durften auch bestimmen, wo es schließlich aufzuführen sei.Der Franzose hat die Elisabethkirche ausgewählt, vielmehr das, was aus dem Zweiten Weltkrieg von ihr übriggeblieben ist: nackte Backsteinmauern, mit einem Holzdach notdürftig gedeckt.Anders der Schotte ­ statt himmelhoher Feierlichkeit unterirdische Profanität: der S-Bahnhof Potsdamer Platz.Nur dem Russen Alexej Schipenko, der seit fünf Jahren in Berlin lebt, ist es vorbehalten geblieben, sein Teil zum Triptychon der Deutschlandbilder, das bereits 1994 geschriebene "Suzuki", am vertrauten Ort der DT-Baracke zu zeigen. "Oberflächlich tief" und "Fast vollendet": die Titel der Stücklein von Milin und Harrower muten so austauschbar an wie die Ergebnisse ihrer Bemühungen dürftig."Superficiel profond", wie das Werk des Franzosen im Original heißt, spiegelt die Situation des jungen Autors im Medium der bildenden Kunst: Tsett, ein Maler, der von einem Berliner Museum den Auftrag zu einem Stadtbild erhalten hat, führt in Paris einer Freundin das unfertige Gemälde vor, um es darauf spektakulär zu verbrennen."In seinem Tod lebt das Bild vor dem Publikum", erklärt er."In gewisser Weise wird mein letztes Bild vor Ihren Augen zu meinem ersten Schauspiel!" Der Darsteller Bruno Cathomas geht unter des Autors Regie mit Emphase, auch mit einer Spur Ironie zu Werke ­ es bleibt ein verblasener Text, dem der Reiz des theaterfremden Lokalkolorits nicht aufzuhelfen vermag. Umgekehrt ergeht es Harrower: sein Impromptu aus Berliner Impressionen lebt aus dem authentischen Ambiente.Ein englischer Tourist, mit Stadtplan und Sprachführer auf dem Bahnhof umherirrend, prompt seines Gepäcks beraubt, stößt auf Paare, Passanten und einen Polizisten, der, nur noch die Leine hinter sich herschleifend, seines Schäferhundes verlustig gegangen ist.Alles brabbelt hektisch durcheinander, niemand leiht dem Tommy ein Ohr: Tilo Werner, von Mal zu Mal desolater wirkend, gewinnt zwar uns, die wir um den Treppenaufgang zwischen den Bahnsteigen herumstehen oder -hoêken, zu eher belustigten als besorgten Zeugen seiner Not ­ was aber mögen von alledem die Leute halten, die da in den ein- und ausfahrenden S-Bahnzügen zu Zufallszuschauern der Szene werden? Zurück in den Bus, zurück durch die Baustelle Berlin: Sightseeing gratis.Was uns in der DT-Baracke erwartet, sieht allerdings aus, als hätten wir uns verirrt, nämlich in eine Kfz-Werkstatt.Ein abgewrackter roter Sportwagen, drumherum in verschmierten Overalls ein paar Mechaniker, die das Gefährt wiegenden Schritts, prüfenden Blicks umkreisen, als gelte es, einen Fetisch anzubeten."Kurschik Turlik", murmeln sie, ein gutturales Kauderwelsch, das der blonde Deutsche, der da von der regennassen Straße hereinschneit, verständlicherweise für Türkisch hält ­ wie auch wir.Listig-hinterlistig spielt der Autor Alexej Schipenko mit Vorurteilen und Erwartungshaltungen: Klaus Klaus, wie sich sein deutscher Held, angeblich Schriftsteller, doppelmoppelnd nennt, zeigt gegenüber der glutäugig-hakennasigen Belegschaft der Garage ein zwiespältiges Benehmen, beflissen freundlich und herausfordernd frech zugleich.Nicht lange, und der Jüngste der im übrigen ausgesprochen gutmütigen Dunkelmänner läßt sein Messer springen.Am Ende aber wird es Klaus Klaus sein, der davon Gebrauch macht ­ allerdings nicht, indem er es gegen seinen Angreifer wendet, sondern gegen einen harmlosen Radfahrer: Klaus Klaus, mit dem Besitz des Messers seine nationale Identität wechselnd, wird gegenüber seinem Landsmann gleichsam zum Türken ... Dank dem fabelhaften fies-fröhlichen Falk Rockstroh in der Rolle des blonden Aases und einem tollen Türken-Team ist Thomas Ostermeier (der zusammen mit Robin Detje auch die S-Bahn-Fetzen arrangiert hat) mit dem "Suzuki"-Auto-Deal eine Inszenierung gelungen, die an seine besten Baracken-Leistungen anknüpft wie zum Beispiel David Harrowers "Messer in Hennen".Des Abends Reise in die Nacht endet, mit viel Beifall aufgenommen, um 0 Uhr 15 - seines Endziels wegen lohnt sich dieser Theater-Trip. Bis 30.September, Start an der DT-Baracke, täglich 21 Uhr.

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