Island : Der kalte Konkurs

Ihre Politiker duzten sie, ihren Banken vertrauten sie blind, ihr Land liebten sie, weil es so heimelig war. Vorbei. Island ist pleite, die Regierung am Ende. Verstört fragen sich die Menschen, wie es so weit kommen konnte – und vor allem, wie es nun weitergehen soll.

Verena Friederike Hasel[Reykjavik]
Island
Volkes Zorn. Demonstranten vor dem Parlament in Reykjavik. -Foto: dpa

Am Tag seiner Kündigung hatte er sie mittags noch angerufen. „Ich bin erst einmal in Sicherheit“, sagte er. Sein Chef hatte gerade die Umsatzzahlen vorgestellt, sie waren gut, nach dem Telefonat mit seiner Frau ging Haukur beschwingt in das Gespräch mit einem Neukunden, dessen Internet-Auftritt die Firma gestalten sollte. Danach fing ihn der Chef ab. „Ich muss dir kündigen“, sagte er. Aber, protestierte Haukur, er habe doch gerade erst allen erzählt, dass die Geschäfte gut liefen. „Trotzdem“, sagte der Chef, „wir müssen uns auf das Schlimmste vorbereiten.“ Als Haukur zum zweiten Mal an jenem Mittwoch im Oktober zum Telefon griff, dachte seine Frau erst, er mache einen Scherz.

Haukur Olavsson, 37, und Lara Omarsdottir, 38, machen gerne Witze. An diesem Januarmorgen in ihrem Haus in Mosfellsbaer nördlich von Reykjavik zieht Haukur Lara gerade damit auf, dass sie am Wochenende bis vier Uhr morgens Karaoke singen war. Gestern war er es, der spät ins Bett kam, bis tief in die Nacht war er im Internet. Nun sitzt sein Sohn, fünf Jahre alt, vorm Rechner und schaut sich Bilder von Tieren an, die es in Island nicht gibt. Er habe heute nicht in den Kindergarten gewollt, sagt Lara. „Vielleicht weil er weiß, dass wir eh zu Hause sind.“

Lara trägt hohe Schuhe und einen engen Rock, sie sieht aus, als breche sie gleich zu einem Geschäftstermin auf, doch sie will nur kurz vor die Tür, eine rauchen. Zwei Tage nach Haukur wurde auch ihr gekündigt, nun haben beide keine Arbeit mehr – dafür fünf Kinder, für die sie sorgen müssen. Ihr Geld wird noch ein, zwei Monate reichen. Und dann? Haukur zuckt mit den Schultern. Vielleicht Dänemark, sagt er. Vergangene Nacht hat er im Internet nach Arbeit und Wohnung im Ausland gesucht.

„Meine Gefühle fahren Achterbahn“, sagt er. „Manchmal habe ich die Nase voll von Island und will nur weg. Dann wieder will ich bleiben und für einen Neuanfang dieses Landes kämpfen.“

„Für eine neue Republik“, skandierten 6000 Isländer am vergangenen Samstag vor dem Parlament in Reykjavik. Bei 320 000 Einwohnern ist das eine ganze Menge, eine Demonstration dieses Ausmaßes hatte es nie zuvor gegeben in der Inselrepublik. Begonnen hatten die Proteste im Oktober, als die drei größten Banken des Landes kollabierten und die isländische Krone abstürzte. Jeden Samstag fanden sich Demonstranten vor dem Parlament in Reykjavik ein, meist waren es Paare, die ihre Kinderwagen friedlich über den Platz schoben und den Rücktritt von Premierminister und Zentralbankchef forderten. Doch nichts geschah. Bloß der Arbeitslosenanteil stieg, und zwar um fast das Siebenfache: von 0,8 auf 5,4 Prozent.

Vor einer Woche schließlich eskalierten die Proteste, jeden Tag kamen die Isländer nun auf dem Platz zusammen, warfen Steine und entzündeten Feuer, und die Polizisten antworteten mit Tränengas und Schlagstöcken – ein nie da gewesener Gewaltausbruch in einem Land, das noch im Frühjahr 2008 laut globalem Friedensindex GPI als friedlichste Nation der Welt galt. Als Premierminister Geir Haarde am vergangenen Freitag Neuwahlen für den 9. Mai ankündigte, war es längst zu spät: Die Menschen demonstrierten weiter – bis am Montag schließlich die Regierung zurücktrat. Handelsminister Björgvin Sigurdsson sprach aus, was stellvertretend für das ganze Kabinett galt: „Der Zorn und die Enttäuschung der Menschen sitzen so tief, dass es für mich nicht möglich sein wird, ihr Vertrauen zurückzugewinnen.“

Für Island kommt diese Entwicklung einer Zeitenwende gleich. Bislang war in dem kleinen Land die Beziehung zwischen Bürgern und Politikern durch Nähe bestimmt: Lara erzählt, sie sei in ihrer Zeit als Fernsehreporterin einmal im Haus des Präsidenten Olafur Ragnar Grimsson zu Gast gewesen, bei einer Preisverleihung, Lara sollte berichten und galoppierte mit unprotokollarischer Eile auf die Präsidentengattin zu. Grimsson wurde böse, er schimpfte mit Lara. Die Frau des Präsidenten trat dazu. „Mach dir nichts draus“, sagte sie zu Lara, „er regt sich immer so leicht auf.“ Als der Präsident und die Frau vom Fernsehen dann auch noch feststellten, dass Grimsson Laras Vater kannte, war der Frieden schnell wiederhergestellt.

Nach ähnlichem Muster funktionierte bisher das gesamte isländische Gesellschaftsmodell. Was Deutsche missbilligend Vetternwirtschaft nennen, galt in Island als Heimeligkeit; man etablierte Beziehungen, hatte Vorteile, fühlte sich wohl. Neidisch musste niemand sein, schließlich war genug für alle da. Doch nun, wo die Menschen um ihre Existenz bangen, beginnt jeder für sich allein zu kämpfen, und die Großfamilie Island droht zu zerbrechen.

Besonders empört sind die isländischen Bürger darüber, dass die Politiker und Banker den Ruf ihres Landes im Ausland beschädigt haben. Neulich las Haukur in der amerikanischen „New York Post“, dass etwas „den isländischen Weg gegangen“ sei, als Synonym für unbedachtes Verhalten mit katastrophalen Folgen. Davon spricht Haukur an diesem Morgen in seinem Haus fast ungläubig; vorbei die schönen Zeiten, als man Island nur mit Elfen, Ponys und urwüchsiger Natur in Verbindung brachte.

„Wir sind ein kleines Land“, sagt Lara, „da müssen wir wenigstens in den Augen der Welt groß sein.“ Dass sie es nun nicht mehr sind, dafür machen die Isländer ihre Politiker verantwortlich, die auf den Boom setzten und die Gefahren nicht sahen. Nun sind die Regierenden am Ende, doch auch ihre Nachfolger werden keine Kehrtwende bringen können, die Probleme sind zu groß: 40 Prozent der Privathaushalte und 70 Prozent der Unternehmen gelten als bankrott, die Krone wird im Ausland überhaupt nicht mehr gehandelt. Für 2009 erwartet man, dass zehn Prozent der Bürger keine Arbeit mehr haben werden.

Hugrun Johannesdottir ist einer der wenigen Menschen in Island, die derzeit überhaupt noch Personal einstellen. Sie leitet das Arbeitsamt von Reykjavik. Im Oktober hatte Hugrun 28 Angestellte, inzwischen sind es 46, eine zweite Niederlassung wurde gerade eröffnet. Gern wäre Hugrun heute zu Hause geblieben, sie hat Schnupfen, vielleicht kündigt sich eine Grippe an – doch krank sein, das sei unmöglich, sagt Hugrun mit Blick auf die Wartenden. Die Stühle, auf denen sie sitzen, sind eilig herbeigeschafft, kaum einer passt zum anderen. Sie seien nicht vorbereitet gewesen auf so einen Ansturm, sagt Hugrun.

Die Arbeitsvermittlung ist nicht nur die letzte Boombranche in Island, sondern auch eine Art Relikt, bei der die alte Form des isländischen Miteinanders noch funktioniert: Wartebereich und Beratungsplätze sind nicht voneinander getrennt, das Amt ist ein offener Raum, in dem überraschend viel gelächelt wird. Einen neuen Arbeitsplatz werden hier nur wenige finden, dafür jede andere denkbare Hilfe. Seit der Krise beschäftigt das Amt einen Psychologen, die neuesten Kurse, die ins Programm gehoben wurden, heißen „Ängste“ und „Wie man sein Selbstvertrauen wieder aufbaut“. Unklar ist, wie lange das Arbeitsamt solche Angebote noch machen kann. Der Staat, der soziale Einrichtungen bisher mit skandinavischer Großzügigkeit finanzierte, konnte nach Einbruch der Krise nur durch Milliardenkredite aus dem Ausland gerettet werden. In Zukunft wird er seine Leistungen unweigerlich kürzen müssen – obwohl die Bürger seine Hilfe dringender denn je brauchen.

Haukur wird seinen ersten Termin beim Arbeitsamt im Februar haben. Die Vorstellung missfällt ihm. Bislang kannte man in Island keine Arbeitslosigkeit, und so klammern sich Lara und Haukur an die Hoffnung, bald wieder Jobs zu finden. Und an die Überbleibsel eines Alltags, den sie sich eigentlich nicht leisten können. In ihrer Wohnküche steht immer noch der hohe Kühlschrank, weiß, und der breite Flachbildfernseher, schwarz, beides auf Raten gekauft, die noch abbezahlt werden müssen.

Sitzt man mit Lara und Haukur zusammen, begreift man, dass „Besitzen“ auf Isländisch und auf Deutsch nicht dasselbe bedeutet. Wo Deutsche sparen, kalkulieren, ungern Risiken eingehen, funktioniert der Erwerb von Eigentum in Island so: Man kauft sich Dinge auf Pump, ohne sie sich wirklich leisten zu können. Die beiden Autos, die Lara und Haukur für ihre siebenköpfige Familie brauchen, sind auf Kredit in ausländischer Währung gekauft, weil so die Zinsen niedriger waren. So haben es viele Isländer gemacht. Sie wohnen in Häusern, fahren in Jeeps umher, für die sie seit dem Verfall der Krone mehr Schulden in Yen, Dollar und Schweizer Franken haben, als die Waren wert sind. Wie es nun weitergehen soll mit all diesen Menschen, die nichts von dem, was sie haben, wirklich besitzen, die weiter konsumieren müssen, damit die Wirtschaft nicht kollabiert, und die es doch nicht dürfen, weil sie sich dann weiter verschulden, weiß niemand so genau.

Noch zu Weihnachten sah Lara in einem Supermarkt in Reykjavik ein Schild, das für die Verschuldung warb: Man könne die Lebensmittel fürs Fest jetzt kaufen und in sechs Raten abbezahlen. Zu dieser Zeit ging Lara bereits ausschließlich mit Bargeld einkaufen. Seit sie ihren Job verloren hat, gibt sie auf ihrer Internet-Seite Krisentipps, darunter der mit dem Bargeld: Man solle nie mit Kreditkarte einkaufen gehen, sondern nur mit abgezählten Scheinen. Weitere Ratschläge: nur einmal die Woche in den Supermarkt gehen; vorher aufschreiben, was man wirklich braucht; zu Weihnachten statt Geschenkpapier Zeitungen nehmen; Geschenke besser selbst basteln.

Das hat Haukur getan und seiner Frau ein kleines Buch gebastelt, „Kreppur“ steht auf dem Einband, Krise, daneben ein Mann unter einem Schirm, auf den es Dollarscheine regnet. In dem Buch hat Haukur die Lektionen seiner Frau versammelt. Leicht einzuhalten sind sie nicht, wenn man so viel freie Zeit zur Verfügung hat wie Lara und Haukur. Gestern schlief sie noch, als er die Kinder in die Schule brachte, danach legte Haukur sich noch einmal ins Bett, später am Tag gingen beide ins Café, wo sie einen ehemaligen Kollegen Laras trafen, der gerade seinen Job verloren hat und nicht weiter weiß. Für Freunde und Bekannte sind die beiden, die früh arbeitslos wurden, zu Ratgebern in der Not geworden. Damit sind Lara und Haukur so etwas wie das andere Gesicht der Krise: nicht die in Verruf geratene politische und wirtschaftliche Elite, sondern Menschen, die improvisieren und sich gegenseitig helfen.

Jeden Freitag nach Dienstschluss lädt das Arbeitsamt seine Mitarbeiter in den Keller ein. Dort verbreiten dann rote Lampen gemütliches Licht, auf Socken versammeln sich die Kollegen im Kreis, massieren sich gegenseitig die Schultern und tanzen zu afrikanischer Trommelmusik. „Fröhlichkeit“, sagt Hugrun, die Leiterin, „ist die wichtigste Eigenschaft, wenn man hier arbeitet.“ Im nächsten Monat erwartet sie den Ansturm einer Branche, die hier im Land keiner mehr mag. Die Bankangestellten werden die Nächsten sein, die sich arbeitslos melden.

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