Zeitung Heute : Israel - vor der Wahl

MALTE LEHMING

Wenn in Israel ein säkularer Politiker die Bibel zitiert, die Klagemauer besucht und den Segen eines Oberrabbiners einholt, weiß man, daß bald gewählt wird.Wenn ein ehemaliges Fotomodell, das aus dem israelischen Militärdienst entfernt wurde, weil es angeblich zu sexy ist, wahrscheinlich ins Parlament einzieht, merkt man, daß Personen bei dieser Wahl wichtiger sind als Parteien.Und wenn der engste Nachbar, König Hussein von Jordanien, plötzlich einen anderen Thronfolger benennt, ahnt man, daß das politische Umfeld Israels so fragil geworden ist, wie es lange nicht mehr war.

Für die Stabilität im Nahen Osten dürfte der letzte Punkt am wichtigsten sein.Wer die Herrschaftszeit des jordanischen Königs, des syrischen Staatschefs Hafes al-Assad und des Palästinenserführers Jassir Arafat zusammenzählt, kommt auf knapp 120 Jahre.Dagegen war Helmut Kohl eine Eintagsfliege.König Hussein jedoch ist seit geraumer Zeit krebskrank; gestern flog er erneut in die USA, um sich behandeln zu lassen.Hafes al-Assad erlitt vor 15 Jahren den ersten Herzinfarkt und laboriert an Diabetes; des öfteren wurde er schon für tot erklärt.Jassir Arafat hat, nach Meinung der Ärzte, ebenfalls nicht mehr lange zu leben.Alle drei Politiker haben den gesamten Regierungsapparat auf ihre Person zugeschnitten.Sie stehen nicht Institutionen vor, sondern sind selbst Institution.Keiner ihrer potentiellen Nachfolger gilt als eine verläßliche politische Größe.Niemand kann daher ausschließen, daß in allen drei Fällen der Kampf um die Macht mit der Barmherzigkeit einer Hyänenmeute ausgetragen wird.

Für den Staat Israel sind solche Unwägbarkeiten alarmierend.Das innenpolitische Chaos, das Ministerpräsident Benjamin Netanjahu während seiner fast dreijährigen Amtszeit angerichtet hat, wird durch die absehbaren Diskontinuitäten im Verhältnis zu den Nachbarn noch bedrohlicher.In einer solchen Situation ist kaum ein Wähler zu Risiken bereit.Keine Experimente.Wer jetzt, wie einst Shimon Peres, mit Visionen über einen neuen, friedlichen Nahen Osten bestechen wollte, würde sofort als Träumer verspottet.Das ist der Grund, warum keiner der Herausforderer auf dem Gebiet der Friedenspolitik zu brillieren versucht.Statt dessen wird die persönliche Integrität betont und Netanjahu als prinzipienloser Karrierist gebrandmarkt.Jitzchak Mordechai, der Kandidat der neugegründeten Zentrumspartei, führt gar die Bibel gegen den Amtsinhaber ins Feld: "Herr, errette mich von den Lügenmäulern, von den falschen Zungen."

Bis vor kurzem war Mordechai Verteidigungsminister.Dann liebäugelte er mit der Opposition und wurde von Netanjahu gefeuert.Damit stehen Israels prominenteste und ranghöchste Militärs - außer Mordechai die ehemaligen Generalstabschefs Amnon Lipkin-Shachak und Ehud Barak - im gegnerischen Lager.Folglich wird Netanjahu sein Lieblingsthema, die Sicherheit des Landes, nicht mehr so offensiv ausspielen können wie bei der letzten Wahl.Im Gegenteil: Seine fachkundigen Kontrahenten sehen in ihm bereits eine Gefahr für Israel.

Keine Experimente, bitte: Vordergründig könnte diese Grundstimmung dem noch amtierenden Regierungschef bis zur Wahl am 17.Mai nutzen.Doch Netanjahu selbst gilt in den Augen vieler Wähler als Experiment.Als ein mißlungenes Experiment.Darüber kann auch der Parteiendschungel nicht hinwegtäuschen, der täglich dichter wird und Personen statt Programme in den Mittelpunkt rückt.Keine weiteren Experimente, bitte, deshalb den Wechsel zu einer neuen, regierungsfähigen Politik: Das ist es, was Israel braucht und was die Israelis mehrheitlich wollen.Zumal dann, wenn rundherum ein Sturm aufzieht.

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