Zeitung Heute : Israels Wirtschaft: Weg in die Stabilität

Rainer Hank

Schlimmer hätte es nicht kommen können: In Israel bricht die Al Aksha-Intifada aus, und die Weltkonjunktur dreht sich. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun - aber auf die Wirtschaft Israels haben beide Ereignisse ziemlich katastrophale Wirkungen: Binnen- und Exportmarkt brechen gleichzeitig zusammen. Es ist das Ende des großen Booms der 90er Jahre, in welchem Israel sich als ein super-moderner High-tech-Standort profilierte. Wer im vergangenen Frühling nach Judäa oder an das Tote Meer fuhr, hatte Mühe, eine Herberge zu finden. Ein halbes Jahr später, nach dem Ausbruch der Unruhen, bekamen Touristen die schönsten Zimmer mit üppigem Discount angeboten. Der Tourismus brach um fast 50 Prozent ein.

Das vierte Quartal 2000 markiert die Wende. Während die israelische Wirtschaft bis September zwischen sechs und neun Prozent wuchs, schrumpfte sie in den letzten drei Monaten des vergangenen Jahres um fast zehn Prozent. Wenn es gut geht, wird das Wachstum im Jahr 2001 knapp zwei Prozent betragen. Das freilich bedeutet, neben dem schrumpfenden Binnenmarkt, einen Rückgang des Exports um fast 50 Prozent, glaubt man den Ökonomen der Bank Leumi. Besonders betroffen ist die Hightech-Industrie, die in den vergangenen Jahren der Treiber das Wachstums war. Oded Tira, der Präsident des israelischen Industrieverbandes, befürchtet eine Halbierung ausländischer Direktinvestitionen in israelische Technologieunternehmen. Auch das Wagniskapital in Startup-Gesellschaften werde um die Hälfte zurückgehen. Als "Star Ventures", ein Wagniskapitalunternehmen mit Sitz in München und Herzliya, vor ein paar Wochen ankündigte, einen zusätzlichen Fonds mit 400 Millionen Dollar aufzulegen, wurde dies als positives Signal gefeiert: Weil Siemens als einer der großen Investoren bei Star gilt und weil Star eine ganze Reihe von Startups erfolgreich auf den Weg gebracht hat. Die Krise ist jetzt auch am Arbeitsmarkt angekommen. Die Arbeitslosenquote, die Mitte der 90er Jahre bei 6,5 Prozent lag, beträgt wieder neun Prozent. Annähernd 50 000 Israelis haben ihren Job verloren. Nach einem Bericht der Zeitung "Haaretz" gehen 70 Prozent davon auf das Konto des darbenden Tourismus. Der Beschäftigungsabbau wäre noch dramatischer, hätten Israelis nicht nach der Isolation der palästinensischen Gebiete die Jobs der Palästinenser eingenommen: Das ist empörend für die Pendler aus der Westbank, die am Bau, in der Gastronomie oder in der Landwirtschaft ihr Brot verdienen.

Dennoch ist Israel auch heute ein wirtschaftlich außerordentlich erfolgreiches Land. Daran ändert die aktuelle Wirtschaftskrise nichts. Nimmt man das Pro-Kopf-Einkommen als Maßstab, so stellt sich Israel wie ein europäischer Staat dar, den es zufällig in den vorderen Orient verschlagen hat. Das israelische Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner von 17 000 Dollar bewegt sich in der Größenordnung irgendwo zwischen Spanien und Italien; verglichen mit den geografischen Nachbarn sind die Israelis vier Mal so reich.

Diese grandiose Bilanz Israels hat viele Väter. Einer der wichtigsten heißt: Immigration. Israel ist per Definitionem ein jüdisches Einwanderungsland. Allein in den 90er Jahren hat sich die Bevöllkerung durch den Zuzug von fast einer Million Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion um über zehn Prozent vermehrt. Das überraschende daran: Israel hat diesen Zuwanderungsschock nicht nur gut und mit wenig Blessuren am Arbeitsmarkt verkraftet. Es verdankt der Immigration zugleich den erfolgreichen Strukturwandel vom ehemaligen Agrar- zum Dienstleistungsland.

Die Einwanderung hat eine Reihe zusätzlicher Effekte: Mehr Einwohner konsumieren mehr. Der Bedarf an Wohnraum stieg. Das hat zusätzlich dazu beigetragen, dass die Wachstumsraten in den 90er Jahren deutlich stiegen. Hinzu kommen makroökonomische Erfolge: Eine straffe Geldpolitik führte Israel auf den Weg der Stabilität. Im Jahr 2000 lag die Teuerung mehr oder weniger bei Null. Erst die Regierung Sharon hat signalisiert, dass sie lieber Inflation in Maßen in Kauf zu nehmen bereit ist als die Investitionstätigkeit der Unternehmen ganz abzubremsen. Wichtiger noch: Israel hat seine Staatswirtschaft Schritt für Schritt privatisiert, wenn auch nicht immer konsequent genug. Allein zwischen 1997 und 1999 erlöste das Land durch die Privatisierung ehemaliger Staatsunternehmen vier Milliarden Dollar. Den Löwenanteil darunter stellt der Verkauf von 43 Prozent an der Bank Hapoalim dar, der größten Bank Israels. Zugleich wurden wichtige Bereiche der Industrie für den Wettbewerb geöffnet: Seit 1997 können die Israelis Ferngespräche auch bei zwei privaten Telekommunikationsunternehmen führen.

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