Zeitung Heute : „Ist das meine Henkersmahlzeit?“

Vor drei Jahren fielen die ersten Bomben auf Bagdad, und Giuliana Sgrena war dort. Sie sah die Freude über Saddams Sturz und den Hass gegen die Besatzer.

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Giuliana Sgrena, 57, ist Reporterin der linken Zeitung „Il Manifesto“, sie war im letzten Jahr Opfer einer Entführung im Irak. Ganz Italien nahm großen Anteil daran. Bei Sgrenas Freilassung wurde ein italienischer Agent von USSoldaten erschossen. (mehr zum Irakkrieg: eine Dokumentation auf Seite 7).

Interview: Stefanie Flamm und Annabel Wahba Frau Sgrena, haben Sie Sehnsucht nach dem Irak?

Sehnsucht ist das falsche Wort. Ich vermisse das Land. Es war meine Arbeit, aus dem Irak zu berichten, und ich wüsste gerne, was dort gerade passiert. Doch ich kann nicht hin, das ist frustrierend.

Sie würden ein Jahr nach Ihrer Befreiung aus der Geiselhaft schon zurück wollen?

Nein. Drei Jahre nach Kriegsbeginn kann ich dort nicht mehr so arbeiten, wie ich es gewohnt bin. Als Journalistin sitzen Sie entweder die ganze Zeit im Hotel, oder Sie fahren mit einer bewaffneten Eskorte herum. Doch dann erzählen die Leute nicht, was Sie ihnen allein erzählen würden. Die dritte Möglichkeit ist: Sie sind „embedded“ in eine Einheit, und auch das ist keineswegs sicher. Schon vor anderthalb Jahren habe ich geschrieben, dass es für westliche Journalisten im Irak gefährlicher wird. Kurz danach wurde ich in Falludscha entführt.

Hatten Sie zuvor gedacht: Mir passiert nichts?

Nein, ich wusste, dass es gefährlich ist, aber das war eine rein rationale Überlegung. Oft wurde mir erst hinterher klar, in welcher Gefahr ich war.

Es gibt Reporter, die suchen diesen Kick. Die reisen vom Kosovo nach Afghanistan, dann in den Irak.

Zu diesen Menschen gehöre ich nicht. Ich bin Pazifistin, ich will nicht, dass der Krieg mein Beruf ist, aber ich will darüber schreiben, was er aus den Menschen macht. Zwar habe auch ich diesen Kick gespürt, nur war das nie der Grund für meine Arbeit. Vor meiner Entführung wusste ich nicht, was Angst bedeutet. Heute fürchte ich mich, wenn ich eine Straße überqueren muss.

Sie kamen vor einem Jahr frei …

… und ich habe bis heute Angst vor allem. Ich kann ohne Tabletten nicht mehr schlafen, und das Licht muss auch nachts immer an sein. In der Geiselhaft bin ich manchmal im Dunkeln hochgeschreckt und wusste nicht, wo ich bin. Es war grauenhaft, wenn mir dann langsam klar wurde, dass ich noch immer gefangen bin. Und dann das Problem mit Freunden: Manchmal will ich niemanden sehen, einfach nur allein sein. So was ist für Freunde schwer zu verstehen. Es gibt auch Tage, an denen ich mich vollkommen verlassen fühle. Das hat gar keine rationale Ursache, ich kann dann niemandem erklären, was in mir vorgeht.

Eine halbe Million Menschen ist im Februar letzten Jahres in Italien für Ihre Freilassung auf die Straße gegangen. Hilft die Solidarität nicht?

Das ist einerseits sehr schön. Am 4. Februar, genau ein Jahr nach meiner Entführung, sprach mich im Flugzeug eine Stewardess an. Sie hatte gerade mein Buch „Friendly Fire“ ausgelesen und erinnerte sich an den Jahrestag. Das hat mich gefreut. Andererseits habe ich kein Privatleben mehr, selbst im Kino oder in der Apotheke kommen die Leute auf mich zu und sagen, dass sie damals auf den Demonstrationen waren.

Durch das Buch bekommen Sie noch mehr Aufmerksamkeit.

Ich habe über meine Erfahrungen immer Bücher geschrieben, weil ich nicht alles in Zeitungsartikel packen kann. „Friendly Fire“ ist mein fünftes Buch. Ich habe darin nicht nur über meine eigenen Erlebnisse geschrieben, sondern auch darüber, wie es heute im Irak aussieht. Außerdem hatte ich nach meiner Rückkehr einige Therapie-Sitzungen. Dort sagten sie mir, ich würde sehr gut mit der Situation umgehen, ich brauchte nicht mehr zu kommen. Sie rieten mir, ein Buch zu schreiben, das sei eine gute Therapie. Ich weiß nicht … Die Depressionen werden immer schlimmer. Es gibt Tage, da schaffe ich es nicht, zur Arbeit zu gehen.

Der Geheimdienstmann Nicola Calipari ist bei Ihrer Befreiung gestorben.

Es war eine furchtbare Situation. Er hat mich in Empfang genommen und in ein Auto gesetzt, und ich habe eine Zeit lang gar nicht begriffen, dass ich jetzt wirklich frei bin. Und als ich gerade dabei war, es zu begreifen, wurden wir an einem Checkpoint von US-Soldaten beschossen. Nicola war sofort tot. Verstehen Sie, was das bedeutet? Es sollte in Rom ein Fest anlässlich meiner Befreiung geben, wir haben es abgesagt. Der Jahrestag meiner Freilassung wird immer Nicolas Todestag sein.

Calipari war auch der Unterhändler, dem die Freilassung der beiden italienischen Menschenrechtlerinnen Simona Pari und Simona Torretta zu verdanken ist. Es war sein Beruf.

Man kann doch nicht so herzlos sein gegenüber einem Mann, dem man sein Leben verdankt. Ich fühle mich nicht schuldig, aber es fällt mir schwer, glücklich zu sein.

Der Tod Caliparis scheint für Sie schmerzhafter zu sein als die Entführung selbst.

Die Angst, die ich in der Geiselhaft empfand, ist geblieben. Doch das, was danach passierte, war so schlimm, dass es alles andere überdeckt. Als wir beschossen wurden, warf sich Calipari auf mich und wurde dann von einer Kugel getroffen. Sein Körper lastete schwer auf mir, und als es mir gelang, mich zu bewegen, hörte ich ein Röcheln, seinen letzten Atemzug. Es ist ein furchtbares Gefühl, zu merken,wie ein Mensch auf einem stirbt. Es ist, als stürbe ein Teil von einem selbst.

Wissen Sie, was zu Ihrer Freilassung geführt hat?

Nein.

Wissen Sie denn, warum Sie entführt wurden?

Das weiß ich auch nicht. Am Anfang habe ich ständig darüber nachgedacht. Es hat mich fertig gemacht. Ich bin mir heute sicher, dass meine Entführer keine Ahnung hatten, wer ich bin. Sie wussten wohl, dass ich eine italienische Journalistin bin, aber mehr nicht. Sie sagten, sie hätten mich im Verdacht, eine Spionin zu sein. Nach einer Woche hieß es: Nein, du bist keine Spionin, wir wissen, wer du bist.

Klang wahrscheinlich nicht beruhigend. Was hat Ihnen geholfen, die ersten Tage durchzustehen?

Ich bin um 14 Uhr entführt worden und habe deshalb versucht, immer um 14 Uhr einen Knoten in die Fransen meines schwarzen Pashminaschals zu machen, um die Tage zu zählen. Mir war nie ganz klar, welche Tageszeit gerade ist, denn in den Raum, in dem ich eingesperrt war, kam kein Tageslicht. Weil der Strom in Bagdad nur ein paar Stunden am Tag funktioniert, war es tagsüber oft dunkel; mitten in der Nacht ging plötzlich das Licht an. Damit ich nicht ganz verrückt wurde, habe ich versucht, mir all meine Reisen durch den Irak ganz genau ins Gedächtnis zu rufen, wann war ich wo gewesen? Ich konnte fast nie schlafen. Nach vier Wochen war ich völlig erschöpft.

In Ihrem Buch schreiben Sie, Ihre Entführer seien sehr beeindruckt gewesen, dass der Fußballspieler Francesco Totti vom AS Rom ein Trikot mit Ihrem Namen darauf trug.

Ja, alle Kapitäne der italienischen Liga setzten sich so für meine Freilassung ein. Einer der Geiselnehmer war ein riesiger Totti-Fan. Fußball ist das Einzige, was alle Völker miteinander verbindet.

Wie haben Sie sich als westliche Frau mit zwei muslimischen Männern gefühlt?

Ich war schon oft in muslimischen Ländern. Mir war sofort klar, dass meine Bewacher keine Fundamentalisten waren. Sie gaben mir ein irakisches Kleid und ziemlich sexy Unterwäsche. Ich musste keinen Schleier tragen.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie Ihr Essen erst bekamen, wenn die Männer gegessen hatten.

Nur wenn Gäste da waren. Das verlangt die Tradition so. Insgesamt haben sie mich ganz gut behandelt. Manchmal habe ich mir das so vorgestellt: Ich bin eine Gefangene, aber sie halten sich an die Genfer Konvention. Sie haben sogar gefragt, was ich gerne esse. Todesangst hatte ich natürlich trotzdem, vor allem am Abend, bevor das Ultimatum ablief. Ich hämmerte hysterisch an die Tür, bis die Entführer öffneten. Ich durfte dann mit ihnen zusammen fernsehen. Es lief irgendein amerikanischer Kriegsfilm. Bilder, die mich nicht gerade beruhigten. Sollte das meine Henkersmahlzeit sein?

Sie haben immer das Recht der Iraker auf Widerstand betont. Der Gegner ist klar: die amerikanischen Besatzer. Doch wofür kämpfen die Menschen?

Das größte Problem des Widerstandes ist: Es gibt zu viele Gruppierungen. Nationalisten, religiöse Gruppen, Stammesgruppen, Saddam-Anhänger, ehemalige Angehörige der Baath-Partei, die alle gegen die Besatzung sind. Doch was wollen Sie stattdessen? Ich glaube mittlerweile, dass der Widerstand sich überhaupt nicht politisch definiert. Vielleicht ist es dafür auch noch zu früh.

Können Sie als Entführungsopfer die Methoden des Widerstands gutheißen?

Man muss unterscheiden zwischen Widerständlern und Terroristen. Die Terroristen sind gar nicht gegen die Besatzung, sie kämpfen auch im Irak ihren heiligen Krieg gegen den Westen. Und was den Widerstand betrifft: Es gibt ein von der UN anerkanntes Recht der Menschen, sich gegen Besatzer zur Wehr zu setzen. Das kann auch bewaffneter Widerstand sein. Das Problem ist nur: Bewaffneter Widerstand hat in der gegebenen Situation überhaupt keinen Sinn.

Die amerikanische Sicht ist eine vollkommen andere: Es gab Wahlen, und die Iraker konnten Leute wählen, die das Land so aufbauen sollen, wie es ihnen gefällt.

Am 30. Januar 2005, als die Übergangsregierung gewählt wurde, galt für das ganze Land eine Ausgangssperre. Die Stimmung an diesem Tag war so schlecht wie am Tag vor der amerikanischen Invasion. Niemand glaubte, dass er sagen konnte, was er dachte. Im Süden gab es sogar eine Fatwa, die die Leute zwang, an die Urnen zu gehen. Das nenne ich keine freie Wahl.

Was wäre unter den gegebenen Umständen eine freie Wahl?

Das wird sehr lange dauern. Meine einzige Hoffnung ist es, dass irgendwann alle amerikanischen Truppen das Land verlassen werden. Dann erst kann sich das Land neu organisieren.

Aus deutscher Sicht könnte man einwenden, dass man Besatzer braucht, um die Situation zu stabilisieren, während sich das Land neu organisiert.

Hören Sie, ich war seit Kriegsbeginn siebenmal im Irak und jedes Mal war alles viel schlimmer geworden, und dann wollen Sie mir erzählen, die Amerikaner stabilisieren die Situation?

Die Frage zielte in die Richtung: Was haben die Amerikaner 1945 in Deutschland richtig gemacht, und was machen sie heute im Irak falsch?

Es gibt überhaupt keinen Wiederaufbau. In Bagdad gibt es nur vier oder fünf Stunden Strom am Tag, und wenn es keinen Strom gibt, gibt es auch kein Wasser, weil im Irak das Wasser aus dem Fluss gepumpt und gereinigt wird. Außerdem gibt es keine Arbeit, und niemand hat Geld.

Als Saddam gestürzt wurde, ahnte keiner, dass es so schlimm kommen würde. Wie haben Sie den 9. April 2003 erlebt, als Bagdad fiel?

Ich war gerade von einem Interview in mein Hotel zurückgekehrt, als amerikanische Soldaten in mein Zimmer stürmten, um zu sehen, wer da drin ist. Unten in der Lobby hatten sich ein paar vereinzelte irakische Pazifisten versammelt, die schrien „Yankee, go home!“ Es war absurd. Am Nachmittag fielen die Statuen. Später sagten mir Bekannte aus dem Ausland, im Fernsehen habe man viele glückliche Leute gesehen. In Wahrheit waren da kaum Zivilisten auf den Straßen, sondern vor allem Iraker, die mit den westlichen Journalisten arbeiteten und die Statuen stürzten. All die anderen saßen zu Hause und hatten Angst.

Gibt es keine Iraker, die froh sind, dass Saddam nicht mehr herrscht?

Natürlich. Viele Menschen haben mir nach seinem Sturz gesagt: Wir sind froh, dass der endlich weg ist. Aber sie sind eben nicht froh, dass sie stattdessen die Amerikaner haben, die ihre Versprechen nicht gehalten haben: Die Iraker sind nicht frei, sie haben nicht einmal Zugriff zu ihrem größten Reichtum, dem Öl.

Die neue Verfassung sagt: Das Öl gehört der irakischen Bevölkerung.

Die neue Verfassung. Toll. Es gibt einen Fonds, in den die Petrodollars fließen, und den kontrollieren die Amerikaner. Für viele Irakis sieht es häufig so aus: Das Land ist voll von Öl, und in Bagdad gibt es keinen Sprit. Die Infrastruktur ist zerstört, Benzin muss aus der Türkei importiert werden.

Entführung scheint auch für unpolitische Kriminelle ein lukrativer Wirtschaftszweig zu sein. Der Fernsehjournalist Christoph Maria Fröhder hat vor kurzem gesagt, Deutsche wie die beiden gefangenen Ingenieure seien im Moment besonders gefährdet.

Das glaube ich nicht. Es war einfach so, dass Deutsche nicht gefährdet waren, solange sich die Bundesrepublik aus dem Irak herausgehalten hat. Der Irak ist ein okkupiertes Land. Ich glaube, viele Deutsche haben einfach nicht begriffen, dass im Irak noch immer Krieg herrscht und dass man daran teilnimmt, wenn man sich auf Seiten der Besatzer engagiert, und sei es nur zivil.

Haben Sie die Diskussion über Susanne Osthoff in der deutschen Öffentlichkeit verfolgt? Der Tenor war: Was treibt die dort überhaupt?

Das ist immer so. Wenn eine Geisel freigelassen wird, beginnt eine Art Kannibalismus gegen sie. Die Medien haben da auch Schuld. Als ich zurückkam, war es dasselbe. Du erfährst viel Solidarität, solange du dort gefangen bist, aber wenn du zurückkommst, trägst du die Verantwortung, am Leben zu sein. Ich habe einen Aufruf für die Freilassung von Susanne Osthoff gestartet, als sie dann frei war, fragten mich deutsche Journalisten, ob ich kommentieren könnte, dass Osthoff zurück will in den Irak. Das geht mich überhaupt nichts an. Sie ist frei, also kann sie tun, was sie will.

Täuscht der Eindruck, dass die Italiener freundlicher mit ihren befreiten Geiseln umgingen?

Der Eindruck täuscht, es war im Prinzip dasselbe.

Aber Menschen, über alle Parteigrenzen hinweg, engagierten sich für Sie.

Am Anfang war das vielleicht so für die Menschen. Es kamen die Leser von meiner Zeitung, „Il Manifesto“, Pazifisten, Friedensbewegte, aber auch ganz normale Leute, die noch nie auf einer Demo waren. Die Zeitungen haben nicht sehr positiv auf mich reagiert. Es hat auch keines der großen Blätter von meinem Buch Notiz genommen. Ich bin bei den Kollegen nicht beliebt.

Frau Sgrena, Sie waren als Reporterin in Algerien, Palästina, Äthiopien. Haben Sie wieder Reisepläne?

Nein, ich bin außerstande, langfristige Pläne zu machen. Ich leide unter einer psychologischen Blockade. Ich fühle mich völlig verunsichert. Früher bin ich ständig herumgereist. Das ist vorbei.

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