Zeitung Heute : Ist der Masterplan schon Makulatur?

EVA SCHWEITZER

Hans Stimmans Vorstellung von einer historischen Mittein Berlin stößt bei der Bauverwaltung auf Ablehung, sie hat vielleicht nicht die besseren Argumente, aber die Macht auf ihrer Seite VON EVA SCHWEITZER

Viel wurde über Hans Stimmann, den früheren Senatsbaudirektor und heutigen Staatssekretär für Stadtentwicklung, gesagt: Daß er sich auf Biegen und Brechen durchsetzen, anderen seine Auffassung von Stadt aufzwingen wolle.In Wirklichkeit aber ist Stimmann ein Schlitzohr.Das steht fest, seit Stimmann begründete, worauf sein Plan für die Berliner Innenstadt beruhe: auf dem Senatsbeschluß von Anfang des Jahres, die historische Mitte zu bewahren und das historische Erscheinungsbild wieder herzustellen.Das geschieht tatsächlich, aber anders, als es sich die Initiatioren des Beschlusses vorgestellt haben.Der Plan greift die alten Stadtstrukturen auf, nicht die Fassaden.Auf Brachflächen, die im Krieg gerissen wurden, sieht Stimmann Baublöcke vor, Hochhäuser soll es hingegen nur vereinzelt geben.Vor allem aber sollen die überbreiten Innenstadt-Straßen auf Normalmaß zurückgestutzt werden. Nun ist die Rückkehr zur Historischen Mitte ein Herzenswunsch der CDU gewesen.Gemeint war damit aber ungefähr das Gegenteil von dem, was nun geplant ist: Die ahistorischen, breiten Straßen sollten bleiben, dafür vor die Fassaden pseudohistorischer Stuck geklebt werden.Stimmann indes griff den Begriff Historische Mitte auf und interpretiert ihn in seinem Sinne um.Dagegen fachlich zu argumentieren, wird der CDU und ihrem Bausenator Klemann schwer fallen.Freilich ist das Recht auf ihrer Seite - in den Händen der CDU-geführten Senatsverwaltung für Bau und Verkehr liegt die rechtsverbindliche Planung. Auf den ersten Blick wirkt Stimmanns Plan konservativ.Tatsächlich aber ist er fortschrittlich.Denn inzwischen hat sich das Auto von einem modernen Fortbewegungsmittel zu einem ernsten Problem nicht nur für Berlin entwickelt.Andere Großstädte haben daraus Konsequenzen gezogen und zumindest den Durchgangsverkehr aus dem Zentrum verbannt.Berlin ist noch ein bißchen hinterher, die Auswirkungen der Stadtplanung der fünfziger und sechziger Jahre sind hier noch spürbar.Breite Schneisen zerschneiden die Altstadt, eine Brache entlang der früheren Mauer zwischen Spree und Landwehrkanal teilt Ost und West - auch hier war einst eine Autobahn vorgesehen.Stimmann hingegen will die bewohnte und damit auch die dichte Stadt.Er will die Stadt vereinigen und vor dem Autoverkehr retten. Da verwundert es, daß die Kritik, die bisher auf Stimmann einprasselte, von Stadträten der Grünen, der PDS, der SPD und von Stadteilinitiativen kam.Im Umgang mit denen war er tatsächlich weniger raffiniert.Stückweise kamen seine Pläne ans Licht, die Informationen waren widersprüchlich, das machte mißtrauisch.Eine spezifische Empfindlichkeit im Ost-Teil kam dazu.Zwar läßt Stimmann nun nicht, entgegen ersten Befürchtungen, DDR-Gebäude im großen Stil abreißen.Jedoch wird die DDR-Architektur ummantelt, in den Schatten gestellt, unsichtbar gemacht.Was aber in West-Augen eine häßliche Betonburg ist, kann aus der Sicht der östlichen Bewohner eine preiswerte Heimstatt sein. Drittens aber hat Stimmann es mit der Verdichtung übertrieben.Nicht nur überbreite Straßen, auch Grünflächen, Spielplätze und Schulhöfe ließ er wegplanen.Sicher, historisch gesehen waren das Bauplätze.Aber die Menschen, die die Schulen, Parks oder Schwimmhallen brauchen, wird das - mit Recht - nicht interessieren.Am Konsens mit den Bewohnern aber führt für Stimmann kein Weg vorbei.Ohnehin wird er die Bauverwaltung gegen sich haben, die vielleicht nicht die besseren Argumente, aber die Macht auf ihrer Seite hat.Auch noch Bezirksämter und Anwohner gegen sich aufzubringen, verwandelte die Masterplanung in Makulatur.

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