Zeitung Heute : Ist die Kita als mediale Schutzzone überholt?

MARTINA KRETSCHMANN

Der Zauberstab berührt die Schatzkiste, diese beginnt zu schaukeln und zu rumpeln, plötzlich springt der Deckel auf und ein lilafarbenes Gespenst schwebt durch das Zimmer.An dieser Stelle der CD-ROM juchzen Max (4), Cora (5) und Alex (4) begeistert.Und gleich noch mal: den virtuellen Zauberstab mit der Maus zur Kiste dirigieren und dann klicken.Kinderleicht und für die vier- bis siebenjährigen Kinder aus der "Villa Flitzesternchen" offensichtlich ein Riesenspaß.

Seit zwei Jahren bereits steht der aufgerüstete 486er PC in der Kita in Berlin Hermsdorf und ist mittlerweile nichts besonderes mehr für die Kinder."Wenn das Wetter schön ist, spielen sie lieber draußen im Garten", versichert Kita-Leiterin Marlies Schuhmann.Auch der Wecker, der sie daran erinnern sollte, daß die Spielzeit nun beendet ist, werde gar nicht benötigt."Die Kinder sitzen nicht stundenlang vor dem Gerät.Bald wollen sie wieder etwas anderes spielen."

Der Computer als selbstverständliches Spielzeug für Kindergartenkinder? Während der Einsatz von Computern in den Schulen politisch wie pädagogisch bundesweit gefordert und gefördert wird, sind Computer in Kitas noch ausgesprochen selten und nicht unumstritten.Während die einen meinen, man könne gar nicht früh genug damit anfangen, sträuben sich bei den anderen die Nackenhaare vor Entsetzen.

Computer im Tagesbetrieb von Kitas einzusetzen, ist für den Neuköllner Jugendstadtrat Heinz Buschkowsky (SPD) eine "nahezu grausige Vorstellung".Zu Hause hätten Kinder schon genügend Gelegenheit Computerspiele zu spielen.Drei- bis Sechsjährige gehören für ihn eindeutig nicht vor den Bildschirm."In diesem Alter sollte man ihnen die natürliche Umwelt nahebringen und sie kreativ beschäftigen."

Christian Schubert, ebenfalls Kita-Leiter in Reinickendorf, sieht das anders: "Computer sind heute Teil der Lebenswirklichkeit von Kindern - deswegen sollten sie auch in der Kita ein Thema sein".Computer gehören für ihn dazu wie Bilderbücher oder Brettspiele, Hörspielkassetten oder Tuschekasten.Die Kita als "medienfreier Schutzraum" hält er für überholt.

In 10 von 60 Reinickendorfer Tageseinrichtungen stehen Rechner, in der Mehrzahl Spenden von Firmen oder Eltern.In einer bezirklichen Arbeitsgruppe tauschen sich Erzieherinnen und Kita-Leiterinnen über ihre Erfahrungen aus."Wir sichten gemeinsam Spiel- und Lernsoftware und versuchen über kleine Fortbildungen immer mehr Kolleginnen für das neue Medium zu gewinnen", erklärt Marlies Schuhmann.

Computer in Berliner Kitas haben jedoch noch Seltenheitswert.In der Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport weiß man bisher nur von ersten, zarten Ansätzen.Medienerziehung in bezug auf Fernsehen sei öfter Thema in ihren Gesprächsrunden mit KitaleiterInnen aus dem Bezirk, sagt Karin Jürgensen vom Amt für Tagesbetreuung in Tiergarten - Computer bisher nicht.

In manchen Einrichtungen gibt es Rechner für die Hortkinder, in der Regel ältere Modelle, die für Multimedia-Software nicht geeignet sind.In den meisten Bezirken wäre man froh, wenn man in der Verwaltung ausreichend Rechner hätte - von Multimedia für Kitas kann man da nur träumen.Aber das liebe Geld ist nicht der einzige Hinderungsgrund: "Die Berührungsängste in bezug auf Computer sind bei Erzieherinnen nach wie vor groß", ist die Erfahrung von Andrea Rüffer, Kitaberaterin in Pankow.Zuerst müßten sie sich ja selbst mit dem neuen Medium auseinandersetzen.Bei einer kürzlich im Bezirk durchgeführten Befragung, welche Themen die Kitaberatung anbieten solle, sei das Stichwort "Medien" kein einziges Mal genannt worden.

Diese noch immer weit verbreitete Skepsis teilt Elisabeth Hoste nicht.Für die Kita-Leiterin einer kleinen Einrichtung in Zehlendorf, die sich vor allem an der Montessori-Pädagogik orientiert, schließen sich sinnliche Erfahrungen und abstraktes Lernen nicht aus.Wenn die Kinder im "Weg der Mitte" zum Beipiel etwas über den "Baum als lebendiges Wesen" lernen, dann gehen sie in den Garten und beobachten die Tiere, die auf dem Baum leben.Später können die Fünf- und Sechsjährigen am Computer mit einem Lernprogramm über Bäume ihre Kenntnisse vervollständigen."Der Computer ist aber nur ein Medium unter vielen und wird von uns in sehr begrenzter, zielgerichteter Weise genutzt", betont sie.Zum freien Spiel stehe er nicht zur Verfügung.

Sind Computer für Kinder gut oder schlecht? Ein Münchner Modell-Projekt setzt genau an diesem Punkt an."Genau das wollen wir herausfinden", sagt Hans-Jürgen Palme vom "Studio im Netz" (SIN), der das Projekt im Auftrag des Schul- und Kindertagesstättenreferats der Stadt München durchführt."Multimedia-Landschaften für Kinder" ist ein Fortbildungsprojekt für Erzieher und Erzieherinnen und ihre drei- bis sechsjährigen Sprößlinge.Ziel ist es, zu beobachten wie kleinere Kinder in einem pädagogisch gestalteten Rahmen mit altersgerechter Spiel- und Lernsoftware (Edutainment-Titel) umgehen.

"Eines wissen wir sicher: Kinder ab drei Jahren interessieren sich für Computer", sagt der Medienpädagoge, der zuvor zwölf Jahre am Münchner Institut Jugend, Film, Fernsehen tätig war und selbst Vater zweier Söhne im Alter von vier und acht Jahren ist."Sie sehen wie die Erwachsenen sie benutzen und wollen auch damit spielen."

Erste Ergebnisse des Projekts zeigen, daß die anfänglich starke Skepsis der Erzieherinnen weitgehend überwunden werden konnte.Viele hatten "Baller- und Kriegsspiele" erwartet und waren positiv überrascht von den virtuellen Abenteuerwelten für Kinder.Vor allem aber von der Begeisterung "ihrer" Kinder.Bemängelt wurde allerdings, daß viele Edutainment-Titel zwar französische, englische und spanische Versionen enthielten - Sprachen wie Türkisch oder Kroatisch jedoch fehlten.

Die Sorge vieler Pädagogen und Eltern, die Kinder würden durch den frühen Kontakt mit dem Computer zum einsamen Technik-Freak erzogen, erscheint Palme nicht berechtigt: "Im Gegenteil - die Kids lieben es, die Spiele gemeinsam auszuprobieren und sie dabei lautstark zu kommentieren." Nicht immer zur Freude der Erzieherinnen: sie hoben den sehr hohen Lärmpegel beim Ausflug in die virtuellen Welten hervor.

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