Zeitung Heute : Ist die moderne Kunst verdorben, Herr Grützke?

Der umstrittene Künstler im GesprächTAGESSPIEGEL: Fühlen sie sich mit 60 Jahren inzwischen als anerkannter Künstler, Herr Grützke? GRÜTZKE: Ich erkenne mich an.Ob andere mich anerkennen, weiß ich nicht, aber der Geburtstag war herrlich und wunderbar.Die Zuwendungen haben gezeigt, daß es eine gewaltige Protektion gibt.Ich fühle mich aber genauso auch nicht anerkannt.Das Werk spaltet die Menschheit in zwei Lager: in Frauen und Männer, in Ablehner und Befürworter, in Nord und Süd, Ost und West.Die Katholiken und die Frauen sind auf der positiven Seite.Aber das geht quer durch die Parteien. TAGESSPIEGEL: Erinnern Sie sich noch an den Verriß anläßlich Ihrer Ausstellung in der Orangerie 1974? "Hauruck-Witzbold", "Blödeleien", "Banalitäten", "Narzißmus" und "schizophrene Pathetik" wurde Ihnen damals vorgeworfen. GRÜTZKE: Ja, aber von den achtzig Bildern der Ausstellung war nur eines bei der Eröffnung nicht schon verkauft.Denn die Karrieren eines Künstlers gehen nicht über den Kunstkritiker.Wenn ein Anhänger meiner Bilder in der Zeitung eine Kritik liest, dann ist der schon Partei und läßt sich davon nicht beeinflussen.Ich bekam eine Zeitlang nur Kritiken, die mit Schimpfworten gepflastert waren, zum Beispiel Schweißfuß-Tintoretto. TAGESSPIEGEL: Liegt das daran, daß Sie die Kunstgeschichte in Frage stellen, weil Sie nicht in die scheinbar gesetzmäßige Abfolge der Stile und Ismen einzuordnen sind? GRÜTZKE: Man hat einmal den Begriff Figurenmaler für mich gefunden.Ich kannte das Wort gar nicht.Ich dachte, ich bin Maler.Die Nationalgalerie hat 4 000 Zeichnungen geschenkt bekommen, und das waren so Blöcke manchmal mit Wörtern drin.Das erinnerte vielleicht entfernt an Konzeptkünstler.Und schon war ich Konzeptkünstler.Ich würde sonst gar nicht ins Museum passen.Für mich gibt es keine Kiste.Das Museum heute ist doch Rummelplatz: ausgestopfte Tiere, laufende Schriftbänder, Geisterbahnplastiken und aufgeblasener Tinnef.Und wenn da meine Bilder hängen, dann ist das ein unglaublicher Gegensatz.Dabei denke ich ja auch, moderne Kunst zu machen.Ich schlage schon seit langem vor, das "Art" zu nennen.Die documenta dagegen ist "Karg Art". TAGESSPIEGEL: Was ist für Sie gute Malerei? GRÜTZKE: Das weiß ich auch nicht.Der Name peinture wird ja geheiligt.Das sagen die Leute, indem sie die Finger reiben: Ja, das ist Malerei.Das geht aber auch mit der Zeichnung so.Es hat den Anschein, als hätte es mit Können zu tun.Bei mir kann von Können nicht die Rede sein.Ich kann nichts können, ich kann es nur tun.Das muß ich meinen Schülern auch immer wieder sagen.Die wollen Aktzeichnen können.Aber das geht nicht.Rubinstein würde auch nur sagen: ich spiele Klavier.Wie, das ist eine andere Frage. TAGESSPIEGEL: Worum geht es Ihnen denn in Ihrer Kunst? GRÜTZKE: Also, da sagt man mir: Warum malst du noch nackte Frauen; du mußt doch längst wissen, wie eine Frau aussieht.Darum geht es aber nicht.Es geht darum, daß ich dauernd daran interessiert bin.Und das ist das Leben.Das Handwerkliche kommt von selbst. TAGESSPIEGEL: Ist dann eine Akademie nicht überflüssig? Sie sind ja selber Lehrer an einer Kunsthochschule. GRÜTZKE: Ich unterrichte ja auch nicht.Es gibt bei mir nur das Malen.Aber ich sage meinen Schülern, es geht ums Machenmüssen und nicht ums Könnenmüssen.Malen ist nicht nur etwas zur Herstellung von Bildern, also das Handwerkliche, sondern ein Mittel, die Welt zu erkennen.Wie in der Philosophie mit ihren Begriffen.Malerei bedeutet doch auch den Gegenstand zu ergreifen und damit zu begreifen. TAGESSPIEGEL: Es gibt ja die weitverbreitete These: Wer figürlich malt, ist konservativ oder gar reaktionär, wer abstrakt malt, ist fortschrittlich, und fortschrittlicher ist, wer überhaupt nicht mehr malt, sondern nur noch Konzepte macht.Was erwidern Sie darauf? GRÜTZKE: Überhaupt nichts.Jeder darf machen, was er will.Meine Gründe für die Malerei sind, damit die Welt zu erkennen.Und mit dem Pinsel ist es mir lieber, weil es doch eine gewisse Pracht hat.Die Malerei erfreut das Herz.Wenn der Pinsel pfeift, wenn die Farbe spritzt.Oder wie Markus Lüpertz sagt: Wenn es kommt.Wenn die Farben keine mehr sind, sondern etwas anderes.Das ist die Sublimation im Bilde.Die Malerei ist der Vorgang, der die Farbe von ihrer Eigenschaft als Farbe entblößt.Sie ist dann eine Vase oder ein Mundwinkel.Wenn sie das gleiche wäre wie in der Tube, dann wäre nichts gewonnen.Das wäre nur Umstapeln.Der Gewinn ist die Sublimation.Ich hatte neulich einen Lustgewinn bei einem Rückenakt, weil die Farbe dann eben Haut geworden ist.Da war ich unerhört erfüllt und glücklich. TAGESSPIEGEL: Sie arbeiten nach Modell.Ist die Sinnlichkeit des Malens auch eine zwischen Maler und Modell? GRÜTZKE: Mit Liebe hat es sicher zu tun, mit der Liebe zum Menschen und zum Leben.Tote kommen auch vor, sind aber mehr herbeizitiert.In meinen Bildern leben auch die immer: ob Karl Marx oder Richard Wagner. TAGESSPIEGEL: Schon oft wurde behauptet, die Malerei sei tot.Keiner traut sich mehr ans Tafelbild.Ist die Kunst verdorben? GRÜTZKE: Verdorben sind sicher viele.In der Akademie kann man das gut sehen.Die Avantgardisten denken immer, sie kümmern sich um Sachen, die noch keiner vorher gemacht hat.Die Malerei sei alt.Das sogenannte Neue müssen sie suchen.Ist das nicht eine erbärmliche Situation, irgendwo zu suchen, wo noch keiner sitzt, statt die Sache einfach anzugehen, die vor einem steht? Statt dessen gucken die nach Marktlücken.Die Situation dieser Künstler ist furchtbar.Ich habe sogar manchmal den Verdacht, daß die gar keine Kunst machen, sondern Dinge, die nur so aussehen wie Kunst, weil sie von Sachen abhängig sind, die nicht ehrlich sind.Ehrlich ist der direkte Zugang zur Welt, geradeaus.Und ich bin dafür. TAGESSPIEGEL: Heißt das: Der Kunstmarkt bestimmt über die Inhalte der Kunst, weil Kunst nur das sein kann, was sich verkauft? GRÜTZKE: Das Ideal auf Kunstmessen ist doch dieses: eine weiße Koje mit weißem Fußboden, mit einem Bild, das ist auch weiß, und an dem weißen Schreibtisch sitzt einer im weißen Anzug.Die Messeleiter wollen ihren Kunstbegriff aseptisch rein halten.Die Kunst ist sowieso auf dem Weg zur Reinheit: Also rein von Inhalten oder anderen Belastungen, die reine Farbe kommt da zum Ausdruck, bis zu dem Punkt, wo sie eigentlich auch in der Tube bleiben kann. TAGESSPIEGEL: Die etablierte Kunstszene lehnt Sie weitgehend ab.Sobald es aber um Kunst fürs Volk geht, wie beim Frankfurter Paulskirchenbild, darf es Grützke sein.Kann man die Avantgarde den Laien vielleicht gar nicht zumuten? GRÜTZKE: Nee, nee, die Zeiten sind vorbei.Wenn man früher einem Mann von der Straße ein abstraktes Bild gezeigt hat, hat der gesagt: Das hat ein Affe gemalt.Das sagt der heute nicht mehr.Heute wird der gegenständliche Maler für Kitsch gehalten.So sind schon die Kinder durch die Kunsterzieher erzogen worden.Die Lehrer fahren auch auf die documenta und lassen sich die Losungen geben, was denn Kunst sei. TAGESSPIEGEL: Was ist überhauptKunst? GRÜTZKE: Das weiß keiner. TAGESSPIEGEL: Wissen Sie denn, was keine Kunst ist? GRÜTZKE: Das weiß ich auch nicht.Ich rede nur immer, daß man keine Angst vor Kitsch haben darf.Man darf sich nicht einschränken.Man muß sich vor allem von Ideologien befreien, dann ist man nahe dabei, was Kunst ist, nämlich Freiheit.Nichts darf einen einschränken.Wenn man eine Grenze überschreitet, dann kommt Herzklopfen, und das ist etwas Wunderbares.Wir wissen ja gar nicht, wie eingeschränkt wir sind. TAGESSPIEGEL: Ihre Bilder wirken oft skurril, komisch oder grotesk.Ist diese Art von Humor eigentlich beabsichtigt oder kommt das automatisch? GRÜTZKE: Grotesk, das kann schon passieren.Ich weiß, daß das Unerklärliche mein Ziel ist.Ich habe zum Beispiel Figurationen gezeichnet, um sie sinnzuentleeren.Ich wollte die Allegorie vermeiden.In der Malerei gibt es zuerst einen mechanischen Sinn.Wenn ich eine Frau durch die Luft schleudern lasse, dann muß der Vorgang physikalisch stimmen, der an sich absurd ist und nichts mit Allegorie zu tun hat.Ich muß eine Konstellation finden, die mir keine Möglichkeit zur Interpretation bietet.Dann bin ich mir sicher, daß sie von ganz weit unten aus mir kommt.Wenn ich sie interpretieren muß,dann ist sie nur aus dem Gehirn.

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