Zeitung Heute : Istanbul: Und plötzlich war der Airport da

Rainer W. During

Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit ist vor den Toren von Istanbul binnen zwei Jahren ein neuer Flughafen entstanden. Der Istanbul Sabiha Gökçen International Airport hat im Januar seinen Betrieb aufgenommen. Mit einem Investitionsvolumen von rund 500 Millionen US-Dollar ist der erste privat finanzierte Verkehrsflugplatz des Landes Teil des zweitgrößten Wirtschaftsprojektes der Türkei. Bereits in diesem Sommer, so hoffen die Betreiber, sollen auf der 3000 Meter langen Runway auch die ersten Urlauberjets aus Deutschland landen.

"Wir verstehen uns nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zum Atatürk-Flughafen", sagt Marketing-Chef Tolga Turgut. Am traditionellen Landeplatz in Yesilköy, im europäischen Teil westlich der Metropole gelegen, ist erst vor Jahresfrist ein neues Terminal für 14 Millionen Passagiere in Betrieb genommen worden. 2000 wurden hier nach vorläufiger Statistik 15,8 Millionen Reisende abgefertigt.

Verstopfte Straßen behindern oft den Weg ins Zentrum. Zwei Drittel der rund acht Millionen Einwohner Istanbuls leben im asiatischen Teil der Stadt, dessen Zentrum nur 20 Kilometer vom neuen Flughafen entfernt liegt. Dazu kommt das größte Industriegebiet der Türkei mit einem Einzugsbereich von 16 Millionen Menschen, sagt Tolga Turgut.

Deshalb soll das Kürzel "SAW" des mit modernster Technik ausgestatteten Airports bald auch in den internationalen Flugplänen zu finden sein. Der Sabiha-Gökçen-Airport verfügt über ein geräumiges, internationales Terminal für drei Millionen Jahrespassagiere und ein kleines Inlandsterminal für 500 000 Fluggäste. Bisher gibt es neben gelegentlichen Charter- und Geschäftsreiseflügen nur zwei tägliche Liniendienste von Turkish Airlines nach Ankara.

Symbolfigur als Namensgeberin

Das soll sich ändern, wenn der Flughafen Ende Mai offiziell eröffnet wird. Eigentlich sollte die Namensgeberin bei der feierlichen Zeremonie anwesend sein, doch Sabiha Gökçen starb 88-jährig am 22. März. Die Adoptivtochter Mustafa Kemals, genannt Atatürk, war die erste Luftwaffenpilotin der Welt und gleichzeitig die Symbolfigur für die Frauenbefreiung des Republikgründers. Rechnet man im Linienverkehr zunächst mit Flügen aus den Balkanländern und den GUS-Staaten, hoffen die Verantwortlichen schon kurzfristig auf die ersten Ferienjets auch aus Deutschland. Mit Frachtgesellschaften wie TNT und UPS wird ebenfalls verhandelt. Der ehrgeizige Plan sieht den Ausbau der Kapazität auf zehn Millionen Passagiere binnen fünf Jahren vor.

Hauptgesellschafter des Flughafens sind die High-Tech-Firmen Havelsan und Aselsan sowie die Turkish Aircraft Industry. Rund um den neuen Airport - so die hochfliegenden Pläne - sollen ein Flugzeug-Wartungszentrum, ein Luft- und Raumfahrt-Forschungsinstitut, ein Technologiepark, ein Kongress- und Ausstellungszentrum sowie eine Freihandelszone entstehen. Auch der Bau einer neuen Formel-1-Autorennstrecke wird diskutiert.

"Mit nur einem Flughafen wäre Istanbul als eine der zehn größten Metropolen der Welt und traditionelles Tor zwischen Ost und West nicht in der Lage, auf den wachsenden Verkehrsbedarf der kommenden Jahre zu reagieren", betont Turgut. "Wir sind nicht billig, sondern wettbewerbsfähig. Die Airlines wollen wir durch unseren Service überzeugen."

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