Zeitung Heute : Istanbul unter meinen Flügeln

JOST MÜLLER-NEUHOF

Das "Eiszeit" in Berlin möchte das erste türkische Kino in Deutschland werdenDer Versuch, in der Bundesrepublik türkisches Kino zu etablieren, gelang nicht.Nicht einmal in Berlin.Zaghafte Ansätze wie im Babylon-Kino, das Anfang der 80er türkische Filme zeigte, scheiterten, sei es am schlechten Management, am Programm oder am seinerzeit stark expansiven Video-Markt mit seinem spartenreichen Angebot.So verharrte das türkische Kino auf deutschem Boden trotz der vielseitigen türkischsprachigen Medienlandschaft von "Hürriyet" bis zum Fernsehsender TRT International in Wartestellung. Endlich, Ende Mai, soll es wieder Fuß fassen.Natürlich in Berlin.Das Kreuzberger "Eiszeit" möchte in zumindest einem der seit Renovierung zur Verfügung stehenden zwei Säle auf Dauer türkische Kinokultur anbieten.Der Bedarf, davon sind die Betreiber überzeugt, besteht unverändert.Den türkischen Film wie bisher nur in Festivals auferstehen zu lassen, ist ihnen zu wenig.Es fügt sich ihrer Meinung nach auch nicht in die Struktur des möglichen Publikums.So wenig Achternbusch oder von Trotta deutsche Identität in ihrer Breite repräsentieren, so wenig tun es auch die festivalerprobten türkischen Filmemacher.Nein, das "Eiszeit" hat keine Scheu, die Auswahl auch mit dem Wörtchen "Gebrauchsfilme" zu überschreiben.Es möchte für den türkischen Film so etwas werden wie das "Odeon" für den englischsprachigen: möglichst frei von Kategorisierungen und vor allem unterhaltend.Neben türkischen Produktionen werden deshalb auch US-Filme in das Programm aufgenommen.Für den türkischen Markt werden selbst aufwendige Hollywood-Produktionen nicht synchronisiert, sondern bloß untertitelt.Weil sie in der Türkei regelmäßig einige Monate früher als in Deutschland starten, hoffen die "Eiszeit"-Betreiber, die türkischen Kopien pünktlich mit den großen Kinos auf die Leinwand zu bringen.Ein noch früherer Termin brächte freilich Ärger mit den Verleihern. Erste Kontakte, mit Time Warner in der Türkei etwa, sind bereits geknüpft, Verträge mit türkischen Verleihern unterschrieben.Für die Pflege des Programms hat sich das Kino mit dem in Berlin lebenden Regisseur Ismet Elci ("Kismet, Kismet") und dem Filmdramaturgen Dogan Altuner zusammengetan.Elci, der in seinen Werken der türkisch-kurdischen (Doppel-)Identität in der Fremde nachspürt, will bei der Auswahl gleichwohl Themen seiner Heimat zum Maßstab machen.Was dort gut gelaufen ist, verspricht, so meinen Elci und Altuner, auch in Kreuzberg Erfolg.Für den Anfang haben sie sich Istanbul Kanatlarimin Altinda ausgesucht, was schon vom Titel her den künftigen Anspruch des "Eiszeit"-Kinos markiert: "Istanbul unter meinen Flügeln".In der Türkei fand der Film eine halbe Million Zuschauer. JOST MÜLLER-NEUHOF

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