Istanbul : Vertreibung für das Paradies

Es war das Viertel der Musiker, der Restaurants, der Bordelle – und der Armut. Nun wird Sulukule eingeebnet, Haus für Haus, um Platz zu machen für das neue, das glänzende Istanbul. Die Bewohner protestieren gegen ihre Umsiedlung. Und finden kaum Gehör.

Thomas Seibert[Istanbul]
265915_3_xio-fcmsimage-20090326193059-006000-49cbc9e3b37c6.heprodimagesfotos8232009032711251967.jpg
Letzte Lebenszeichen. Ein Händler in Sulukule verkauft zwischen abrissgeweihten Häusern Fische. Foto: picture-alliance/dpa

Der Bagger kann jeden Moment kommen, das weiß Göksel Gülkoperan. Sein Häuschen im Istanbuler Stadtviertel Sulukule ist armselig, das Sofa im engen Wohnzimmer, in dem unablässig der Fernseher läuft, längst durchgesessen. Doch dieses Haus ist alles, was Gülkoperan und seine Familie haben. Jetzt soll es abgerissen werden, wie schon so viele in der Straße. Gülkoperan hat keine Arbeit, er hat Lungenkrebs, er hat drei Kinder. Sein alter Onkel wohnt im Untergeschoss. Alle sollen sie raus aus Sulukule. Denn Sulukule soll der neuen Zeit weichen.

Gülkoperan holt einen Stapel Röntgenbilder aus dem Schlafzimmer. „Hier“, sagt er und hält eine Aufnahme gegen das Licht. „Hier haben sie mir den Lungenflügel rausgenommen.“ Als ob die Bilder nicht Beweis genug wären, zieht der 47-Jährige sein Hemd hoch und zeigt die Operationsnarbe. „Ich kann nicht arbeiten, ich habe kein Geld,“ sagt er.

Neulich begann Gülkoperans Häuschen zu zittern, die kleine Tochter weinte, aus Angst, dass nun sie an der Reihe seien. Doch die Erschütterungen kamen von nebenan, ein Haus in der Nachbarschaft wurde abgerissen. Wie lange die Gülkoperans noch bleiben können, weiß niemand in der Familie.

Sulukule, dessen Häuser sich an die Innenseite der historischen Istanbuler Stadtmauer drängen, wird seit Jahrhunderten von Roma bewohnt – es soll die älteste Siedlung sesshaft gewordener Roma überhaupt sein. Seinen Namen, der „Wasserturm“ bedeutet, leitet das Viertel von einer byzantinischen Wasserleitung in der Gegend ab. Bis in die 90er Jahre hinein war Sulukule ein Vergnügungsviertel, mit Restaurants, Kneipen und Bordellen. Noch heute sind viele der Bewohner professionelle Musiker – „man könnte hier drei Sinfonieorchester zusammenstellen“, sagt Nese Ozan, eine Aktivistin, die sich für den Fortbestand des Bezirks einsetzt. „Aber diese Kultur geht jetzt unter.“ Denn in den Plänen der Stadtverwaltung für Sulukule spielen die Roma und ihre Orchester keine Rolle.

Istanbul ist wohlhabender geworden in den vergangenen Jahren, und in einigen Teilen der Stadt sollen nun alte, gewachsene Nachbarschaften eingeebnet werden, um Platz zu schaffen für neue und moderne Viertel. So ist es auch in Sulukule geplant. Das Viertel liegt über dem Goldenen Horn, nahe dem Edirne-Tor, wo osmanische Truppen 1453 die Abwehr der christlichen Verteidiger durchbrachen, um das damalige Konstantinopel zu erobern. Für die Behörden ist der Bezirk ein Schandfleck. „Wir werden Sulukule von dem Schicksal befreien, eine Monstrosität zu sein“, sagte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan im vergangenen Jahr. „Wir werden es in einen modernen, mit historischen Straßen geschmückten Ort verwandeln.“ Er fügte hinzu, die Gegner des Modernisierungsprojekts seien wohl noch nie in Sulukule gewesen: „Sonst würden sie nicht so reden.“

Viele Einwohner des Viertels und Aktivisten wie Nese Ozan widersprechen dem. Die 48-Jährige ist eine moderne und geschmackvoll gekleidete Frau, die sich ein bisschen fremd ausnimmt in den ärmlichen Straßen des Viertels. „Ich war auch vorher nie hier“, sagt sie – trotzdem habe sie sich der Bürgerinitiative gegen den Abriss des Viertels angeschlossen. Jetzt sammelt sie Unterschriften für Sammelklagen gegen das Projekt und versucht, Menschen wie dem lungenkranken Göksel Gülkoperan zu helfen.

In Sulukule, wo bis zu Beginn der Abrissaktion rund 5000 Menschen lebten, sollen Hotels, Luxuswohnungen und Geschäfte entstehen. Da sich die jetzigen Bewohner die neuen Häuser nicht leisten können, sollen sie in Sozialwohnungen am Stadtrand umziehen. Dass sich die Zwangsumsiedlung gegen die Minderheit der Roma richtet, sei kein Zufall, glaubt Nese Ozan: „Hier ist es leichter, die Leute rauszukriegen.“ Fest steht, dass die Stadt nicht gerade zimperlich vorgeht. Mit dem Abriss des Viertels wird nicht gewartet, bis alle Bewohner eine neue Bleibe haben. Auch Klagen der Bewohner gegen den Abriss haben keine aufschiebende Wirkung.

Einige Straßen des Viertels bieten schon heute ein Bild der Verwüstung: Zerstörte Häuser, deren Bewohner in den Trümmern ihr Dasein fristen, Kinder, die im Müll spielen. Ein paar Männer ziehen verbogene Eisenstreben aus einem Schuttberg, um sie als Altmetall zu verkaufen. Auf einer Straße liegen die Trümmer eines abgerissenen Hauses so hoch, dass kein Auto mehr passieren kann und die Fußgänger über Steine und Betonreste balancieren müssen. Nese Ozan glaubt, dass der Schutt absichtlich liegen gelassen wird, um den noch hier lebenden Menschen das Leben so ungemütlich wie möglich zu machen.

„Wenn es hier ein Feuer oder einen Notfall gibt – was passiert dann?“ schimpft Adem Ergücel, ein Hausbesitzer in der Trümmerstraße. „Hier kommt doch kein Krankenwagen durch.“ Ergücel gehört zu denjenigen, die sich weigern, ihren Besitz an die Stadt zu verkaufen, weil er die angebotene Entschädigung für zu niedrig hält. Er hat zwei Wohnungen in seinem Haus, doch die Stadt will ihn nur für eine entschädigen.

Deshalb will Ergücel an der Sammelklage teilnehmen, die Ozans Gruppe organisiert. „Wir gehen bis nach Straßburg“, ruft er – das Europäische Menschenrechtsgericht hält er wie viele Türken für die letzte Instanz in Sachen Gerechtigkeit: An die Urteile der Straßburger Richter muss sich die Türkei als Mitglied des Europarats halten. Nese Ozan schreibt sich Ergücels Telefonnummer auf und verscheucht ein paar Kinder, die sie anbetteln wollen. „Ich habe kein Geld“, sagt sie. Die Kinder ziehen ab.

Zwei von drei Häusern in Sulukule sind bereits zerstört, schätzen die Bewohner. Bei den Abrissarbeiten wurde auch ein altes Holzhaus beschädigt, das eigentlich unter Denkmalschutz steht: Nun sind Arbeiter auf einem Gerüst damit beschäftigt, es wiederherzurichten, während rings um sie herum der Abriss fortschreitet.

Auch Yilmaz Kücükatasayyar soll Sulukule verlassen. Noch haust er in einer Ruine ohne Fenster und Türen, die mal sein Elternhaus war. Mit ein paar Freunden sitzt Kücükatasayyar vor dem Gebäude und raucht Zigaretten. Seine Eltern haben das Angebot der Stadt angenommen: eine Entschädigung von rund 250 Euro pro Quadratmeter für den zerstörten Besitz und eine Sozialwohnung im Neubaugebiet Tasoluk, 40 Kilometer außerhalb der Stadt. Weil die neue Wohnung mehr kostet, als die Familie für die alte bekommt, erhalten die Kücükatasayyars zusätzlich einen Kredit, den sie mit 15-jähriger Frist abbezahlen können.

Kücükatasayyars Eltern leben nun draußen in der Vorstadt, der 20-jährige Sohn dagegen ist zurückgekommen. „Ich konnte da nicht bleiben“, sagt er. „Dies hier ist unsere Heimat, im Herzen Istanbuls.“ Und ernähren könne er sich in der Vorstadt auch nicht – „da gibt es keine Arbeit“. Im Zentrum schlägt sich Yilmaz als Straßenhändler durch, nachts schläft er in der Ruine seines Elternhauses. Und wenn auch die abgerissen wird? „Dann gehen wir eben in ein anderes Haus“, antwortet einer der Freunde. „So lange, bis alle weg sind.“ Der Mann lächelt bitter.

Als „Region des Verfalls“ inmitten von Istanbul bezeichnet die Bezirksverwaltung das Viertel. Auch seien die alten Häuser von Sulukule erdbebengefährdet, heißt es. Möglicherweise stehen aber auch ganz andere Interessen hinter dem Projekt: Anhänger von Erdogans konservativer Regierungspartei AKP, die auch in Istanbul den Bürgermeister stellt, sollen sich bereits einige der besten Grundstücke gesichert haben, berichten die Zeitungen.

Istanbuls Bürgermeister Kadir Topbas, der bei den Kommunalwahlen am Sonntag für eine weitere Amtszeit antritt, gefällt sich in der Rolle des Machers und Modernisierers: In den vergangenen Jahren hat er viele ehrgeizige Projekte auf den Weg gebracht, darunter einen Eisenbahntunnel, der die europäische mit der asiatischen Seite der Zwölf-Millionen- Stadt verbinden soll. Topbas, ein gelernter Architekt, hat auch den Bau von Sozialwohnungen im Vorort Tasoluk vorangetrieben. Doch Kritiker sagen, die Behörden hätten über die Köpfe der betroffenen Menschen hinweg entschieden. Eine Expertengruppe hat ein alternatives Konzept erarbeitet, das eine Modernisierung von Sulukule ermöglichen würde, ohne die Bewohner zu vertreiben. Die Behörden wollen sich die Pläne der Fachleute ansehen, sagen sie. Viel Zeit bleibt nicht. Das Projekt Sulukule soll in zwei Jahren abgeschlossen werden.

Nicht nur in der Türkei selbst haben die Pläne Kritiker auf den Plan gerufen. Die EU kritisierte vor zwei Monaten, dass unter den Zwangsräumungen vor allem die Roma zu leiden hätten. Auch die UN-Kulturorganisation Unesco sprach sich gegen den Abriss des Viertels aus.

Trümmer, Steine, Holz, Rohre und Dachziegel verstopfen eine der engen Straßen von Sulukule, inmitten der Verwüstung ist ein einziges kleines Häuschen stehen geblieben. Selbst wenn die Abrissaktion hin und wieder unterbrochen wird, bisher sind die Bagger jedes Mal zurückgekehrt. Im Januar zerstörten die Maschinen das Kinder- und Jugendzentrum von Sulukule, obwohl die Behörden ausdrücklich versprochen hatten, die soziale Einrichtung bis zum Schluss zu schonen. Frau Ozan von der Bürgerinitiative schüttelt den Kopf. „Sie haben ihr Wort wieder nicht gehalten.“

Auch dem lungenkranken Göksel Gülkoperan wurde eine Sozialwohnung in der Trabantenstadt Tasoluk angeboten. Er nahm das Angebot an, zog aber gar nicht erst ein – stattdessen hat er die Rechte an der neuen Wohnung weiterverkauft, um seine Arztrechnungen zu bezahlen. Ein verzweifelter Schritt, der die ganze Familie in eine Sackgasse geführt hat. Nun sitzen sie in Sulukule und warten auf die Bagger. „Ich weiß nicht, wo ich hin soll“, sagt Gülkoperan.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben