Zeitung Heute : IT-Branche: Unternehmer auf Brautschau

Harald Olkus

Die Manpower in der IT-Branche ist knapp. Während sich in anderen Branchen die Bewerbungsmappen auf den Schreibtischen der Personalchefs stapeln, die mühsam versuchen, in mehreren Auswahlrunden den oder die Beste herauszufinden, gelten in der IT-Branche andere Regeln.

Die Unternehmen müssen ein aktives Personalmarketing betreiben. Sie beauftragen Personalberater und Headhunter, die ihnen fähige Mitarbeiter empfehlen sollen. Notfalls werden sie bei der Konkurrenz abgeworben. Die Firmen gehen aber auch direkt an Hochschulen, um dort auf Karrieremessen und Firmenkontakttagen frühzeitig geeignete Nachwuchskräfte zu rekrutieren. Doch welche Absolventen sind geeignet, was für Anforderungen stellen die Unternehmen an ihre neuen Mitarbeiter?

Technische Vorkenntnisse sind dabei offensichtlich nicht das Wichtigste. "Wir suchen Leute, die über den Tellerrand hinausblicken und die an sie gestellten Aufgaben stemmen können. Fachidioten sind nichts für uns" sagt Eva Maria Scheid von der IT-Beratungsfirma Gora, Hecken und Partner. Im von ihr geleiteten "Competence Center Wissensmanagement" sei eine Mischung von technischen und organisatorischen Fähigkeiten vonnöten, je nach Geschäftsbereich mehr vom einen oder vom anderen. Projekterfahrung und Kontaktfreudigkeit sind für die IT-Beratungsfirma ebenso wichtige Anforderungen wie Kenntnisse über Strategie, Führung, Kultur, Prozesse oder IT-Systeme. Wer sich nur in einem dieser Felder gut auskennt, hat bereits Chancen. Deshalb seien auch Quereinsteiger geeignet.

Die IT-Firma BerlinDat zum Beispiel geht mit 16 offenen Stellen und einem Trainee-Programm auf die Kontaktbörse der TFH. Nicht alle Stellen könnten mit Absolventen besetzt werden, da einige Erfahrungen im Projektmanagement voraussetzten, sagt Personalreferentin Gisela Brehme. Aber das Trainee-Programm sei hervorragend für Absolventen geeignet. "Wir suchen für die zwölfmonatige Weiterbildung jeweils einen oder mehrere Trainees für die Schwerpunkte Datenbank-, NT-, Unix-, SAP R/3-Basisadministration und Netzwerkadministration."

Die Voraussetzungen für die Bewerber sind dabei eher unscharf formuliert: Ein naturwissenschaftliches oder technisches Studium genügt. "Ideal wäre natürlich Informatik", sagt Gisela Brehme vorsichtig. Wirtschaftswissenschaften oder Betriebswirtschaftslehre sind aber auch ganz schön. Da es sich um ein "Training on the Job" handelt, gehören die fachlichen Kenntnisse nicht zu den absolut notwendigen Voraussetzungen. Dagegen sind Teamfähigkeit und Problemlösungskompetenzen gefragt. Gern gesehen sind Studenten, die ein Praktikum im IT-Bereich absolviert haben, sich mit Oracle oder Unix bereits etwas auskennen oder Fremdsprachenkenntnisse haben. "Aber wenn wir uns zu sehr mit unseren Anforderungen spezialisieren, haben wir zu wenig Auswahl unter den Bewerbern", sagt Gisela Brehme.

Keine Rede von Anforderungsprofilen und Schlüsselqualifikationen. Sind Qualitäten, wie Eigenaktivität und Selbstverantwortung, Flexibilität und Kreativität, Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit oder gar unternehmerisches Denken überhaupt nicht gefragt? "Natürlich, aber das sind Phrasen, die sowieso in jedem Zeugnis stehen", sagt die Personalreferentin. Deshalb versucht das Unternehmen die Eignung der Absolventen im persönlichen Gespräch auf der Kontaktbörse zu ermitteln.

Auch die Telekom-Tochter T-Nova Berkom ist mit einem Stand an der TFH vertreten. "Wir entwickeln innovative Lösungen im IT-Bereich, für Internet und Multimedia sowie E-Commerce und E-Business", sagt Ralf Leithaus von der Abteilung Innovationsmarketing des Unternehmens. Deshalb seien Vorkenntnisse in der Nachrichtentechnik, der Informationstechnologie oder in der Telekommunikation verwandten Gebiete vorteilhaft. Da sehr stark projektorientiert gearbeitet wird, sucht das Unternehmen neben Experten auch "junge Leute, die Freude haben, Projekte zu leiten." Die Bewerber sollten vor allem Spaß daran haben, Neues zu entwickeln, ständig weiter zu lernen und sich neuen Herausforderungen zu stellen. Auch der Fun-Faktor ist wichtig in der Telekommunikation.

Dafür bietet die T-Nova Berkom Karrieren in zwei verschiedenen Berufsbildern an. Von den Experten wird vor allem fundiertes und breit gefächertes Know-How gefordert. Beim Projektmanager sollte dagegen die Fachkompetenz stark durch persönliche Eigenschaften wie Teamfähigkeit, Führungsqualitäten, wirtschaftliches und organisatorisches Denken sowie die Fähigkeit zu motivieren und delegieren ergänzt werden. "Je mehr gute Softskills, desto besser", sagt Ralf Leithaus. "Natürlich könnten wir von Hochschulabsolventen nicht erwarten, dass sie diese Eigenschaften bereits zur Perfektion beherrschen", schränkt er ein. "Deshalb helfen wir ihnen, da reinzuwachsen."

Die T-Nova Berkom sucht weniger den fertigen Absolventen, sondern will sich bereits Studenten über Praktika und die Betreuung von Diplomarbeiten heranziehen. "Auf diese Weise lernen wir die Fähigkeiten unserer künftigen Mitarbeiter schon vorher kennen."

Zunehmend wichtiger für das Unternehmen sind die Entwicklung von Problemlösungen für Internet und Multimedia sowie E-Commerce und E-Business. In diesen Bereichen herrsche eine sehr große Dynamik, deshalb gebe es hier auch kein exaktes Stellenprofil. Ein wesentlicher Schwerpunkt läge zwar immer noch auf der Informatik, doch sind Kenntnisse über das Internet als Plattform oder ein Überblick über die gängigen Präsentationsformen ebenfalls gefragt. "Früher reichte es schon, wenn der Absolvent sich mit Datenbanken, Windows und C++ auskannte. Das ist heute viel diffuser", sagt Ralf Leithaus. Deshalb versucht auch sein Unternehmen, Studenten und Absolventen frühzeitig kennen zu lernen, um herausfinden zu können, welche Grundqualifikationen da sind und wo entsprechend weitergebildet werden muss.

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