Zeitung Heute : Italien im Euro-Fieber

HERMANN-JOSEF KNIPPER

Aber das Euro-Rennen ist für Italien noch längst nicht gelaufen.Denn Rom muß erst noch beweisen, daß die von der Regierung Prodi beeindruckend mutig und konsequent eingeleitete Sanierung der Staatsfinanzen von Dauer istVON HERMANN-JOSEF KNIPPERKein Land Europas drängt so massiv in die Europäische Währungsunion wie Italien.Doch keiner der zur Zeit elf EU-Staaten, die möglicherweise vom ersten Tag an zum Euro-Teilnehmerkreis gehören, muß gegenwärtig noch so zittern wie die Heimat der Lira.Und kein Euro-Bewerber wird in Deutschland so mißtrauisch beobachtet wie Italien.In diesem Wissen wird jeder auch noch so zarte Hinweis aus europäischen Hauptstädten zu den Euro-Chancen der Italiener südlich der Alpen voller Spannung und Nervosität verfolgt.Keinem Staatsgast aus den EU-Partnerländern wird die Frage erspart, ob denn Rom mit Unterstützung rechnen darf, wenn am 2.Mai auf einem EU-Sondergipfel die definitive Entscheidung über die Euro-Startergruppe fällt. Glücklicherweise hat Bundeskanzler Helmut Kohl bei seinem Kurztrip nach Rom dem Drängen nach einer klaren Antwort zur Euro-Frage standgehalten.Im Gegensatz zum französischen Staatspräsidenten Chirac hat sich der Kanzler nicht zu einem vorschnellen Ja-Wort hinreißen lassen.Wer deswegen denkt, wir Deutschen wollten die Italiener zu Europäern zweiter Klasse stempeln oder die Bundesregierung wolle sich für den von Rom zunächst verhinderten ständigen Sitz Deutschlands im Weltsicherheitsrat rächen, geht fehl; Tatsache ist, daß die italienische Regierung trotz durchgreifender Erfolge noch mehr Zeit und Rückenwind braucht, um die in der EU vorhandenen Vertrauensdefizite abzubauen.Experten sind davon überzeugt, daß der anhaltende Bonner Druck die finanzpolitische Sanierung in Rom erleichtert.Hätte Kohl schon jetzt grünes Licht gegeben, hätte die Regierung Prodi kein innenpolitisch verwertbares Argument mehr gehabt, um die für Italien immer noch neue und nicht verwurzelte Stabilitätspolitik weiter voranzutreiben. Das Schweigen über Italiens Euro-Chancen hüllte Kohl geschickt in diplomatisches Geschenkpapier, indem er die bedeutende Rolle Roms beim Aufbau Europas würdigte und damit andeutete, daß am 2.Mai eben nicht nur über die Einhaltung der Maastrichter Konvergenzkriterien gerichtet wird - dabei geht es bekanntlich um die Angleichung von Staatsdefizit, öffentlicher Gesamtverschuldung, Preissteigerung und Zinsen auf möglichst niedrigem Niveau bei allen Euro-Teilnehmerländern.Die Hoffnung Roms basiert vor allem darauf, daß eine politische Entscheidung getroffen wird, und dabei kann Italien wirklich kaum übergangen werden.Das glauben inzwischen übrigens nicht mehr nur die Italiener selbst, sondern auch viele EU-Kommissare, die meisten anderen EU-Regierungen und sogar manches Mitglied des strengen Bundesbank-Direktoriums in Frankfurt. Trotzdem ist das Euro-Rennen für Italien noch längst nicht gelaufen.Denn Rom muß erst noch beweisen, daß die von der Regierung Prodi beeindruckend mutig und konsequent eingeleitete Sanierung der Staatsfinanzen von Dauer ist.Nur wenn dies klar ist, kann Italien dem Euro zu zusätzlicher Stärke verhelfen.Herrscht dagegen auf den Devisenmärkten der Eindruck vor, Italien könnte nach der kurzen Phase der Sparsamkeit zur früheren Finanzmißwirtschaft zurückkehren, dann droht Italien den Euro aufzuweichen.Eine schwache EU-Währung nützt aber Italien genauso wenig wie Deutschland. Damit die Italiener uns Deutschen den Abschied von der harten D-Mark erleichtern und Euro-Skeptikern wie etwa dem bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber den Wind aus den Segeln zu nehmen, muß vor allem deutlich werden, daß die Staatsschulden in absehbarer Zeit spürbar zurückgehen.Noch macht der Schuldenberg etwas mehr als 121 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus.Das ist mehr als das Doppelte dessen, was der Maastrichter Vertrag maximal gestattet.In Rom gibt es zwei Szenarien, wie die 60 Prozent bei einem angestrebten Wirtschaftswachstum von 4,5 Prozent pro Jahr erreicht werden können - entweder mit fünf Prozent Kreditzinsen in zehn Jahren oder mit sechs Prozent Zinsen in 18 Jahren.Da die italienische Wirtschaft zur Zeit nur auf ein Wachstum von rund einem Prozent kommt, muß bei realistischer Betrachtung mit einem noch viel längeren Zeitraum gerechnet werden.Entscheidend aber ist, daß echte Anstrengungen in diese Richtung unternommen werden, und zwar noch vor dem 2.Mai.

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