Zeitung Heute : ITB 2001: Bühne frei für die Kulturreise

Sascha Meyer

Die einen wollen im Urlaub baden, entspannen und gut essen. Die anderen wollen all dies - und außerdem eine Oper in der Arena von Verona. Immer mehr Menschen in Deutschland reizt es, in den schönsten Tagen des Jahres auch kulturelle Attraktionen zu genießen. Vor allem kleine Anbieter spezialisieren sich angesichts der Marktdominanz der Pauschalreise-Konzerne und organisieren Trips auf den Spuren großer Dichter, Touren zu Kunstausstellungen und raren Konzerten. Auch Orte außerhalb der klassischen Urlaubsregionen wollen mit Extras vom populären Musical bis zum Schlosskonzert die meist kaufkräftigen Kultur-Urlauber gewinnen.

Die ITB soll dem Kulturtourismus endlich die große Bühne öffnen. Rund 100 Aussteller aus 21 Ländern präsentieren sich erstmals bei diesem Messe-Schwerpunkt. "Die vielfältigen Angebote sollen bekannter und leichter buchbar werden", sagt Organisator Kai Geiger, Geschäftsführer von "Art Cities in Europe", einer Initiative europäischer Kultur-Metropolen. Nicht nur in der Heimat der Dichter und Denker wachsen Interesse und Angebot. Neun Prozent mehr Menschen nannten binnen Jahresfrist Kultur als ein Reisemotiv, ermittelte die Deutsche Zentrale für Tourismus.

Kultur umfasst dabei eine breite Palette von Angeboten, die dem Trend zu mehr Abwechslung auf Reisen entspringen. "Es gibt für viele nicht mehr den klassischen Badeurlaub und reine Studienreisen", sagt Melanie Schacker vom Deutschen Reisebüro- und Reiseveranstalter-Verband (DRV). "Sie wollen von allem etwas und das mehrmals im Jahr." Veranstalter wie TUI und Neckermann setzen vor allem auf Städtereisen in Kombination mit Musicals oder Opern. Auch kulturgeschichtliche Rundreisen zu marokkanischen Königsstädten oder einen Abend im Marionetten-Theater in Prag gibt es per Katalog. Das Geschäft mit besonderen Angeboten für Kenner gilt dagegen als zu begrenzt für die Branchenriesen, die in Mengen kalkulieren.

"Da hat man als kleiner, flexibler Anbieter gute Chancen", sagt Reingard Blechschmidt, Geschäftsführerin von Kunst-Kultur-Natur- Reisen im hessischen Fulda. Spezialveranstalter arrangieren Touren zu Lebensstationen des Schriftstellers Theodor Fontane in der Mark Brandenburg oder Exkursionen in vorchristliche Höhlen und Kultstätten im südlichen Kaukasus - abseits aller Bettenburgen. "Kulturreisen können durchaus anstrengend sein, weil man gefordert wird", sagt Blechschmidt, die meist für kleine Gruppen aus akademisch gebildeten, älteren Teilnehmern individuelle Reisepakete schnürt.

"Der Kulturtourist verweilt länger, gibt mehr Geld aus und hat mehr Interesse an der Stadt und ihren Menschen", sagt Kulturstädte-Manager Geiger. Mit Kultur könnten Städte Besucher an sich binden, die sonst nach kurzem Rundgang im Umland übernachten, und auch die Nebensaison beleben.

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