Zeitung Heute : ITB im Wandel:

ITB im Wandel:Von der Tourismuskritik zur Oskar-Verleihung

Erinnert sich noch jemand an die ITB vor einigen Jahren? Da spaltete sich die Reisemesse in zwei deutlich abgezirkelte Lager.Auf der einen Seite die Manager in Schlips und Kragen, die tüchtig Geschäfte machten und Visitenkarten austauschten.Auf der anderen Seite die fundamentalen Tourismuskritiker, die in selbstgestrickten Protestpullis mit Plakaten und Foldern den touristischen Raubbau an der Umwelt und die Verletzung der Menschenrechte anprangerten.Um die heiligen Messehallen überhaupt betreten zu dürfen, tarnten sie ihre Diskussionsrunden hinter harmlosen Titeln, die sich im Laufe der Reisemesse zum Beispiel als Tribunal gegen Südafrika entpuppten.Einer der Leitfiguren war Jost Krippendorf.Sein Buch "Landschaftfresser" galt in kritischen Kreisen als so etwas wie die Bibel. Von Tourismuskritik ist auf der ITB inzwischen nichts mehr zu hören.Das Negativdenken ist einem Positivrausch gewichen und die Grenzen zwischen den Fraktionen haben sich inzwischen seltsam verwischt: Die einstigen Auguren sind zu gut gekleideten Unternehmern mutiert und die Veranstalter haben das Ökothema zur finanziellen Chefsache erklärt - der TUI Umweltbeauftragte Wolf Michael Iwand zum Beispiel versteht sich als eine Art Öko-Papst, hält perfekt inszenierte Vorträge, als hätte er die Natur selbst gezeugt.Es fällt den Touristikern mittlerweile nicht schwer, sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen.Und so glich die diesjährige ITB einer Oskarpreisverleihung.Jost Krippendorf wurde für seine "besonderen Verdienste" in der Touristik von IPK International geehrt - das Unternehmen erstellt jährlich die Reiseanalyse.Auch Peter Zimmer, einst Mitglied der Gruppe "Tourismus mit Einsicht" und heute Chef der Firma FUTOUR, erhielt den Preis des Verbandes deutscher Reisejournalisten DVRJ."Peter Zimmer", hieß es in der Laudatio, "ist Hans Dampf in vielen Umweltgassen". Die Zeitschrift GEO Saison verlieh in der Kategorie "Faulenzerferien" eine Palme an das Hamburger Unternehmen Öger Tours für "geruhsame Tage an Bord eines Motorseglers".Und in der Kategorie "Kleine Fluchten", dabei geht es um Kurzreisen, wurde der Reiseveranstalter GeBeCo für "Walbeobachtungen" in Südafrika prämiert, ebenfalls mit der "Goldenen Palme".Kritiker hätten früher den Kopf geschüttelt, heute wird applaudiert.Nur noch eine neue Broschüre des Umweltbundesamtes plädiert: "Reisen Sie weniger oft, dafür länger".Aber erlaubt ist, was gefällt.Und in der zehnköpfigen Jury saß der Geschäftsführer von GeBeCo-Reisen. "Jeder Tourismus-Film soll eine Botschaft transportieren, zum Nachdenken anregen" und gleichzeitig "unterhalten und amüsieren", heißt es in den Kriterien der Messe Berlin für die Verleihung des "PRIX ITB BERLIN 1997".Diesen geradezu schwierigen Spagat schafften die Produzenten des Beitrages "Expo 2000 Hannover" und erhielten den "Goldene Kompaß".Der "Silberne Kompaß" ging an Air Madagaskar. Natürlich sind das noch lange nicht alle Preise, die auf der ITB vergeben wurden.Da ist noch TODO, vom Studienkreis für Tourismus oder "RBellino" vom Münchener Branchenblatt "Der Graue Dienst".

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