Zeitung Heute : Jahreswechsel, Zeitenwende?

GERD APPENZELLER

Es wird ein besonderes Jahr werden, dieses Jahr 1999.Ein Zauber hängt über ihm.Da können uns die klugen Rechner und die Rationalisten noch so lange erklären, das nächste Jahrtausend beginne ja gar nicht heute in 365 Tagen, sondern erst ein weiteres Jahr später, mit dem 1.Januar 2001.Die Menschen wollen es so nicht wissen.Sie erliegen der Anziehungskraft der Zahl 2000, lassen sich von ihr berauschen und betören und wer sich dem entziehen wollte, würde dennoch mitgerissen von der Schwärmerei, die alles erfaßt.Und wenn der Umzug von Parlament und Bundesregierung von Bonn nach Berlin nicht 1999, unmittelbar vor der im Nebel der Phantasie angesiedelten imaginären Zeitenwende, sondern in irgendeinem, beliebigen Jahr stattfinden würde, gäbe es wohl auch das oft von dunklen Wolken des Bedenkens überlagerte Sinnieren zum Geiste der Berliner Republik nicht.So aber kommt angeblich alles zusammen - das Tatsächliche, der neue Ort, mit dem Verfrühten, der neuen Zeit, die vermutete andere Politik mit dem teils erhofften, teils befürchteten alt-neuen Geist.Prahlerisches "Wir sind wieder wer" mischt sich mit besorgtem "Wer sind wir wieder?".Da man den Begriff der "Berliner Republik" nicht zur Schimäre erklären und mit einem Machtwort verjagen kann, bleibt uns, und das ist gut so, nur die Auseinandersetzung mit ihm, denn was man versteht, schreckt nicht mehr.

Die Berliner Republik wird eines nicht sein, was das Deutsche Reich war - ein zentralistischer Staat.Sie wird den Reiz und die Vielfalt des Föderalismus bewahren, jene gesellschaftliche, kulturelle und politische Pluralität in der Einheit, um die die alte Bundesrepublik von so vielen europäischen Ländern beneidet wurde.Die Bundesländer bauen ihre Selbstbewußtsein ausstrahlenden Vertretungen in Berlin, allen voran die Bayern.Sie pflegen freilich mit Sorgfalt auch ihre Residenzen in Brüssel, der Hauptstadt Europas.Die immer stärkere Verschiebung exekutiver und legislativer Kompetenzen aus den nationalen Kapitalen in die der Europäischen Union ist ein weiterer Garant dafür, daß Preußens Gloria nicht die Hymne der Bundesrepublik sein wird.

Bonn war eine liebenswürdige, liebenswerte, aber von der europäischen Geschichte der letzten anderthalb Jahrhunderte vor 1949 ausgeklammerte Stadt.Gerade das machte es zur idealen Hauptstadt eines neuen Landes mit soviel schlimmer Vergangenheit.Die Unbefangenheit Bonns half, wo das erinnerungsträchtige Berlin belastend gewesen wäre.Das wird sich nun ändern.Die Bundesrepublik Deutschland wird auch körperlich wieder in ihrer Geschichte leben.Diese Geschichte setzt Themen, die am Rhein nicht diskutiert worden wären, weil sie im physischen und psychischen Sinne zu weit weg von den Menschen dort sind.Die drei großen Debatten der jüngsten Zeit - die über das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas, jene über den Wiederaufbau des Schlosses und auch der Streit um Martin Walsers Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Buchhandels - sind vorwiegend Berliner Debatten.Aber es sind keine regionalen Berliner Diskurse.Sie werden in Berlin stellvertretend für eine Republik geführt, die sich den Themen vielerorts noch nicht stellt.Die Probleme des geteilten Landes taugten lange als Ausflucht vor der Auseinandersetzung mit den unaufgeräumten Orten der Historie.Aber die Teilung ist aufgehoben, ihre Geschichte und Vorgeschichte muß aufgearbeitet werden.

Der Generationenwechsel in der Politik, der mit dem Wechsel des Ortes der Handlung verbunden ist, geht, so scheint es, mit einem Hang zur Banalität einher.Der Eindruck täuscht leider nicht, aber das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.Den Übergang von Helmut Kohl auf Gerhard Schröder hätte der Wähler auch erzwungen, wenn Bonn Hauptstadt geblieben wäre.Wenn die deutsche Sozialdemokratie, der Teilhabe an den großen Entscheidungen über anderthalb Jahrzehnte entwöhnt, offenkundig unter Anpassungsproblemen in politischen Stilfragen leidet, ist das ausschließlich den handelnden Personen, nicht aber Berlin anzulasten.Die Berliner Republik, die entsteht, wird jedenfalls weniger großspurig als nachdenklich, weniger unbefangen als auch an den dunklen Facetten der deutschen Geschichte orientiert sein.Wer in dieser Stadt wegschauen will, stößt sich den Kopf.

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