Japan : Wunschpartner Deutschland

Deutschland und Japan kooperieren in Forschung und Wissenschaft – das Deutsche Wissenschafts- und Innovationshaus hilft dabei.

Pascal Gudorf
Keine Zukunftsmusik. Die externe Stützapparatur HAL 5 verhilft älteren Menschen zu neuer Körperkraft und Beweglichkeit.Foto: Cyberdyne
Keine Zukunftsmusik. Die externe Stützapparatur HAL 5 verhilft älteren Menschen zu neuer Körperkraft und Beweglichkeit.Foto:...

Der Name „Hal“ dürfte bei Science- Fiction-Freunden Erinnerungen an großes Kino wecken. Doch statt des neurotischen Bordcomputers in Stanley Kubricks Klassiker „2001: Odyssee im Weltraum“ sorgt in Japan ein gleichnamiger Roboteranzug seit einigen Jahren für Aufsehen in der Forschergemeinde. Die externe Stützapparatur, von Professor Yoshiyuki Sankai an der Universität Tsukuba nahe Tokio entwickelt, verhilft älteren Menschen zu neuer Körperkraft und Beweglichkeit.

Aber nicht nur im Pflege- und Rehabereich soll der futuristische Anzug zum Einsatz kommen. Das System könne auch Arbeitern in Fabriken oder auf Baustellen das Leben erleichtern, meint Professor Sankai. Längst arbeitet der japanische Roboterentwickler mit internationalen Partnern zusammen. In der aktuellen Version „HAL 5“ griff er mit seinem Team auch auf deutsche Materialien zurück. Das weiß-glänzende Kunststoffgehäuse des Roboteranzugs basiert neuerdings auf einer Polymer-Mischung des Chemiekonzerns Bayer, die den Anzug noch widerstandsfähiger macht.

Die Kooperation ist nur ein Beispiel dafür, wie deutsche und japanische Partner Innovationen vorantreiben. Die Bedeutung Japans für die deutsche Industrie lässt sich heute nicht einfach auf den Absatzmarkt und den Vertrieb von Produkten reduzieren. „Als Vorreiter bei wichtigen Zukunftstechnologien bietet Japan für gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten vielversprechende Ansätze“, sagt Manfred Hoffmann, Geschäftsführer der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Japan – und regt an, die Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit japanischen Unternehmen, Universitäten und Forschungsinstituten stärker zu prüfen.

Japan bleibt – trotz demografischer und wirtschaftlicher Probleme – eines der innovationsstärksten Länder der Welt. Nicht nur in der Robotik, auch bei elektronischen Bauteilen und neuen Materialien wie Carbonfasern gelten japanische Unternehmen nach wie vor als Trendsetter. Dank jahrelanger Erfahrung mit Hybridmotoren ist die japanische Industrie auch für die elektromobile Zukunft hervorragend aufgestellt; Autohersteller und Stromkonzerne arbeiten bereits mit Regierung und Kommunen am Aufbau der nötigen Infrastruktur. Nicht von ungefähr haben sich deutsche Automarken und -zulieferer bei der Entwicklung leistungsfähiger Batterien mit asiatischen Elektronikherstellern zusammengetan.

Im Wettbewerb um neue Technologien überlässt Japan nichts dem Zufall. Regierung und Unternehmen kanalisieren seit Jahren hohe Summen in Forschungs- und Innovationsaktivitäten. So stiegen die Forschungsausgaben abgesehen vom Krisenjahr 2008 in den letzten zehn Jahren kontinuierlich an. Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt betrug zuletzt 3,6 Prozent und stellt damit die führenden EU-Länder in den Schatten. Die Aufwendungen schlagen sich auch in der hohen Zahl an Patentanmeldungen nieder. Hier liegt Japan hinter den USA seit Jahren auf Platz 2. Gerade in der anwendungsnahen Forschung gilt das Land als führend. Rund 80 Prozent der Forschung finden in privaten Unternehmen statt, die weltweit bekannten Großkonzerne spielen dabei eine herausragende Rolle.

Doch auch Universitäten und Forschungsinstitute öffnen sich dem Ausland. Die japanische Regierung forciert die internationale Vernetzung. Denn angesichts einer schrumpfenden und alternden Bevölkerung, einem Stau dringend nötiger Reformen, der Abhängigkeit von teuren Rohstoffimporten und dem verschärften Wettbewerb mit kostengünstigen Wachstumsmärkten in direkter Nachbarschaft wird Japan gezwungen, sich vor allem durch Innovationsfähigkeit im globalen Wettbewerb zu behaupten.

„Bei Megathemen wie Klimaschutz, Demografie und Rohstoffsicherung stehen Deutschland und Japan vor ähnlichen Herausforderungen“, sagt AHK-Geschäftsführer Hoffmann. Immer stärker setze sich auch in Japan die Überzeugung durch, dass diese nicht im nationalen Alleingang gelöst werden könnten. Dabei sei Deutschland für japanische Unternehmen oft „Wunschpartner“.

Um die Kooperationen deutscher Forschungsstellen und Unternehmen mit japanischen Partnern zu vertiefen, baut die Deutsche Industrie- und Handelskammer in Japan daher gemeinsam mit der Hochschulrektorenkonferenz in Tokyo das Deutsche Wissenschafts- und Innovationshaus auf. Das DWIH Tokyo – das vom Auswärtigen Amt gefördert und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt wird – dient als zentrale Anlaufstelle für deutsche Forschungseinrichtungen, Universitäten und Unternehmen und bündelt die Organisationen der deutschen Wissenschaft und forschenden Wirtschaft in Japan.

Damit ergänzt es die Aktivitäten der in Japan vertretenen deutschen Einrichtungen wie den Deutschen Akademischen Austausch Dienst, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und Fraunhofer-Gesellschaft, aber auch Organisationen wie die Helmholtz-Gemeinschaft, die in Japan nicht mit eigenen Büros präsent sind. Neben gemeinsamen Veranstaltungen geschieht dies auch durch die Bereitstellung von Informationen über eine neue Internetseite.

Am 6. Oktober wurde das DWIH Tokyo im Rahmen eines Deutsch-Japanischen Wissenschafts- und Innovationsforums feierlich aus der Taufe gehoben. Auch im deutsch-japanischen Freundschaftsjahr 2011 sind verschiedene Veranstaltungen mit den Partnerorganisationen aus Wissenschaft und Wirtschaft geplant. Schwerpunktthema ist in diesem Jahr die Gesundheitsforschung.

Mehr im Internet:

www.dwih-tokyo.jp

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