Japanische Mode : Lost in Translation

Knapp ein Jahr nach der Katastrophe wagen sich viele japanische Designer in die Welt hinaus.

Franziska Klün
40 japanische Designer präsentierten im Juli 2011 ihre Kollektionen auf der Modemesse Premium. Rechts sieht man einen Mantel aus
40 japanische Designer präsentierten im Juli 2011 ihre Kollektionen auf der Modemesse Premium. Rechts sieht man einen Mantel aus

In Japan gilt: Konsum gehört zum Leben dazu. Darum gelten die Japaner als modeverrückt. Darum erwirtschaften einige internationale Modeunternehmen bis zu 20 Prozent ihres Umsatzes in Japan. Und darum ist das Land weltweit der zweitgrößte Absatzmarkt für Luxusgüter.

Der 11. März vergangenen Jahres und die darauf folgenden Horrorszenarien mit Erdbeben, Tsunami und Super-GAU lösten eine weltweite Welle der Hilfsbereitschaft aus, auch in der Modebranche. 60 New Yorker Designer organisierten nur wenige Tage nach der Katastrophe einen Verkauf von Einzelstücken, dessen Erlös nach Japan gespendet wurde. Die Modeketten H&M und Zara, der Luxuskonzern PPR, die Metro Group, auch viele kleinere Marken wurden aktiv, sie alle spendeten Geld, Kleidung oder andere Produkte.

Neben all der Solidarität war es auch die Furcht vor unkalkulierbaren Veränderungen, die diese zahlreichen Aktionen auslöste. Man befürchtete, dass die Japaner weniger oder anders konsumieren könnten.

Zehn Monate nach der Katastrophe eröffnet das japanische Kultlabel Comme des Garçons zwei Filialen in Mitte. Nahe der Friedrichstraße spezialisiert sich ein Concept-Store auf japanisches Design, und die Modemesse Premium stellt diesen Januar zum zweiten Mal in Folge japanischen Modemachern kostenlos Ausstellungsfläche zur Verfügung.

Der normale Lauf der Dinge? Oder tut sich etwas in der japanischen Modewelt? Von dieser weiß man zwar, dass sie wichtig ist, dass sie Namen wie Yohji Yamamoto und Rei Kawakubo hervorgebracht hat – aber im Grunde hat man wenig Ahnung. Viele Modetrends nehmen ihren Ursprung zwar in Japan und breiten sich weltweit aus, aber weder die japanischen Modemacher noch diejenigen, die ihre Trends verbreiten, sind sich normalerweise dessen bewusst. Ein Beispiel ist die Formensprache der gewollten Asymmetrie und verschobenen Proportionen, die auch in etliche westliche Modehäuser Einzug erhalten hat.

Zu Besuch bei einem, der sich mit Japan auskennt: Frank Leder. Obwohl er sein Atelier in Charlottenburg hat, ist Leders Mode in Deutschland nur auf Anfrage erhältlich. In Japan aber gehört er schon lange zu den Großen. Dort verehrt man ihn für die Geschichten, die er mit seiner Kleidung erzählt. Es sind Geschichten aus einer fremden Welt, darum tragen die Kollektionen Namen wie „Vagabund“ oder „Der Weg der Kartoffel“.

Frank Leder glaubt nicht an eine langfristige Veränderung des Konsumverhaltens durch die Katastrophe. Er konnte 2011 seine Verkaufszahlen sogar steigern. Nach einem mehrwöchigen Schockzustand habe sich das Leben und damit das Kaufverhalten jenseits des Katastrophengebiets schnell normalisiert: „Die Japaner haben eine andere Einstellung zu Konsumgütern als die Deutschen“, sagt er, „und die wird nicht hinterfragt.

Zu dieser Einstellung gehört auch eine Mentalität des Schenkens. Ob Taschen, Portemonnaies, Tücher, man bringt einander immer etwas mit. Die Philosophie ist: Wenn es dem anderen gut geht, geht es einem selbst auch gut. Leder vergleicht die Japaner mit einem Bienenstock. Man gibt aufeinander Acht, hilft einander. Kürzlich erzählte ihm ein Bekannter, er bekomme Äpfel aus Fukushima geschickt. Der Schenker wolle so die Obsthändler aus der Katastrophenregion unterstützen.

Natalie Viaux spricht nicht von einem Bienenstock, sondern von einem Orchester. Während der Berliner Fashion Week im vergangenen Juli organisierte die Kreativ-Direktorin zusammen mit dem Modedesigner und gebürtigen Vietnamesen Huy Thong Tran Mai das Hilfsprojekt Tokyo Gadukan, was so viel bedeutet wie Tokio Orchester. Bei einem Orchester müssen auch alle aufeinander achten – man spielt miteinander, nicht allein.

Nachdem im vergangenen März die Fashion Week in Tokio abgesagt wurde, die gerade für junge Labels eine wichtige Plattform bietet, konnten viele ihre Kollektionen nicht zeigen, andere hatten ihre Produktionsstätten verloren. Für einige war die Lage prekär. So beschloss ein Designerteam, einen Brief zu schreiben, in dem sie um Hilfe baten. Über Bekannte landete dieser Brief bei Viaux und Tran Mai. Sie wollten helfen und fragten bei der IMG und der Premium an, ob man da nicht etwas machen könne. Man konnte.

Für die beiden Berliner begannen ein paar Wochen wilder Skype-Konferenzen mit vielen Sprachbarrieren. Sie suchten sich ein Team von Helfern zusammen, darunter einige Japaner, die übersetzen konnten. Die japanische Modebranche ist sehr auf das eigene Land fokussiert. Nur ungefähr ein Hundertstel des Umsatzes der Textilindustrie wird durch Export erwirtschaftet. Das liegt vor allem an der mangelnden Erfahrung und daran, dass die meisten Designer kein Englisch sprechen und nicht wissen, wie sie sich andere Märkte erschließen können.

Dem Team von Tokyo Gadukan gelang es, 40 japanische Labels nach Berlin zu bringen. Auf der Premium stellten sie ihre Mode aus, sieben von ihnen präsentierten ihre Kollektionen zusätzlich im Zelt am Brandenburger Tor.

Sechs Monate später servieren Viaux und Tran Mai Matcha-Tee in ihrem Concept-Store Oukan71. Auf den Kleiderstangen hängen vorrangig japanische Labels, es gibt verschiedene Teesorten und Delikatessen aus dem Land. Schon vor Tokyo Gadukan hatten die beiden geplant, eine japanische Teebar zu eröffnen, doch dann kam das Projekt und mit ihm die vielen Kontakte, das Wissen, auch das Vertrauen. Als ihnen die zweistöckige Ladenfläche angeboten wurde, lag es auf der Hand, das Teebar-Konzept zu erweitern. Zumal es auch die Designer nicht bei dem einmaligen Projekt belassen wollten.

Hier hängt Mode junger Marken wie Mabuya Mabuya oder Isolde Richly, die in Japan einen Namen haben, hier aber kaum bekannt sind. Sie stehen für avantgardistische Schnitte. Vieles ist unisex, die dominierende Farbe ist Schwarz. Viaux und Tran Mai glauben, dass nun eine Tür geöffnet ist.

Auch die Journalistin Yumiko Urae ist davon überzeugt. Sie stammt aus Tokio, lebt seit einigen Jahren in Berlin und schreibt für japanische Magazine. Auch sie war an der Organisation von Tokyo Gadukan beteiligt. Urae spricht von einer Zeitenwende in der japanischen Modebranche. Die sieht sie vor allem darin, dass Mercedes Benz vergangenen September als Sponsor bei der Tokio Fashion Week eingestiegen ist und sich so neue Möglichkeiten ergeben werden. Zum anderen öffne sich eine neue Perspektive, die sich bei den Designern auch durch die Teilnahme an der Premium ergeben hat: „Bislang haben viele kleine Labels nur in Japan ihre Kollektionen verkauft, aber jetzt haben sie Lust auf mehr bekommen “, sagt Urae.

Durch Fukushima findet eine mentale Veränderung statt, glaubt sie. Die Menschen leben bewusster, sie wollen die Dinge selbst in die Hand nehmen. Ratgeber, die erklären, wie man in seinem Leben Ordnung schafft und sich von unnützen Dingen trennt, seien in Japan gerade der Renner. Durch Fukushima hätten die Menschen das Vertrauen in die Politik verloren. Die Gewissheit, in Sicherheit zu leben, gibt es nicht mehr. „Berlin war eine große Chance. Das Gefühl der Designer hat sich verändert. Sie konnten sehen, auf wie viel Interesse sie mit ihrer Mode stoßen“, sagt Urae. Ein kleiner Anfang ist gemacht.

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