Zeitung Heute : Japanische und deutsche Studenten lernen virtuell

ANDREA HOFFMANN

Die Herausforderungen liegen nicht in der Technik, sondern in der interkulturellen KommunikationVON ANDREA HOFFMANNWährend die einen streiken, machen andere manchmal aus der Not trotzdem eine Tugend: an der Universität Duisburg organisieren Studenten trotz wenig Geld seit inzwischen zwei Jahren ein Internet-Seminar mit Studenten japanischer Universitäten.Das vielbeschworene Telelearning proben sie in der Praxis, via E-Mail, WWW und Chat. Im letzten Semester hatten sich die Teilnehmer zunächst über Tamagotchi unterhalten."Das ist ein Thema, bei dem man sich ungezwungen kennenlernen kannÒ, sagt der (Ex-)Berliner Student Bernd Kroll, der das Projekt in Duisburg technisch betreut.Dem trivialen Hühnerei folgten schnell ernstere Themen: etwa die Bedeutung der Europäischen Union im Vergleich zur asiatischen APEC oder der Vergleich nichtstaatlicher Organisationen (NGO) in Europa und Asien. Die Idee des bilateralen Net-Seminars kam dem japanischen Professor Yoichi Tsutsui von der Toyama Universität im Sommer 1995: er wollte eine vergleichende Studie der Nachkriegsentwicklungen in Japan und Deutschland durchführen.Wurden bis dato für so etwas Fragebögen verschickt, Briefe geschrieben und Forschungsreisen unternommen, beschloß der Professor kurzerhand, einfach das Internet dafür zu nutzen und sich mit den deutschen Forschungsinstitutionen direkt kurzzuschließen.Das erste Seminar fand im Winter 1995 statt, als Kooperation zwischen der Toyama Universität und den deutschen Universitäten Konstanz, Düsseldorf und Duisburg.Nun waren die Studenten gefragt: wöchentlich trafen sie sich im Rechenzentrum der Uni, um mit den anderen via Chat und E-Mail in Kontakt zu treten und über "Japan-Deutschland: 50 Jahre nach dem KriegÒ zu diskutieren.Daher auch der Name des Seminars: DJ50. Das cross-kulturelle Experiment stieß auf große Resonanz bei den Studenten und wird seither von den Duisburgern zusammen mit der Toyama und der Keio Universität weitergeführt.Die 24 Duisburger (vier davon waren während des Seminars in Japan) und sieben japanischen Studenten wählten im zweiten Semester eher gesellschaftliche Themen: der Einfluß westlicher Kultur auf Japan und die asiatischen Werte andererseits interessierte vor allem die deutschen Studis. Mit der Aufgabe, am Anfang des dritten Seminars zunächst eine eigene HTML-Seite mit einer Selbstdarstellung zu erstellen, wurden ab dem Sommer 1997 vermehrt auch technologische Anforderungen an die Studenten gestellt.Auch wenn E-Mail immer noch Kommunikationsmittel Nummer eins blieb, verwendeten die Studenten zunehmend auch Chatfunktionen und Video.Dabei liefen alle Kontakte zwischen den Teilnehmern seit Beginn der DJ50-Seminare ausschließlich in englischer Sprache: eine faire Lösung, ist diese doch sowohl für die japanischen als auch die deutschen Studenten eine fremde Sprache.Von den Dozenten ist der erzeugte Lerneffekt durchaus beabsichtigt: "Wir wollen die Studenten dazu befähigen, schnell in einer Fremdsprache formulieren und argumentieren zu können,Ò betont Claudia Derichs, Ostasienwissenschaftlerin und Leiterin des DJ50-Seminars in Duisburg. Mit Hilfe des Mediums Internet sei dies nun viel besser als früher möglich: die Studenten sind in den wöchentlichen Chat-Sitzungen direkt mit ihren japanischen Gegenüber konfrontiert und müssen deren Fragen ad hoc beantworten.An der Duisburger Universität wurde das Experiment inzwischen auch als Lehrforschungsprojekt angemeldet, im nächsten Semester soll begleitend eine Evaluation stattfinden.Der Einsatz der Neuen Medien im Unterricht steht damit auf dem Prüfstand: lohnt er sich nun oder nicht? Für die Studenten ist die Sache klar: für sie hat sich der Einsatz auf jeden Fall ausgezahlt."Gedanken von überall nach überall senden zu können ist das Zentrum einer informationsorientierten intellektuellen WeltÒ schwärmt Masami Saito, japanische Studentin."Selbst mit modernster Technologie kann man nicht ausräumen, daß es bei Teilnehmern unterschiedlicher Länder kulturell bedingte Mißverständnisse geben wird: die eigentliche Herausforderung ist daher nicht die Technik, sondern die Kommunikation an sichÒ bewertet Stephan Wieland seine Erfahrungen. Die (nicht-)vorhandene Technologie ist jedoch trotzdem oft die Grenze, an der die Ambitionen der Studenten scheitern.Der Rechnerraum der Duisburger Uni ist mit 25 PCs ausgestattet, allesamt 486er mit Windows 3.11.Für den multimedialen Genuß von Ton und Bild gibt es einen Pentium-Rechner: die notwendige Soundkarte schenkte das Rechenzentrum den bedürftigen Studenten, die Kamera lieferte einer der Teilnehmer selbst.Da die Uni eben kein Geld habe, sei das Ganze eine Low-Cost-Produktion, sagt Bernd Kroll.Aber im nächsten Semester wartet auf die Internauten ein Silberstreif am Horizont: der Multimedia-Computerraum soll endlich fertig sein und dann könne man auch Konferenzen im internationalen Stil durchführen, so Claudia Derichs.Auch für eine in Zukunft trilaterale Kooperation setzt sich Dozentin Claudia Derichs ein: im Frühjahr wird sie die amerikanische Partner-Universiät in Seattle besuchen, um sie für eine Mitarbeit zu begeistern.Dieser Besuch erfolgt im realen Leben: manchmal scheint das auch für den Homo Connectus notwendig zu sein.Die Projekthomepage ist bei der

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