Jazz aus Berlin : Diese Freiheit nehm ich mir

Jazz gilt als tot. Nicht nur das Publikum wendet sich ab. Auch Musiker fühlen sich eingeengt. Der Pianist Jens Thomas, einst als Wunderkind gelobt, wagt einen Neuanfang – ausgerechnet mit der Musik von AC/DC.

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Langsam herangetastet. Auf der Theaterbühne entdeckte Jens Thomas sein neues Talent. Foto: Steven Haberland
Langsam herangetastet. Auf der Theaterbühne entdeckte Jens Thomas sein neues Talent. Foto: Steven Haberland

Der erste Ton ist scharf und laut wie Flugzeuglärm. Er kommt aus dem Nebenzimmer. Es ist ein hoher, schriller, lang gezogener Ruf. Der, der ihn ausstößt, ist nicht zu sehen von den etwa hundert Menschen, die am Sonntagmittag vor zwei Wochen in der Grunewalder Villa des Berliner Musikproduzenten Siggi Loch um ein Klavier herum sitzen. Wie viele von ihnen den Reflex verspüren, nach nebenan zu laufen, um Hilfe zu leisten, ist nicht genau auszumachen. Die Kultiviertheit des Bürgerlichen bremst solche Reflexe.

Jens Thomas steht in leicht verrenkter Haltung und mit geschlossenen Augen viele Meter von seinem Klavier entfernt. Langsam setzt er einen Fuß vor den anderen und stößt dabei Laute aus, die in seinem Kopf entstehen. Er scheint die Luft aus seinen Lungen direkt unter die Hirnhaut zu pressen. So hört es sich an. Manchmal schlägt er sich mit der Rechten in die Seite oder streicht über seine Kleidung. Es deutet eine Art Rhythmus an. Dann hat Thomas den Flügel erreicht. Und die ersten Worte, die man zur einsetzenden Musik deutlich vernehmen kann, sie lauten: „Don’t need reason / Don’t need rhyme / Ain’t nothing I’d rather do.“

Ohne einen Grund und ohne Schönheit auskommen zu wollen, ist ein verwegener Plan für einen Künstler. Was bleibt von Kunst da noch übrig? „Gäbe nichts, was ich lieber täte“, singt Thomas.

Es ist das Leitmotiv an diesem Matineemittag in Berlin-Grunewald. Der 41-jährige Jazzmusiker gewährt zum ersten Mal Einblick in sein AC/DC-Projekt. Viele Jahre hat er sich mit dem Gedanken getragen, die Musik der Hardrock-Band neu und mit den Mitteln des Jazz zu interpretieren. Er wusste lange nicht, wie er das anstellen sollte. Der Musik fehlt nichts. Sie ist perfekt, so wie sie ist. Laut, brachial, ein Konzentrat des Rock’n’Roll. „Pure Energie“, wie Thomas sagt.

Müsste er sich bei dieser Perfektion nicht vollkommen überflüssig vorkommen? Könnte es nicht sogar peinlich sein für einen Jazzmusiker, sich mit einem Mythos wie dem von AC/DC zu messen? Und überhaupt: Was treibt einen blonden jungen Mann aus der Nähe von Hannover, der vor zehn Jahren mit Preisen überhäuft wurde und als deutsche Jazz-Hoffnung galt, der dann praktisch von der Bildfläche verschwand, um als Stimmtherapeut und Theatermusiker zu arbeiten, was treibt ihn dazu, vom Highway zur Hölle, von Sex-Partys und Alkohol-Exzessen zu erzählen?

Eine „total private, verunglückte Hommage an AC/DC“ hat der Musikkritiker Karl Lippegaus die neue Platte von Jens Thomas in der „Süddeutschen Zeitung“ genannt. „Speed of Grace“, so der Titel des Albums, das vor einer Woche erschienen ist, wolle nur vom berühmten Namen der Rockband profitieren. Dabei erkenne man deren Musik gar nicht wieder. Die Anbiederung von Jazzmusikern an den Pop-Mainstream habe damit einen neuen Tiefpunkt erreicht, so Lippegaus.

Thomas war erschüttert, als er das las. Die erste Kritik gleich ein wütender Angriff. Warum richtet sich der Unmut gegen ihn? Eine Empörung, wie sie seit der Debatte um den vermeintlichen „Turnschuh-Jazz“ des Esbjörn-Svensson-Trios nicht vorgekommen ist? Etwa, weil er als Lichtgestalt galt?

Das war 2003. Seither ist für ihn selbst viel passiert. Aber davon bekam kaum jemand noch etwas mit.

An einem bitterkalten Montagmorgen schließt Jens Thomas in Charlottenburg die Eingangstür seiner Ladenwohnung auf. Sein blonder Schopf fällt über eine hohe Stirn, die Augen blitzen hellwach. Der vordere Teil der Wohnung ist spärlich mit einem Tisch, Stühlen und einer bequemen Couch eingericht. Ihn nutzen er und seine Frau für Therapien und Paarberatungen. Allerlei bunte Lampen aus bemaltem Plexiglas sowie eine Vitrine mit Keramik-Objekten ergänzen das Ambiente. Hinter einem schweren schwarzen Vorhang befindet sich Thomas’ Musikzimmer, sein Flügel, auch ein Trampolin. Auf seiner Visitenkarte steht: „Sänger. Jazz-Pianist. Schamane“.

Erst vor kurzem hätten sie das verwinkelte, zur Straße hin offene Erdgeschoss bezogen, sagt Thomas, und er muss lächeln, als er an die Erleichterung denkt, es endlich aus Witten, wo er sechs Jahre in einer Fabriketage zu Hause war, weggeschafft zu haben. Hier nun, in dem ganz für praktische Lebenshilfe möblierten Raum, begreift man, dass es bei Thomas um sehr viel mehr geht, als eine bloß total private Hommage. Vielleicht wäre Heilung der passende Begriff. Heilung einer Wunde.

„Ich hätte nie gedacht, dass das mit Act und mir noch einmal klappt“, sagt Thomas jetzt und regelt den Radiator hoch. Die Geschichte von ihm und Siggi Loch ist auch eine der Entfremdung. Anfangs hatte Loch in dem Pianisten etwas gesehen, was er von allen seinen Künstlern verlangt, den „absoluten Willen, das Publikum zu erobern“. Er ließ ihn über die Filmmusik von Ennio Morricone improvisieren, damit die Menschen etwas hatten, das sie wiedererkennen konnten. Und Thomas, der zuvor bereits bewundert wurde für seinen klaren, kompromisslosen Stil zwischen Aufruhr und Befriedung, war plötzlich ein Star. Sofern man das als Jazzmusiker überhaupt sein kann.

Denn immer weniger Menschen hören diese Musik. Mit einem Marktanteil von lediglich 1,4 Prozent geht es Jazz in Deutschland wie der FDP. Bei ständig sinkenden Umsatzzahlen der Musikbranche – 2010 war es ein Rückgang von 4,3 Prozent, aktuellere Bilanzen liegen noch nicht vor – hat sich die Zahl der Jazzlabels stark verringert, erscheinen jedes Jahr weniger Jazzplatten. Siggi Loch, der das Act-Label vor 20 Jahren gründete, vergisst nicht, in seiner kleinen Begrüßungsrede an die Gäste seines Sonntagskonzerts auf die prekäre Situation hinzuweisen. Deshalb könne er leider keine CDs verschenken, sagt er. Wem die Musik gefalle, der könne ein Exemplar von „Speed of Grace“ am Ausgang erwerben. Selbst er, dessen Label gegen den Trend Umsatzsteigerungen von 20 Prozent verbucht und vom britischen „Guardian“ unlängst in eine Reihe mit Traditionsfirmen wie Blue Note gestellt wurde, wird da zum Bauchladenhändler.

Aber nicht nur das Publikum wendet sich ab. Auch Musiker wie Thomas stoßen an Grenzen, die Teil dieser Krise sind.

Es war Mitte der nuller Jahre, da setzte Thomas seine Karriere aufs Spiel, weil er ein ungeschriebenes Gesetz verletzte: Jazz-Pianisten singen nicht. Das haben sie noch nie getan. Haben sie unter ihren Fingern nicht das mächtigste Instrument, das es gibt, das sogar ein Orchester ersetzen kann. Und Jens Thomas war ein hochgelobter Pianist, klassisch ausgebildet, der sich sogar im Free-Jazz zurecht fand. Er tat es trotzdem, sang. Siggi Loch hatte seine Musik bis dahin herausgebracht. Als Thomas nun nicht mehr nur selbst singen, sondern auch eigene Lieder veröffentlichen wollte, sagte er: Mach du mal, aber nicht mit mir. Mit einem Mann, der offenbar nicht mehr für sein Publikum spielte, konnte der „Actman“, wie Loch sich selber nennt, nichts anfangen.

Jens Thomas beschreibt es so, dass damals einfach kein Weg daran vorbei geführt hätte an der eigenen Stimme. Er sei ein schlechter Sänger gewesen. Heute weiß er, dass Obertöne, die er kreiert, seine Hirnfrequenz senken, dass sie ein „energetischer Informationsträger“ sind und dass er Menschen, die durch eine seelische Blockade von ihrem Glück getrennt werden, heilen kann. Er bietet Stimmtherapien und Seminare an. Wie schwer es doch ist, den Leuten begreiflich zu machen, dass ein Raum ihnen gehört. Und das Singen vor allem Zuhören ist.

Damals, 2003, wusste er das alles noch nicht. Es war bloß ein Bedürfnis. Thomas saß in München auf einer Theaterbühne, vor sich wieder einen schwarzen Flügel, der auf einem umgedrehten weißen stand – „fickende Flügel“, sagt er zu dem Bild, das ihn als Musiker mitten hineinplatzierte in die „Othello“-Proben von Regisseur Luc Perceval an den Kammerspielen. Zunächst improvisierte er nur zu den Texten der Schauspieler, aber wäre es nicht viel schöner, auch etwas sagen zu können? „Also habe ich angefangen zu singen, um die Gefühle hörbar zu machen, die die Figuren nicht zeigen durften. Die Trauer, der Schmerz, das war mein Part.“

Auf der Theaterbühne lebte er aus, was er als Jazzmusiker für sich behalten sollte. Wegen des „Othello“ fuhr Thomas jahrelang nach München, übernachtete stets im selben kleinen Hotel. Im Nachtschränkchen lag ein Gedichtband von Goethe. Wie oft ignorierte er dieses Büchlein, eines Tages nicht mehr. „Und solang du das nicht hast“, las er, „Dieses: Stirb und werde / Bist du nur ein trüber Gast / Auf der dunklen Erde.“

„Boa!“ Darauf war Jens Thomas nicht vorbereitet gewesen. Und ihm schossen zwei Gedanken durch den Kopf. Der erste: Das will ich sagen können. Und: Dann öffnet das die Menschen. „Von da an konnte ich Jazzplatten in dem üblichen Sinne nicht mehr aufnehmen.“ Er wollte sich nicht verbiegen müssen wie Keith Jarrett, der beim Klavierspielen quietscht und ächzt und kurz davor ist zu platzen. „Der singt die ganze Zeit“, sagt Thomas, „aber er traut sich nicht.“

Musik ist nicht auf ein Instrument beschränkt, nicht mal auf seine Stimme, sagt Thomas. Immer, wenn er versucht habe, seinen Körper, der diese Töne in sich trägt, oder den Raum, der sie klingen lässt, zu ignorieren, sei es ihm schnell dreckig gegangen. „Wenn ich in einem Raum mit Menschen bin, dann ist das“, er schnippt mit dem Finger, „dann ist das alles das, was ist.“

Direkter kann er es nicht sagen. Musik ist so ein Ding, das sich den Worten entzieht, ein anderes Denken, das Zeit strukturiert durch Rhythmus und Takt, und ihr Sinn gibt durch Melodie und eine Ordnung der Töne. „Die eigentliche Aufgabe besteht für mich auf der Bühne darin“, sagt Thomas, „keine Skrupel zu haben, mir den ganzen Raum zu nehmen. Meine Musik funktioniert nur darüber, sich berühren zu lassen. Es führt nirgendwo hin, nach guten Begründungen oder nach Hinweisen für meine Virtuosität zu suchen. Wenn ich mir sagen kann, ,Boa! Das war es jetzt’, dann hat es hingehauen.“

Vielleicht hat er sich das als Knirps mit sechs Jahren zum ersten Mal gesagt. Sein damals doppelt so alter Bruder legte im heimischen Ingeln-Oesselse Platten auf, deren Lärm unvergleichlich war. Ein Brodeln, Krakeelen. AC/DC. Damals wurde ein Rollenmuster in den Jungen eingepflanzt, an dem er sich nun in der Villa Siggi Lochs abarbeitet: „Hey Satan“, flüstert Thomas, „Payin’ my dues / Playin’ in a rocking band / Hey Momma / Look at me / I’m on my way to the promised land.“ Es ist der Ruf eines Zerrissenen. Dem Teufel verspricht er in „Highway To Hell“, seine Schulden mit Rockmusik zu begleichen, und seiner Mutter versichert er, dass er auf dem Weg ins gelobte Land sei.

Eine Stunde braucht Jens Thomas, begleitet nur vom finnischen Trompeter Verneri Pohjola, um das Dutzend AC/DC-Songs in eine andere, in seine Welt zu überführen. Und das Publikum, in dem ein paar bekannte deutsche Schauspieler und wichtige Persönlichkeiten der westberliner Kulturszene sitzen, mag wenig bis gar nichts mit den Männlichkeitshymnen der australischen Rockband anzufangen wissen – es ist gebannt. Er habe die Originalmusik gar nicht beachtet, sagt Thomas später. Vielmehr die Texte wie Gedichte rezitiert und dabei auf den Tasten nach Antwort gesucht. Was ist dran, an der Superhelden-Pose? Wo kommt die Bösartigkeit und die Gewalt her? Es ist auch die Frage danach, ob er sich selbst trauen kann.

Denn ihm gehen sie ja nicht aus dem Kopf, die Rock’n’Roll-Chiffren und Omnipotenzfantasien des verstorbenen AC/DC-Sängers Bon Scott. Selbst selbst die von Thomas fürs Konservatorium aufgebrachte Disziplin hat sie nicht aus seinem Körper vertreiben können. „I’m Dynamite, I win the fight“, was für ein grandioser Satz das sei, sagt Thomas, „fast schon selbstmordattentätermäßig, aber eben von 1978“. Dieser Hybris gerecht zu werden, hat ihn ausgelaugt. Er fand keinen Zugang zu dem Rockstar-Ego, das sich über alle Gesetze erhebt und gleichzeitig weiß: „I’m going down“, wie es Bon Scott wirklich widerfahren ist, der im Vollrausch an seinem Erbrochenen erstickte. So wurde die Musik, die im Original so laut ist, bei Thomas ganz leise. Ein Selbstgespräch, wie es ein Kind in der Dunkelheit führt, um sich selbst Mut zuzusprechen: Ich bin Dynamit, seht her, wie ich hochgehe. Wie T.N.T.

Es ist unendlich traurig, Thomas das singen zu hören.

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