Zeitung Heute : Jazz im Keller

Konrad Wallmann war damals 18 Jahre alt

-

Ich war am Morgen noch mit meiner Mutter in der U-Bahn unterwegs, da sagte man uns, dass sie übers Radio einen großen Bomberangriff angekündigt hätten. Hunderte „Superfestungen“, so wurden die großen amerikanischen Bomber genannt, seien im Anflug. Bis zum Moritzplatz fuhren wir noch, dort gab es einen Bunker, das war ein tiefer, unbenutzter Bahnsteig. Meine Mutter blieb hier, ich lief nach Hause in die Stallschreiberstraße. Dort setzte ich den Stahlhelm auf, den ich vom Arbeitsdienst hatte, und machte das Radio an. „Feindliche Bomberformationen im Anflug auf Berlin“, hieß es – und da hörte ich auch schon die ersten Flakgeschütze donnern.

In wenigen Sätzen sprang ich die Treppe hinunter in den Keller, als auch schon die Bomben fielen. Kaum stand ich im Kellereingang, erzitterte das Haus, eine Tür flog aus den Angeln, eine Staubwolke drang in den Keller. Die beiden Kinder des Hauswarts klammerten sich an meine Beine.

Der Bombendonner nahm gar kein Ende. Als wir aus dem Keller hochkamen, brummten die Flugzeuge zwar nicht mehr über der Stadt, aber Bomben explodierten immernoch überall. Die müssen Zeitzünder gehabt haben.

Draußen war es duster wie in der Nacht, obwohl es erst Mittagszeit war. Die Stadt brannte, und das Feuer und die Funken waren die einzigen Lichtquellen. Rauchwolken und Staub ließen kein Sonnenlicht durch. Das Vorderhaus brannte, die Schule daneben auch. Im Hof lag alles voll Schutt. Mit einer Wanne voll Wasser stieg ich auf das Dach unseres Hinterhauses, um zu verhindern, dass das Feuer hier auch noch hinkommen könnte. Funken flogen durch die Luft, und immer wieder fing die Dachpappe an verschiedenen Stellen Feuer. Irgendwie habe ich es geschafft.

Um meine Mutter zu finden, lief ich dann über die Schuttberge zum Moritzplatz – aber da war niemand mehr. Ein riesiger Bombentrichter ging bis hinunter zu den Schienen. Ich erfuhr später, dass hier etwa 200 Zwangsarbeiter umgekommen sein müssen. Für die gab es keinen Platz mehr auf dem tieferen Bahnsteig, und da sind sie in den oberen U-Bahn-Tunnel gelaufen.

Ich habe mich dann verlaufen. In der Finsternis und zwischen den brennenden und einstürzenden Häusern fand ich mich in meiner nächsten Nachbarschaft nicht mehr zurecht. Ich bin wohl die Prinzenstraße hinuntergelaufen und sah überall auf dem Boden solche Figuren liegen mit ausgestreckten Armen und einer dicken Staubschicht drauf. Es gab ja viele Konfektionsläden in dieser Gegend, da hat mich das nicht gewundert.

Meinen Vater und meine Mutter traf ich noch im Laufe des Tages wieder. Wir hatten ein unglaubliches Glück. In unserer Straße war kaum ein Haus ganz geblieben, eigentlich war ja ganz Kreuzberg kaputt. Bei uns waren nur die Fensterscheiben raus.

Als ich am nächsten Tag durch die Stadt lief, und es auch wieder heller war, sah ich, dass die Figuren auf den Straßen Menschen waren. Tote. Während der Bombardierung habe ich merkwürdigerweise keine Angst gehabt, als junger Mann ist man ja so. Aber diesen Anblick, den konnte ich nicht ertragen. Das war ein Schock.

Ihr Ziel haben die Alliierten nicht erreicht, jedenfalls nicht unter so jungen Leuten wie mir. Die wollten ja die Moral brechen – aber für uns waren die Bombenangriffe nur eine Bestätigung dessen, was Goebbels uns eingebläut hatte: Wir Deutschen führen einen Verteidigungskrieg. Aber gegen die Amerikaner hatten wir nichts. Deren Musik fanden wir toll. Mit Freunden habe ich manchmal sogar Louis-Armstrong-Platten im Luftschutzkeller gehört. Wir verstanden zwar nicht, wie Menschen auf Unschuldige wie uns mit Bomben werfen können – aber irgendwie waren das nicht die Amerikaner für uns.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar