Zeitung Heute : Je hoeher, desto schoener, umso besser

Natalie John: Gebrauchsanweisung fuer New York.Pi

Schwer beeindruckt von den Superlativen, eilt Natalie John im Schnellschritt durch New YorkVON SUSANNE KIPPENBERGER Natalie John: Gebrauchsanweisung fuer New York.Piper Verlag, Muenchen 1996.192 Seiten.28 DM.UEber keine Stadt schreibt es sich so schwer wie ueber New York.UEberwaeltigt von der Metropole, meinen viele Autoren, deren Einzigartigkeit dadurch vermitteln zu koennen, dass sie ganz besonders "originell" schreiben.So auch Natalie John.Munter plappert die Autorin drauflos, in einem Jargon, von dem man nicht recht weiss, ob er prae- oder postpubertaer ist.Kaum steht sie vor einem "flippig dekorierten Schaufenster", schon ueberkommt sie ein "eigenartiges Feeling".Mit hartnaeckiger Penetranz spricht sie vom "Big Apple" - ein Begriff des Fremdenverkehrsamts, ungefaehr so frisch wie "Spree-Athen" fuer Berlin.Die 30jaehrige Autorin - "aufgrund zahlreicher laengerer Aufenthaltein New York eine intime Kennerin der Tag- und Nachtseiten deramerikanischen Metropole", wie der Klappentext verraet - ist tiefbeeindruckt von der grossen Stadt.Je hoeher, desto schoener, umsobesser - Hauptsache Superlativ."Die Zahl der Kinos in der Stadt istLegion, das Programm wird per Leuchtschrift in unuebersehbarenDimensionen verkuendet, kurz, sie sind nicht zu uebersehen." Beisoviel Quantitaet, wen kuemmert da noch die Qualitaet? Dass dasFilmprogramm in Berlin mit seinen vielen kleinen Kinos zum Beispielreichhaltiger und vielfaeltiger als das in Manhattan, hat John nochnicht bemerkt.In diesem Eiltempo huscht die Autorin - ganz New Yorkerin - uebervieles hinweg.UEber den "New Yorker", seit Jahrzehnten eineInstitution in der Stadt, verliert sie einen einzigen duemmlichenSatz, in dem die Zeitschrift als "Typ Stadtzeitung mit gelegentlichganz interessanten Reportagen" beschrieben wird.Der "New York Times"kann sie schon gar nichts abgewinnen: viel zu gross, viel zu viel Text"und weit und breit kein Comic Strip"! Auch das Museum of Modern Artist ihr nicht mehr als ein Satz auf Schuelerzeitungsniveau wert: es"verfuegt ueber viele Werke von Picasso und Matisse und erregt mitseinen Sammelausstellungen regelmaessig internationales Aufsehen".In New York sind so viele gute Journalisten zu Hause - warum laesstman ein solches Buch von einer unbedarften Durchreisenden schreiben?Nicht einmal nachgebessert wurde das nicht nur oberflaechliche,sondern auch schlampig geschriebene das Manuskript, ein Lektor scheintes nie in die Hand bekommen zu haben.Sonst wuerde das Kapitel ueberdie Ankunft ("Auftakt") wohl nicht erst, voellig unvermittelt, aufSeite 62 erscheinen.Der arme Sinatra wuerde nicht immer wieder zum"Franckieboy" verhunzt, und der Central Park wuerde nicht ploetzlichan die Lower East Side grenzen, von der er meilenweit entfernt liegt.Die Reihe "Gebrauchsanweisungen", seit vielen Jahren bei Piper imProgramm und jetzt mit anderem Outfit und vielen Titeln neu gestartet,hat eine Luecke auf dem Markt der Reiseliteratur gefuellt.Insidererzaehlen dort von den vielen Tuecken, die der Alltag in einem fremdenLand enthaelt, vom Telefonieren bis zum Schlangestehen.Alles, was manueber Amerika zum Beispiel wissen muss, erzaehlt Paul Watzlawick inseiner Gebrauchsanweisung, amuesant und informativ.Was Natalie Johnnun darueber hinaus fuer New York liefert, schlaegt man besser ineinem guten Reisefuehrer nach.Denn Insider-Tips fuerSightseeing-Touren, Hotels oder Restauraunts nuetzen einem ohneTelefonnummer und ganz praezise Angaben zur Adresse ohnehin herzlichwenig.(Da ist man mit Fatima Igramhan "New York selbst entdecken" zum Beispiel sehr viel besser beraten.) Kurzum, ein aergerliches Buch auseinem Verlag, der den Ruf hat, serioes zu sein.

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