Zeitung Heute : Jeck sein

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Heike Jahberg

In Wattenscheid, der Stadt, in der ich geboren bin, gibt es einen bizarren Karnevalsbrauch: das Gänsereiten. Man hängt eine tote Gans kopfabwärts an einen Baum. Dann reiten Männer auf Pferden unter der Gans durch und versuchen, dem armen Tier den Kopf abzureißen. Der Sieger wird Gänsereiterkönig und muss anschließend den gesamten Gänsereiterverein bewirten. Das kostet viel Geld. Deshalb wird vorher ausgekungelt, wer das Rennen macht. Ich habe Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass nicht der Stärkste, sondern der Solventeste Gänsereiterkönig wird. Wahrscheinlich hat mich die Empörung über den Gänsreiterschmu auf die Idee gebracht, eine mutige Journalistin werden zu wollen, die solche Skandale schonungslos aufdeckt.

Vielleicht ist das Gänsereiten daran Schuld, dass ich den Karneval nicht mag. Vielleicht hat meine Abneigung aber auch genetische Gründe. Denn auch Tom (sieben) und Linda (drei) haben mit den jecken Tollereien nichts im Sinn. Entgehen können sie dem närrischen Treiben jedoch nicht. Auch in Berlin, das früher eine Zufluchtsstätte für Karnevalsgegner war, werden Schulen und Kindergärten in diesen Tagen wieder bunt dekoriert. Man legt schmissige Musik auf, und grundanständige Lehrkräfte und Erzieherinnen mutieren plötzlich zu Fröschen, Zauberern oder Harlekins.

Für sensible Gemüter wie unsere Kinder sind Faschingsfeiern die Hölle. Hinzu kommt die schwierige Wahl des passenden Kostüms. Als Cowboy mag Tom allein schon deshalb nicht gehen, weil er Pistolengeknalle nicht ausstehen kann. Das Zauberer-Outfit, das sich alljährlich zu Halloween bewährt, ist unpraktisch, weil man einen Zauberstab in der Hand halten muss und deshalb nur noch mit einer Hand Kuchen vom Büfett schnappen kann. Selbst geschneiderte Verkleidungen scheitern an den mangelnden handwerklichen Fähigkeiten der Erziehungsberechtigten.

Daher brauchen wir ein ausgefallenes, aber dennoch einfach zu drapierendes Kostüm. Doch das ist gar nicht so einfach. Die Tochter unserer Freunde tauchte vor Jahren auf einer Kinderladen-Feier als Unfallopfer auf. Das war zwar originell, stieß aber bei den Erzieherinnen und den Mit-Eltern auf wenig Verständnis.

Also lassen wir’s am besten ganz. Das ist auch im Sinne unserer Kleinen. „Ich gehe als Linda", sagt Linda, die außerhalb der tollen Tage eigentlich ganz gern in Erwachsenen-Schuhen durch die Wohnung stakst oder sich mit allerlei Flitterkram behängt. Allerdings gibt es noch einen hübschen Trick. Seit kurzem steht nämlich ein Töpfchen mit Malseife am Rand unserer Badewanne. In guter Hippie-Tradition kann man sich damit von oben bis unten einschmieren und leuchtet dann in allerlei fröhlichen Farben. Und das noch Tage lang. Denn entgegen der Zusicherung des Herstellers kriegt man das Zeug nicht sonderlich gut ab. Uns eröffnet das ganz neue Kostümideen. Wie wäre es mit einem Bad in rot? Und einem Auftritt beim Fasching – als Sonnenbrandopfer?

Malseife gibt es beim Jako-o-Versand. Vier Töpfchen kosten 9,90 Euro. Internetadresse www.jako-o.de , Telefonnummer 01805/246810.

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