Zeitung Heute : „Jede staatliche Legitimation zum Töten wird missbraucht“

Eugen Brysch von der Deutschen Hospiz Stiftung fordert ethische Verantwortung und ein Recht auf menschenwürdiges Sterben

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EUGEN BRYSCH

(41)

ist seit 1995

Geschäftsführender

Vorstand der Deutschen Hospiz Stiftung.

Foto: R/D

Herr Brysch, halten Sie es für richtig, aktive Sterbehilfe leisten zu können?

Nein. Ich glaube, dass Töten keine Lösung ist für ein Gesundheitssystem, das so wenig die Bedürfnisse der Schwerstkranken und Sterbenden wahrnimmt. Töten wäre nichts anderes, als sich aus der Verantwortung herauszuziehen, gerade den Bedürfnissen Schwerstkranker und Sterbender gerecht zu werden.

Passive Sterbehilfe ist ja gesetzlich geregelt. Wo sehen sie den moralischen Unterschied zwischer aktiver und passiver Sterbehilfe?

Bei jeder Tat ist immer das Motiv zentral. Selbst bei einem Tötungsdelikt wird geprüft, handelt es sich um niedere Beweggründe oder um Notwehr. Bei letzterem ist es kein Mord. Wenn das Motiv eindeutig ist und für passive Sterbehilfe plädiert, also der Patient sterben wollte und nicht andere dies wollten, dann muss der Arzt die Maschinen abschalten. Und das ist nicht aktive Sterbehilfe, sondern passive. Ich sage das deshalb, weil 50 Prozent der Ärzte glauben, auch dies sei aktive Sterbehilfe.

Wenn also überhaupt eine Diskussion stattfinden kann, wer Abschalten darf oder nicht …

… dann kann das nur einer tun, und zwar der, den es betrifft. Den Sinn eines Lebens dürfen nicht wir bestimmen, die gesund sind. Den Sinn eines Lebens kann nur der bestimmen, für den es gemeint ist. Und der muss handeln dürfen, das ist Selbstbestimmung. Wir meinen viel zu sehr, wenn wir Urteile über Würde sprechen, das Elend nicht sehen zu können. Und sehen doch gar nicht, dass derjenige, der sein Leben noch lebt, unter diesem Würdeblick unglaublich leidet. Er will anderen auf keinen Fall zur Last fallen.

Angehörige sollten also nicht entscheiden können, wenn ein Patient im Sterben liegt und sich nicht mehr artikulieren kann?

Das ist eine eindeutige Einschränkung. Grundsätzlich entscheiden Patienten selbst. Wenn es für einen bestimmten Zustand formuliert wurde und diesen definiert, etwa in einer Patientenverfügung, muss man sich daran halten. Denn es ist eine Willenserklärung des Patienten.

Es ist schwierig, in einem Land über Sterbehilfe zu diskutieren, in dessen Geschichte das Wort mit Mord assoziiert wird.

Ich glaube, dass wir Menschen unserer Zeit sind und eine ethische Verantwortung haben, Fragen heute zu lösen, ohne die Vergangenheit zu vergessen. Man kann aber aus den Antworten, die wir in so entsetzlicher Weise gegeben haben, Schlüsse ziehen: Jede staatliche Legitimation zum Töten wird missbraucht. Es gibt immer Menschen, die es nicht wollten und dann tot sind. Wer einen Tötungsmaßstab für staatliches Handeln formuliert, muss wissen, dass es immer Menschen geben wird, die am Ende nicht gefragt werden. Dies ist übrigens das größte Problem der Niederländer: Bei den jährlich 4000 Euthanasiefällen sind 1000 dabei, die nicht gefragt wurden. Fragt man Verantwortliche nach ihrem Motiv, heißt es: Es wäre zu belastend gewesen, ihnen zu sagen, dass ihr Leben jetzt beendet wird. Ich finde das entsetzlich.

Und die Konsequenz?

Was treibt Menschen dazu, nach ihrer Tötung zu verlangen? Es wäre doch gut, wenn wir eine gute Qualität im Sterben aufbauen könnten. Wenn nur zwei Prozent der Sterbenden in Deutschland eine umfassende Schmerztherapie, Symptomkontrolle und Pflege mit psychosozialer Betreuung bekommen, sind wir noch weit weg von Bedingungen, die tatsächlich alle Sterbenden erreichen. Ich finde es entsetzlich, dass wir uns aus dieser Verantwortung herausstehlen. Jeder hat das Recht auf ein menschenwürdiges Sterben, nur für zwei Prozent gelingt das.

Das Gespräch führte Christian Gaca .

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