Zeitung Heute : Jeder dritte Kreative ist selbstständig - Berliner Wissenschaftler sehen sie als Vorreiter im Arbeitsmarkt

Regina-C. Henkel

"Ein verfehlter Beruf", sagt Honoré de Balzac, "verfolgt uns durch das ganze Leben." Bundesweit 430 000 Künstler und Publizisten sehen das offensichtlich nicht anders. Sie fühlen sich berufen zum Singen, Tanzen, Darstellen oder Schreiben und lassen sich auch von schwierigen Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt nicht abhalten. Vor allem aber zeigen sie wenig Bereitschaft, sich von der bisweilen eher kümmerlichen Vergütung frustrieren oder gar abschrecken zu lassen. Auf der Internetseite "Die ganze Welt der Medien" sind Tagesgagen aufgelistet, die für zwei Berliner Wissenschaftler so interessant sind, dass sie sie zum Thema einer Arbeitsstudie genommen haben.

Zum Thema Honorar nur kurz so viel: Als Tagessatz für einen Standfotografen werden in www.medienjobs.de 314 Mark genannt, für Tänzer sind angeblich 352 Mark pro Tag "drin". Die Wochengage für eine Produktionssekretärin wird mit 1281 Mark beziffert, die für eine Kamera-Assistenz mit 2025 Mark. Wohlgemerkt: Die wenigstens Jobs in der Medienbranche sind Dauer-Engagements. Zwischen einzelnen Beschäftigungen von Künstlern liegen - je nach Profession - oft Wochen, wenn nicht gar Monate.

Genau das haben Carroll Haak und Günther Schmid vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) zum Anlass für eine Studie genommen. Ihr Interesse gilt Arbeitsmärkten, die in der Vergangenheit stark gewachsen sind: die Beschäftigungsfelder für Künstler und Publizisten. Für die beiden Wissenschaftler übernehmen die Anhänger und Multiplikatoren von Schöngeist und/oder kritischer Gegenwartsanalyse eine Vorreiterrolle auf dem Gesamtarbeitsmarkt. Die WZB-These: Künstler und Publizisten praktizieren schon heute Formen von Beschäftigung und Entlohnung, die in Zukunft auch für Arbeitnehmer in "Normalarbeitsverhältnissen" (Vollzeit und unbefristet) gelten werden. Die Keywords der Arbeitsmarktexperten lauten: Niedriglohnsektor, Neue Selbstständigkeit und Dritter Sektor; die Conclusio der WZB-Studie (Arbeitsmärkte für Künstler und Publizisten - Modelle einer zukünftigen Arbeitswelt? 44 Seiten, WZB-Bestellnummer P 99-506)lässt sich deshalb so zusammenfassen: Arbeiten wird in Zukunft wettbewerbsorientierter sein, die Beschäftigung wechselhafter in Art und Umfang, in stärkerem Maße projekt- und teamorientiert und zunehmend in Netzwerke statt Betriebe integriert.

Im Mittelpunkt der WZB-Analyse stand die Frage: Was kann aus den Zahlen des Teilarbeitsmarkts "Künstler und Publizisten" für die Organisation künftiger Arbeitsmärkte gelernt werden? Zu Grunde gelegt wurde der Mikrozensus 1995. Danach waren 65 aller 31,3 Millionen Erwerbstätigen in einem Normalarbeitsverhältnis beschäftigt. In der untersuchten Gruppe waren es nur 45 Prozent und jeder Dritte arbeitete selbstständig - gegenüber nur neun Prozent aller Erwerbstätigen. Als Zwischenergebnis halten die Wissenschaftler fest, dass "die individuellen Strategien eines Risikomanagements gegen Beschäftigungsunsicherheit, Abstiegsrisiken, Selbstausbeutung und neue Ungleichheiten für eine soziale Absicherung nicht ausreichen".

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