Zeitung Heute : Jeder ein Picasso

SANDRA LUZINA

"Kunst durch Kreativität" - ein Berliner KolloquiumSANDRA LUZINA"Was Sie, Mozart, Einstein und Picasso gemeinsam haben" - ähnlich wie der Buchtitel des Amerikaners Robert Weisberg arbeitet die aktuelle Kreativitätsforschung mit Verheißungen.Kreativität galt einmal als Privileg höherer Wesen, heute soll sie als Massenphänomen erzeugt werden.Eine siebenteilige Kolloquienreihe in der "literaturWERKstatt berlin" widmete sich dem Kreativitäts-Postulat in den gesellschaftlichen Bereichen Politik, Wirtschaft, Erziehung und Kunst.Zum Abschluß sollten nun die Künstler Auskunft geben darüber, was sie befähigt zur Kunst. Der Moderator Iso Camartin unterzog die versammelten Künstler - den bildenden Künstler Olaf Nicolai, den Schriftsteller Thomas Hettche und den Komponisten Walter Zimmermann - streckenweise einem peinlichen Verhör.Worin sie ihre Originalität sähen, was ihre existentiellen Irritationen seien - mit solchen Zumutungen wurden die Anwesenden konfrontiert.Die Diskussion in andere Bahnen zu lenken, mühten sie sich vergebens und bedienten sich schließlich gänzlich unaggressiver Verweigerungsstrategien.Thomas Hettche beließ es bei einem schlichten "Nö" als Antwort.Dem Unbehagen gab Olaf Nicolai dann in seinem Schlußstatement Ausdruck.Als Künstler reflektierten sie sehr kritisch den Diskurs, der über sie selbst abgehalten werde.Er wehrte sich zu Recht gegen ein Fragen, das Persönlichkeitsmerkmale der Kreativen dingfest machen will.Bei Aussagen über Kunst und Künstler handele es sich um bloße Zuschreibungen. Wo die alten Denkmodelle nicht weiterhelfen, da gewinnen andere wissenschaftliche Disziplinen an Anziehungskraft.In seinem Eröffnungsvortrag skizzierte Wolf Singer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt/Main, ein Modell, wonach das Gehirn wie ein distributives System, ohne zentrale Instanz, funktioniert.Deutet sich hier eine Allianz aus Kunst und Neurophysiologie an? Doch der Künstler ist nicht unbedingt das favorisierte Objekt der Hirnforscher, diese attestieren auch den Tieren Kreativität. Im Horizont der Kreativitätsforschung werden daher ungeahnte Fragestellungen möglich.So ließe sich nicht nur fragen: Was hat ein Olaf Nicolai einem Lehrling in der Dekorationsbranche voraus? Sondern auch: Was unterscheidet eigentlich den Künstler von einem Delphin? Für zukünftige Kreativitätsforscher bleibt noch viel zu tun.

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