Zeitung Heute : Jeder ist ein Genie

Hans Werner Henze in Berlin - Zu seinem klassischen AnspruchBeethoven hat ebenso viele Komponisten beflügelt wie eingeschüchtert.Angesichts der von seinem Vorgänger gesetzten Maßstäbe arbeitete und feilte Brahms 14 Jahre an seiner ersten Symphonie, bis er sie endlich 1876 beendete.Bruckner und Mahler zögerten lange, bevor sie sich an eine neunte Symphonie heranwagten.Nicht so Hans Werner Henze.Die durch Beethoven markierte Herausforderung nahm er in seiner jüngsten Symphonie ganz bewußt an.Allerdings war auch bei ihm diese Entscheidung nicht über Nacht, sondern allmählich herangereift.Schon 1981 hatte er zusammen mit Jens Brockmeier einen Essay über Beethovens Neunte veröffentlicht.Nicht der Schlußchor, sondern die dialektische Entwicklung dorthin interessierte ihn, was sich schon an dem von Hegel übernommenen Titel des Essays ablesen läßt: "Nur insofern etwas in sich selbst einen Widerspruch hat, bewegt es sich, hat Trieb und Tätigkeit". Zum Klassikbild Henzes gehören die inneren Widersprüche, das Nebeneinander von Norm und ihrer Durchbrechung, das Ineinander von Privatheit und Allgemeinheit.So intensiv Henze mit neuen Funktionen experimentierte - etwa mit verschiedenen Formen des "instrumentalen Theaters" - , hat er doch die Anforderungen der tradierten Gattungen prinzipiell nie geleugnet.Zur Symphonik gehört für ihn das Repräsentative: die Ansprache an ein großes Publikum, im Idealfall sogar an die Nation oder die ganze Menschheit.Diese in der Klassik herangewachsene Vorstellung behielt er auch in seiner 9.Symphonie bei, zumal so repräsentative Institutionen wie das Berliner Philharmonische Orchester und die Berliner Festwochen die Auftraggeber waren.Es ist eine Deutsche Symphonie wie die von Hanns Eisler, wie diese den Helden und Märtyrern des antifaschistischen Widerstands gewidmet.Wie Beethoven in seiner Neunten erinnert damit auch Henze an das Scheitern einer Gegenwelt, die für sich Allgemeinheitsanspruch erhob.Ebenso wie die jüdischen Opfer verdienen auch die Widerstandskämpfer ein Mahnmal.Henzes Symphonie ist ein solches Mahnmal. Nicht alle Komponisten, die heute als "Klassiker der Moderne" gelten, wollten für eine Mehrheit sprechen.Charakteristischer für die Kunst der Gegenwart scheint Relativismus und individualistische Vereinzelung.Hans Werner Henze ist nicht selten gerade dann belächelt worden, wenn er die Sphäre der Privatheit überschreitend sich zu Zeitthemen äußerte.Es wurde dann nicht verstanden, wie eng beides - das Private und das Allgemeine - miteinander vermittelt ist.So erwächst auch die neue Symphonie aus Jugenderfahrungen mit dem NS-Staat.Henzes Künstlerbild hat sich niemals auf das des Ingenieurs oder Klangforschers reduziert, wie es zeitweise in Darmstadt en vogue war.Durchaus im Sinne der Klassiker hat Henze die Musik stets als eine Klangrede aufgefaßt, die sich deshalb unter Beibehaltung ihrer eigenen Formgesetze mit Botschaften verbinden kann.Während sich seine 7.Symphonie auf Hölderlin bezog, lehnte sich seine Achte an Shakespeares "Sommernachtstraum" an.Der Neunten liegt der Roman "Das 7.Kreuz" von Anna Seghers zugrunde, dem 3.Violinkonzert Thomas Manns "Dr.Faustus". Die zuletzt genannten Werke werden bei den diesjährigen Festwochen an zwei aufeinanderfolgenden Abenden uraufgeführt: die Symphonie am 11.September in der Philharmonie mit dem Berliner Philharmonischen Orchester unter Ingo Metzmacher, das Violinkonzert am 12.September im Schauspielhaus mit dem Berliner Sinfonie-Orchester und dem Solisten Michael Erxleben.Daß damit beide großen Konzerthäuser dieser Stadt eine repräsentative Henze-Uraufführung erhalten, hat auch eine symbolische Bedeutung.Schließlich gehörte der Komponist zu den wenigen deutschen Künstlern, die zu Mauerzeiten in beiden Teilen der Stadt, in Ost und West gleich willkommen waren. Es ist nicht die Fülle seiner Kompositionen und Schriften allein oder der schon heute beeindruckende Umfang der Sekundärliteratur, der Hans Werner Henze aus einer Außenseiterposition zum "Klassiker der Moderne" werden ließ.Wichtiger als das Vorliegen einer Autobiographie und eines fast 500 Seiten umfassenden Werkverzeichnisses ist die Synthese und Weiterentwicklung überkommener künstlerischer Mittel und Formen.So fällt etwa im neuen Violinkonzert die strenge kontrapunktische Arbeit auf und die Einbeziehung tradierter Charaktere wie Tango und Kinderlied.Seine Symphonie hat er selbst als eine "Summe" seines Schaffens bezeichnet.In dem Essay über Beethovens Neunte charakterisierte Henze das Komponieren als Inbegriff freier, selbstbestimmter Arbeit.Diese Freiheit betrachtet er nicht als ein Privileg einer Elite.Sie sollte vielmehr allen zuteil werden, glaubt er doch an die Genialität jedes Menschen.Auch in diesem Sommer hat Henze wieder mit Kindern zusammengearbeitet, um sie zum Komponieren anzuregen.Anders als bei den Klassikern beschränkt sich sein Bildungsanspruch nicht auf bürgerliche Kreise.Statt einzuschüchtern möchte er ermutigen.

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