Zeitung Heute : Jeder nach seiner Fasson Standardwohnung ist ein Auslaufmodell

Jörg Schwagenscheidt

Die Modernisierung des Gebäudebestandes gehört zu den wichtigsten Aufgaben von Immobilienunternehmen. Nur wer hier regelmäßig aktiv wird und gezielt in Umbau und Anpassung der Immobilien an die Bedürfnisse der Menschen investiert, hat auch zufriedene Mieter. Und das für viele Jahre im naturgemäß langfristig angelegten Vermietungsgeschäft.

Aber wie wollen die Menschen eigentlich wohnen? Wir wissen, dass die Standardwohnung mittlerweile ein Auslaufmodell ist. Die GdW Wohntrends 2020 offenbaren, dass verschiedene Bevölkerungsgruppen unterschiedliche Wohnkonzepte favorisieren. Wohnraum muss daher zielgruppengenau angeboten werden, jeweils angepasst an Alter, Milieu und Lebensphase.

Doch nicht jeder Mensch braucht zwangsläufig im Alter eine barrierefreie Wohnung. Fußläufige Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte und Apotheken, das vertraute Café um die Ecke oder eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr sind häufig viel entscheidender als schwellenfreie Räume. Zumal sich laut der jüngsten Altersstudie von Generali viele 65- bis 85-Jährige keineswegs gebrechlich fühlen. Sie verbringen im Durchschnitt fünf Tage in der Woche außer Haus, Autonomie ist für sie ein zentrales Thema.

Das barrierefreie Umbauen ganzer Wohnungsbestände ist daher gar nicht notwendig. Hohe Investitionskosten würden sich auch anteilig in den Mieten widerspiegeln. Entscheidender sind individuelle Lösungen, wie elektronische Unterstützungssysteme. Auch Kooperationen mit Wohlfahrtsverbänden können Unternehmen helfen.

Die Caritas hat zum Beispiel drei Objekte der GSW Immobilien AG mit rund 150 Wohnungen gemietet, um sie gezielt an ältere Menschen weiter zu vermieten, inklusive aller Serviceleistungen aus dem Leistungsspektrum der Caritas.

Obwohl in dem GSW-Wohnungsbestand vermutet rund 35 Prozent Senioren leben, registrieren wir keine große Nachfrage nach solchen Angeboten, was ebenfalls gegen einen flächendeckenden Umbau von Wohnanlagen spricht. Vielmehr muss Wohnraum künftig zielgruppengenau mit separaten Lösungen angeboten werden.Jörg Schwagenscheidt

Der Autor ist Vorstand der GSW Immobilien AG

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