Zeitung Heute : Jeder Video-Clip besitzt mehr Klasse

SANDRA LUZINA

Das Musical "Fame" im Schiller-TheaterDas Erfolgsrezept des Musicals "Fame" ist von betörender Schlichtheit: Preise den Ruhm, füge neben ein paar Schweißtropfen einige beschwingte Tanznummern hinzu, und der Erfolg wird nicht ausbleiben.Im Falle von "Fame" war der Erfolg überwältigend.Der 1980 entstandene Film von Alan Parker erlangte rasch Kultstatus.Nur die Besten werden es schaffen - diese Botschaft wird wieder gern gehört.Vergeßt die Generation X - die Kids sind heute wieder allright."Fame" hatte damals seine Message hübsch verpackt: Der Weg zur Spitze ist zwar hart und beschwerlich, doch alles was zählt, sind Talent und Ehrgeiz.Der unerschütterliche Optimismus des "You can make ist" war ansteckend, zumal in "Fame" ja auch das Hohelied von der Selbstverwirklichung angestimmt wurde. An den Ruhm von "Fame" will nun auch die Neuproduktion des Musicals anknüpfen, die im Schiller-Theater ihre Europa-Premiere erlebte.Wolfgang Boksch Concerts haben sich die Bühnenversion 7,3 Millionen Mark kosten lassen.Gut ist uns nicht gut genug - diesen Slogan eines Kaufhauses hat man sich anscheinend auf die Fahnen geschrieben.Als Show der Superlative wird die Neufassung denn auch angekündigt.In aufwendigen Castings in New York, Miami und Los Angeles hatten sich 7000 Künstler aus ganz Amerika beworben, 34 Darsteller wurden ausgewählt.Die Darstellerriege wird als Creme de la Creme gepriesen.Alle Mitwirkenden beteuern, daß sie wirklich das Beste aus sich herausgeholt haben.Schauplatz von "Fame" ist die Fiorello La Guardia High School of Musik and the Arts, die als die Talentschmiede von New York gilt.Absolventen wie Al Pacino, Liza Minnelli und Janet Jackson haben zum Ruhm der Schule beigetragen.If you can make it there, you can make it everywhere.Zu Beginn zeigt ein Schwarz-Weiß-Film die bekannten Ansichten von New York.Hinter der Leinwand sieht man die Silhouetten der Tänzer in markanten Posen - so markant, daß sie sich auf einen Kaffeebecher oder ein Sweat-Shirt drucken lassen.Das Leben erscheint da schon mal als große Party.Da rockt die Schule, und in den schönsten Szenen schwappte die kreative Unruhe und die jugendliche Energie schon mal auf die Straße.Die Bühnenfassung kommt nun überaus gemächlich daher.An einprägsamen Songs fehlt es gänzlich, selbst der Titelsong - der gesungen von Irene Cara Hit-Qualität hatte - wirkt lahm.Man schnulzt so vor sich hin, die musikalischen Arrangements sind fad. "Fame" sollte eine Adrenalinspritze für das Musical-Business werden, das Tanzmusical schlechthin.Doch weder die neuesten musikalischen Trends noch die neuesten Tanzmoden der Schwarzen und Latinos wurden integriert.Jeder Video-Clip besitzt mehr Klasse als die Choreographie von Lars Bethke.Die Kombination aus Ballettschritten und Show-Tanz zündet einfach nicht. Wenn der schwarze Ghetto-Boy - umringt von blassen geschlechtslosen Ballettratten - die Hüften kreisen läßt, seinen Sex als Trumpfkarte ausspielt - dann hat das im Film eine gewisse Provokation und ist obendrein witzig.Hier muß Warren Gabriel Corbin als Tyron sich penetrant an den Schritt fassen wie Michael Jackson.Dennoch ist der begabte Tänzer mit den Rasta-Locken der Lichtblick des Abends, der Junge ist gut, könnte aber noch besser sein, wenn man ihn ließe.Bei der Puertorikanerin Carmen - Caren Lyn Manuele trägt überwiegend rot - weiß man von Anfang an, daß sie in der Gosse landet.Auch sonst wartet das Typenkabinett nur mit Stereotypen auf. Die Akteure wurden auf ein gräßliches overacting verpflichtet.Alles ist überlaut und überdeutlich - jede Geste hat Signalcharakter, jeder Satz wurde mit drei Ausrufezeichen versehen, als müsse man ein immer wieder einnickendes halbseniles Publikum aus dem Schlummer reißen.Die Darsteller agieren nicht nur rampenselig, sie werden in einfallslosen Arrangements stillgestellt, so daß viele Szenen seltsam steif und statuarisch wirken.Selbst die Treppen können kaum für wirkungsvolle Tableaus genutzt werden - das Bühnenbild von Michel E.Downs ist ja auch eine atmosphärische Nullösung.Bei dem Tanz um und über das gelbe Taxi geht nur kurz die Post ab, doch die mitreißenden Gruppenszenen sind selten.Bald werden da die verschlissenen Requisiten und abgenutzten Show-Posen aus der Mottenkiste geholt.Die Jugend, ihre Träume und ihre Hoffnungen, ihre überbordende Energie und ihre nervös-kreative Unruhe - im Film war dies ansteckend.Auf der Bühne des Schiller-Theaters demonstrieren die jungen Darsteller angestrebt Jugendlichkeit - und sehen dabei ganz schön alt aus.SANDRA LUZINA

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