Zeitung Heute : Jeder zweite Deutsche ist zu dick

20 000 Teilnehmer bei nationaler Studie / Bildung als wichtiger Faktor zur Vermeidung von Übergewicht

Fabian Leber

Berlin - Zwei von drei deutschen Männern sind nach medizinischen Kriterien übergewichtig, auch jede zweite Frau bringt zu viel auf die Waage. Zu diesem Ergebnis kommt die zweite „Nationale Verzehrsstudie“, die am Mittwoch von Bundesernährungsminister Horst Seehofer (CSU) in Berlin vorgestellt wurde. 20 000 Deutsche wurden dafür nach ihrem Essverhalten gefragt. Es ist die erste Studie dieser Art seit den 80er Jahren. Im Vergleich haben vor allem Jugendliche und erwachsene Männer deutlich an Gewicht zugelegt. Bei den Frauen ist die Zahl der Übergewichtigen in einigen Altersgruppen leicht zurückgegangen.

Besonders Menschen mit einem geringeren Niveau bei Bildung, Haushaltseinkommen oder sozialem Status neigen nach Aussagen der Verzehrsstudie zu Übergewicht. So gelten 70 Prozent der Befragten mit Hauptschulabschluss als zu dick. Bei Menschen mit Abitur und Fachhochschulreife waren es nur halb so viele. Das Gewicht steigt auch mit dem Alter: Fast jeder dritte ältere Deutsche ist von extremer Fettleibigkeit betroffen. Im Gegenzug war jedes zehnte Mädchen mit 17 Jahren zu dünn.

Seehofer sagte, die Deutschen seien in Fragen der Ernährung schlecht informiert. Nur acht Prozent der Befragten hätten zum Beispiel ihren persönlichen Kalorienbedarf richtig angeben können. Nach der Studie unterschätzen viele Deutsche auch die Gesundheitsgefahren, die von unausgewogener Ernährung ausgehen. Bei der Frage nach den Risiken für die eigene Gesundheit liegen Nahrungsmittel und Getränke nur auf dem neunten von zehn Plätzen. Besonders Männer sehen vielmehr in Zigaretten, Radioaktivität, Stress und Verkehr Gefahren für ihr Wohlbefinden. Dabei ist jeder fünfte Deutsche inzwischen so dick, dass er allein wegen seines Gewichts mit schweren Folgeerkrankungen wie Diabetes rechnen muss. „Jeder Gammelfleischskandal führt zu mehr Diskussionen als die unausgewogene Ernährung“, kritisierte Seehofer.

Der Minister sagte, die Antwort auf die Studienergebnisse könne trotzdem keine „Olympiade der Verbote und Paragrafen“ sein. Stattdessen müssten die Bürger dauerhaft und intensiver aufgeklärt werden. Dazu gehöre auch eine detaillierte Kennzeichnung von Lebensmitteln. Das Modell einer „Nährwert-Ampel“, das in Großbritannien praktiziert wird, lehnte er allerdings erneut ab. Vielmehr sollten auf Verpackungen europaweit die Nährstoffe und deren Anteil am Tagesbedarf angegeben werden. Entsprechende Pläne stellte die EU-Kommission ebenfalls am Mittwoch in Brüssel vor. Demnach sollen genaue Angaben über Zucker-, Salz- und Fettgehalt auf der Vorderseite abgepackter Lebensmittel abgedruckt werden.

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