Zeitung Heute : Jeder Zweite klagt über Stress im Job

Leyen stellt Studie vor: Druck schadet der Gesundheit / Deutliche Zunahme psychischer Erkrankungen.

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Berlin - Fast jeder zweite Arbeitnehmer in Deutschland fühlt sich am Arbeitsplatz zunehmend gestresst, jeder fünfte fühlt sich überfordert. Das geht aus dem „Stressreport Deutschland 2012“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) hervor, der am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Demnach empfinden die Beschäftigten hohen Termin- und Leistungsdruck, Monotonie in Arbeitsabläufen und Multitasking als die größte Belastung. Die Studie, für die rund 18 000 Arbeitnehmer befragt wurden, sagt aber auch aus, dass sich die Belastungsfaktoren im Job im Vergleich zur Befragung 2005/2006 kaum verändert haben. Stattdessen gebe es eine „Stabilisierung auf hohem Niveau“, sagte BAuA- Präsidentin Isabel Rothe.

58 Prozent der Beschäftigten müssen der Umfrage zufolge verschiedenartige Arbeiten gleichzeitig betreuen, jeder zweite berichtet von starkem Termin- und Leistungsdruck. 44 Prozent klagen über Störungen bei der Arbeit, etwa durch Telefonate und E-Mails.

Trotz der Stagnation bei der Belastung liegt Deutschland im europäischen Vergleich weit vorne. Während in einer Studie der EU aus dem Jahr 2010 in Deutschland 73 Prozent der Beschäftigten über Termindruck und ein hohes Arbeitstempo klagten, waren es im Schnitt der 27 EU-Länder nur rund 60 Prozent.

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) rief auf einer Tagung zur psychischen Gesundheit in der Arbeitswelt die Arbeitgeber dazu auf, das Problem anzugehen. „Zu wenige Betriebe werden tätig“, klagte die Ministerin. Dabei sprächen die Zahlen eine deutliche Sprache: „Wir haben 2011 59 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen registriert. Das ist ein Anstieg um mehr als 80 Prozent in den vergangenen 15 Jahren“, sagte Leyen. Sie seien zudem mittlerweile Ursache Nummer eins für Frühverrentungen. Allein die Kosten für Produktionausfälle durch psychische Erkrankungen beliefen sich auf sechs Milliarden Euro.

Leyen appellierte auch an die Gewerkschaften. Bisher habe es keine Einigung zwischen Arbeitgeberverbänden und Arbeitnehmervertretern auf eine „Erklärung zur psychischen Gesundheit bei der Arbeit“ gegeben. „Das bedauere ich“, sagte die Ministerin. Die Erklärung war gescheitert, weil es Streit zwischen den Sozialpartnern um neue gesetzliche Regelungen gibt. So forderte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach erneut eine Anti- Stress-Verordnung, die ein klares Regelwerk für die Arbeitswelt vorgebe. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, der sich gegen eine Verordnung aussprach, setzt dagegen auf Freiwilligkeit. Die Unternehmen hätten per se ein hohes Interesse an gesunden Beschäftigten.

Auch Leyen wollte sich nicht für eine Verordnung aussprechen. Mit der Erweiterung des Arbeitsschutzgesetzes um die psychische Gesundheit, die das Kabinett im Dezember vergangenen Jahres beschlossen hatte, sei die Grundlage für besseren Arbeitsschutz gelegt, „mit allen Sanktionen, mit allen Konsequenzen“EWERK BERLIN].

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