Zeitung Heute : Jedermanns Superweib

Alma Mahler-Werfel verführte die Genies des 20. Jahrhunderts – von ihrem Leben erzählt das verrückteste Sommertheater des Jahres

Peter von Becker[Carnuntum],Schloss Petronell[Carnuntum]

Ein Schloss über der Donau und einem der letzten Urwälder Europas, verwunschen, riesig und spukhaft schön. Dort sind wir bei Kerzenschein im barocken Freskensaal dazu eingeladen, den Geburtstag der einst berühmtesten Liebhaberin und berüchtigsten Künstlerwitwe des 20. Jahrhunderts zu feiern. „Nichts schmeckt besser als das Sperma eines Genies“, das war ein Leitsatz der Wiener Weltbürgerin Alma Mahler-Werfel. Ihr Lebenswind hat sie durch die Hauptstädte Europas bis nach Hollywood und New York getrieben, hinweg über Kriege und Holocaust, in triumphale Skandale und katastrophale Leidenschaften.

Jetzt reisen wir mit ihr zum Begräbnis des Komponisten Gustav Mahler, ihres ersten Gatten, und im Hof des Schlosses rappelt der schwarze Fiaker mit dem Sarg, leuchten Fackeln, braust Mahlers unvollendete 10. Symphonie durch die Sommernacht. Oder wir folgen Alma und ihrem dritten Gemahl, dem Dichter Franz Werfel, ins Heilige Land, 1929 nach Palästina; dabei geht’s mit einem Traktor hinaus aus dem erleuchteten Schloss, das gegen den Gewitterhimmel steht und zuckende Schatten wirft auf die Büsche im Park.

Immer wieder aber haben wir sie im Inneren des Schlosses, in Badegrotten, Bettgemächern und Festsälen auch zum Greifen nah: die göttliche, die teuflische Alma, jung und alt, in mehrfacher Gestalt. Eine Frau wird besichtigt, die zwar die Nazis hasste, aber ihre zumeist jüdischen Ehemänner und die meist „goiischen“ Liebhaber mit stichelnder Lust gegeneinander ausspielte. Alma, die selbst komponieren und scharfzüngig formulieren konnte, hat von der minderjährigen Muse bis zur lustigen und zur tragischen Witwe alle denkbaren Rollen verkörpert: verbunden, verstrickt mit Mahler und Werfel, mit dem Wiener Künstlerfürsten Gustav Klimt und dem Berliner Bauhaus-Architekten Walter Gropius, dem Maler Oskar Kokoschka oder gar einem Priester mit dem schönen Namen Höllnsteiner. Als sie 1964 in New York mit 85 Jahren starb, soll eine Wiener Freundin von ihr gesagt haben: „Alma war eine große Dame und zugleich eine Kloake.“

Für eine Wiederauferstehung in solchem Format bedarf es mehr als der schieren Schauspielerei. Dieses Alma-Spektakel gäbe es nicht ohne einen der raren wahren Tollköpfe des Theaters und Films unserer Tage, den Regisseur, Akteur, Impresario und Kunstwahnsinnigen Paulus Manker. Auch er ist naturgemäß ein Wiener, stämmig, mit schwarzgrauer, schütterer Mähne und seinen 47 Jahren einer, der sich schon in vielen Rollen präsentiert hat, beispielsweise bei Regiemeister Peter Zadek als Richard III. Manker verfiel also auf die zunächst verrückt erscheinende Idee, dass Alma mit ihren illustren Männern noch einmal die Orte ihres realen Lebens besucht, in und um Wien herum, in Venedig, Lissabon oder Los Angeles. In eben diese Städte ist die Aufführung „Alma – A Show Bizz ans Ende“ dann tatsächlich gereist, hat vor Zehntausenden in Palästen, Konventen und in Down Town L. A. in den Goldstucksälen, Spiegelfoyers und Marmortoiletten des prächtigsten, einst für Charlie Chaplin erbauten Hollywood-Kinos gespielt.

Jetzt, an die Donau zurückgekehrt, feiern die „Almaniacs“ diese Woche nicht nur Almas 126. Geburtstag, sondern auch die 250. Vorstellung. Da haben wir uns aufgemacht: zum wohl grandiosesten, verrücktesten Sommertheater des Jahres. Statt „Jedermann“ das Superweib.

Paulus Manker also lädt ein ins Schloss. Nach Wien? Das ist schon fast richtig. Allerdings geht es vom östlich gelegenen Flughafen Schwechat noch 30 Kilometer weiter nach Osten, Richtung Bratislava und Budapest, in die Nähe der slowakischen und ungarischen Grenze. Dort sieht es, von platteben bis sanft hügelig, ein wenig aus wie in Brandenburg. Wir halten in der Ortschaft Carnuntum, es gibt nur ein Hotel, und das heißt Marc Aurel. Vom Wirtschaftswunder des Landes wirkt das hingeduckte Straßendorf noch wenig erfasst, trotzdem locken am Ortsrand Kultur und Geschichte. Auf Plakaten wirbt man für Gladiatorenkämpfe, und ein Welttheater-Festival hat im Juli den rumänischen Hollywoodstar Maia Morgenstern gezeigt. Wir erfahren, dass in vergangenen Jahren hier open air auch schon Peter Stein und Gérard Depardieu gastierten und noch etwas früher der philosophierende Kaiser Marc Aurel.

Dieses Dorf Carnuntum nämlich hatte einst 70 000 Einwohner und war eine der nordöstlichen Bastionen des römischen Weltreichs, wovon neben dem verwitterten Amphitheater ein von jungen, emsig scharrenden Archäologen bevölkertes Ausgrabungsfeld mit kleinem Museum zeugt. „In Carnuntum spielen auch Schlüsselszenen von Ridley Scotts ,Gladiator‘“, erzählt Paulus Manker später. Da stehen wir nach der Alma-Schau im nächtlichen Hof des Schlosses Petronell, das sich hinter einem Kastanienhain und den römischen Mauerresten wie eine ganz eigene Kinokulisse erhebt. Als der Abend beginnt, sitzt der Regisseur, Mitspieler und Veranstalter freilich noch vor dem gerade entriegelten Schlosstor, kontrolliert die Billetts, wird von Bittstellern angegangen, ihnen ausnahmsweise noch Karten für die seit Monaten ausgebuchten Vorstellungen zu verkaufen. Die meisten dieser späten Gäste haben Erfolg.

Drüben im Ort, an der Landstraße gibt es keine Werbung, keinen Hinweis auf Alma. Aber die knapp 250 Zuschauer, deren Autos unter den Kastanien überwiegend Wiener, aber auch englische, holländische, bayerische und Berliner Kennzeichen tragen, sie finden ihren Weg. Jeder hat knapp 100 Euro Eintritt bezahlt, und würden die Logistik und die von der Alma-Produktion mit eigenem Koch betriebene Schlossküche mehr Gäste verkraften, könnten sie bis zur letzten Vorstellung am 4. September jedes Mal, sagt Manker, 1000 Tickets verkaufen.

Die Aufführung spielt zwei Monate lang jeweils Donnerstag bis Sonntag in drei Flügeln des Schlosses plus Innenhof und Park. Dabei können die Zuschauer nach eigener Wahl verschiedenen Handlungssträngen mit drei jungen Almas und einer alten folgen, von den Katakomben über Muschelgrotten in Schlafzimmer, Treppenhäuser, Bankettsäle – und in der Mitte des vierstündigen Spektakels lädt Alma anlässlich Gustav Mahlers Begräbnis alle Besucher zu einem mehrgängigen Leichenschmaus, mit österreichischen und südländischen Spezialitäten, mit Schampus, Weinen und Kaffee im Kerzenschein.

Es gibt Almaniacs, die haben so schon mehr als 70 Vorstellungen auf zwei Kontinenten genossen, und Paulus Manker kennt ein wohlsituiertes Wiener Paar, deren Tochter bei einer der Aufführungen gezeugt wurde, zwischen Liebesräuschen, Eifersuchtskriegen, Künstlerdramen. Das eigentliche Stück schrieb auf Mankers Anregung der israelische Dramatiker Joshua Sobol, Verfasser auch des von Peter Zadek in Berlin uraufgeführten KZ-Musicals „Ghetto“.

1996 war dann Premiere im Rahmen der Wiener Festwochen, man spielte damals im ausgeräumten historischen Sanatorium Purkersdorf am Westrand von Wien und wurde schnell Kult. Manker drehte 1999 eine Filmversion, gründete einen Alma-Trägerverein, fand Sponsoren beim Staat, bei Banken, Weingütern, Zuckerbäckern und Unternehmen von VW bis Meinl-Kaffee. Erste Alma-Darstellerinnen waren die im Juni 2005 verstorbene Grande Dame des österreichischen Theaters Susi Nicoletti und der Jungstar Johanna Wokalek; heute spielt die wunderbare ehemalige Brecht-Actrice Eleonore Zetzsche vom Berliner Ensemble die auf ihr Leben und ihre Lieben zurückblickende Geburtstags-Alma; und Paulus Manker gibt seit Anbeginn den Maler Oskar Kokoschka, der seine Geliebte 1914 als Windsbraut verewigt. Nach der raserischen Trennung 1915 lässt er sie als lebensgroße, in anatomischen Details dem Original gespenstisch ähnliche Puppe nachbilden, um sie dann in orgiastischer Wut zu enthaupten.

Die spielerische Beschwörung dieser Jahrhundert-Biografie balanciert als Mischung aus großer Revue und intimer Zimmerschlacht auf der Schneide zwischen Kitsch und Kunst – wie Alma Mahler-Werfels Leben selbst. Am Morgen oder besser Mittag nach der Vorstellung empfängt Paulus Manker, der im prunkvoll-morbid vergammelten Schloss Petronell übernachtet hat, in einem weißen Hotelbademantel, ansonsten unbekleidet, nur mit Kaffee und Handy bewaffnet. In seinen Interviews bezeichnet sich der Endvierziger bisweilen als „exzentrisches Arschloch“, dabei spielt Manker mit dem Wiener Schmäh in der Stimme am liebsten das Himmelsteuferl: eine Mischung aus Darling und Scheusal. Gestern Nacht war er noch der kokoschkanische Kraftkerl, der seiner jungen Alma in Gestalt der hübschen Schauspielerin Marina Stilp zwischen die Beine sprang und später, zum Finale im großen, kerzenschimmernden Freskensaal, die Alma-Puppe köpfen und in den Schlosshof werfen ließ, nun ist er ein ausgeruhter Pascha. Mit seinem Handy weiß er vor allem Mitarbeiterinnen draht- und grußlos auf Trab zu halten.

Ein Windstoß fegt gerade ein paar frisch gewaschene Alma-Kostüme vom Wäscheständer vor der barocken, bröckelnden Freitreppe, da führt der barfüßige Manker hoch in die erste Schlossetage, wo in einer schummrigen Erker-Kapelle die Büste der vollbusigen Alma steht. An der Wand hängen die Totenkränze der Ehemänner, und die halbe Alma sieht so wächsern lebensecht aus wie bei Madame Tussauds, doch ist sie aus Marzipan – Kitsch und Kunst, vom Wiener Zuckerbäcker Deml. Diese schaurig-schöne Todessüße freilich passt zum Ort, zur Almanie, zu Paulus Manker auch.

Der stammt selber aus einer der großen Künstlerfamilien Wiens, und außer den widerstreitenden Seelen in der mächtigen Brust besitzt er einen klugen, gebildeten Kopf. Mit dem erstaunlichen Ausstatter Georg Resetschnig hat er die kahlen Schlossräume aus dem Fundus vor allem des Wiener Burgtheaters à la Boheme möbliert. Außerdem hat Manker aus Leihgaben und seiner eigenen Sammlung ein kleines Alma-Museum eingerichtet: mit Autographen Almas und einem Faksimile der Partitur jener unvollendeten 10. Mahler-Symphonie, die der Komponist mit handschriftlichen Stoßseufzern und Lustschreien für seine Frau versah. Freilich sind einzelne Blätter auch beschnitten – vielleicht, weil der Witwe die weniger schmeichelhaften Eintragungen nicht passten?

Sie war eine Matrone und Meduse, ein paar Kinder starben ihr früh, Almas Tochter Anna brachte den jungen Elias Canetti fast um den Verstand, Männern und Künstlern, die fielen, gab die herrische Diva bisweilen noch einen höhnischen Stoß, und in ihren – wo nicht wahren, so glänzend erfundenen – Memoiren steht der Satz: „Ich teile die Menschen ein in Feste-Bringer und Feste-Störer.“

Für Almas neuerliches Geburtstags- und Lebensfest hat Manker, nachdem Purkersdorf verkauft wurde, das leer stehende Schloss über den wilden Donau-Auen gemietet. Hinter dem Park beginnt ein sumpfiger Dschungel mit Kormoranen, Knoblauchkröten, Schlangen und Bibern, Mitteleuropas größtes Biotop. Hier tobte vor 20 Jahren die Schlacht um Hainburg, die Nachbarstadt, wo Österreichs Ersatz-68er den Bau eines Atomkraftwerks verhinderten. Und der junge Manker war dabei. Jetzt herrscht er an 35 Sommerabenden über Petronell, was ihn und seinen Alma-Verein gut eine halbe Million Euro kostet. Knapp ein Drittel kommt aus Subventionen und von Sponsoren. Mehr als 40000 Kerzen und 5000 Fackeln hat Alma in zehn Sommern verbrannt. Mehr jedoch als ein Ferienfest ist nie möglich, weil Mankers Mitspieler wie Helmut Berger (als Mahler) oder Nikolaus Paryla (Werfel) ihre Theater- und Fernsehengagements haben.

Manker selbst will für neue Projekte in Wien nächstes Jahr ein eigenes Theater übernehmen. „Welches, sage ich noch nicht“, meint er mit einem leisen, breiten Lächeln. „Aber das sollte uns nicht abhalten, mit Alma auch mal nach Berlin zu kommen. Dort war sie mit Gropius, das wär’ doch was für die Berliner Festspiele!“ Der Mann hat Ideen.

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