Jens Mühling erkundet den wilden Osten : Der „Militarist“ in Kiew

Ich war auf der Suche nach einem Seesack. Wozu ein Seesack? Lange Geschichte, ich möchte lediglich klarstellen: Das Kiewer Fachgeschäft „Militarist“ betrat ich allein deshalb, weil ich einen Seesack suchte. Das Fachgeschäft befindet sich im Obergeschoss eines Kiewer Kaufhauses und ist recht weitläufig. Hilfesuchend wandte ich mich an einen militaristisch aussehenden Verkäufer. „Guten Tag“, sagte ich. „Ich suche …“ – „Die Nazi-Ecke“, unterbrach er mich. „Schon klar, Sie suchen die Nazi-Ecke. Alle suchen die Nazi-Ecke. Hier entlang, bitte.“

„… einen Seesack“, beendete ich meinen Satz. Aber das hörte der Verkäufer schon nicht mehr, er war militaristischen Schrittes um die nächste Ecke gebogen. Zögernd folgte ich ihm, mein Ziviltempo leicht beschleunigend. Vor zwei langen Regalreihen blieben wir stehen. „Bitte sehr“, sagte der Verkäufer. „Links SS, rechts Wehrmacht. Uniformen gleich hier, Mützen, Stiefel, Rangabzeichen und Waffen weiter hinten. Die Uniformen sind in allen Größen da.“ Er sah mich prüfend an. „50? Müsste ich aus dem Lager holen. Heer oder Luftwaffe?“ – „Seesack“, sagte ich matt. Ein anerkennendes Lächeln ging über sein Gesicht. „Kriegsmarine, was? Nicht schlecht. Spezialgebiet. Schwer zu bekommen. Warten Sie, ich glaube, wir hatten da mal was …“

Er begann, in einem der Regale zu wühlen. Es war wirklich alles da. Wehrmacht-Feldbestecke, Schulterstücke, Soldbücher, SS-Dienstbrillen, Dienstbrillen-Etuis, Schonbeutel für Dienstbrillen-Etuis. Mit dem Regalbestand hätte man einen kompletten kurzsichtigen SS-Stoßtrupp ausstatten können!

Nervös sah ich mich um. Zum einen, weil ich nicht überraschend irgendeinem Bekannten in die Arme laufen wollte, zum anderen, um herauszufinden, wer um alles in der Welt hier einkaufte. Ukrainische Neo-Nazis? Deutsche Neo-Nazis? Deutsche Karnevalisten? Deutsche Dominas? Ukrainische Masochisten? Aber die anderen Kunden waren ausnahmslos junge ukrainische Männer, die dem Aussehen nach in keine dieser Kategorien passten. „Entschuldigung“, wandte ich mich an den Verkäufer. „Wer um alles …“ – „Hier!“, fiel er mir ins Wort, triumphierend eine Plastiktüte schwenkend. „Kapitäns-Schulterklappen!“

Wir kamen dann doch noch ins Gespräch. Der Laden war, wie mir der Militarist erklärte, ein Spezialausstatter für sogenannte Rekonstrukteure des Großen Vaterländischen Krieges, wie der Zweite Weltkrieg hier heißt. Junge ukrainische Männer robbten in ihrer Freizeit durch die Wälder und stellten historische Schlachten nach. Ihre Ausstattung, überwiegend in China gefertigte Reproduktionen, kauften sie im „Militarist“. Der Verkäufer war selbst Rekonstrukteur. Er hatte lange in der Wehrmacht gedient, war inzwischen aber zu den amerikanischen Fallschirmspringern übergelaufen. Die Rote Armee hingegen war vergleichsweise unbeliebt unter ukrainischen Rekonstrukteuren.

„Wegen Stalin?“ – „Nein. Uninteressant für Sammler. Rotarmisten-Uniformen bekommt man hier auf jedem Flohmarkt nachgeworfen. Deshalb wollen alle zur Wehrmacht. Raritätsbonus.“

Aber war es denn nicht, fragte ich, psychologisch schwierig, in die Haut des ehemaligen Feindes zu schlüpfen? Der Militarist sah mich amüsiert an. Zivilistenfrage. Er war doch Fallschirmspringer, kein Armeepsychologe.

Dann rang er sich doch zu einer Antwort durch: „Schätze, es hat seinen Reiz, jemand zu sein, der man im echten Leben nie sein würde.“

Ich verließ den Laden mit einem Original-Seesack der US-Marines und einer Einladung zur Rekonstruktion der Landung in der Normandie. Ich versprach, es mir zu überlegen.

Hier schreiben im Wechsel: Jens Mühling, Christine Lemke-Matwey, Moritz Rinke und Elena Senft.

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