Jens Mühling erkundet den wilden Osten : Die Achse der Barbarei

Tief in der sibirischen Taiga, nicht weit von der mongolischen Grenze, biss mich ein Hund. Es war nicht weiter schlimm. Im Krankenhaus beträufelte ein netter Arzt meine blutigen Hände mit einer smaragdgrünen Flüssigkeit.

„Was ist das?“, fragte ich. „Seljonka“, antwortete er verwundert. „Ein Desinfektionsmittel. Gibt es das in Deutschland etwa nicht?“ – „Doch“, sagte ich. „Nur ist es bei uns nicht grün.“

Die Wunden heilten. Seljonka blieb. So sehr ich auch schrubbte, das Zeug ging nicht ab. Wochenlang sah ich aus wie ein tintebekleckster Erstklässler. Ich rätselte über den tieferen Sinn dieser grünen Flecken, die ich bei meinen Reisen durch Russland so oft auf ramponierten Männergesichtern gesehen hatte. Vielleicht, dachte ich, ist Seljonka eine Art Stigma für Säufer, Schläger und sonstige Übeltäter. Wie die Schilder, die man im Mittelalter Verbrechern umhängte.

ICH HABE GESOFFEN.

ICH HABE MICH GEPRÜGELT.

ICH BIN EINEM HUND AUF DEN SCHWANZ GETRETEN.

Ratlos fragte ich meine russischen Freunde: Warum ist Seljonka grün? Die Frage klingt im Russischen etwas tautologisch – Seljonka bedeutet „Grünlein“. Noch tautologischer klangen die Antworten: „Wenn Grünlein nicht grün wäre, hieße es nicht Grünlein.“– „Grünlein ist grün, weil es grüne Chemikalien enthält.“ – „Grünlein war immer grün.“

Ich ließ nicht locker. Als die Flecken auf meiner Hand längst verblasst waren, diskutierte ich immer noch über viridis nitentis spirituosa.

„Mein Gott“, stöhnte schließlich ein Freund. „Die europäische Seele ist farblos, die russische grün. Nimm es hin.“ Das aber kann ich nicht. Was mich, wie ich vermute, von vielen meiner Landsleute unterscheidet. Ich glaube, der normale Deutsche würde beim Betreten eines russischen Krankenhauses denken: „Grüne Flecken im Gesicht, na klar, so sind sie, die Russen. Kein Wunder, bei denen ist ja auch unsere wunderbare europäische Aufklärung nie angekommen. Wie sagt der große Kant? Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Wer Kant nicht gelesen hat, dem fehlt einfach die Mündigkeit, farblose Desinfektionsmittel zu benutzen.“ So ungefähr würde sich ein normaler Deutscher das zusammenreimen.

Für mich ist die Lage schwieriger. Für mich sind Russen aufgeklärte Europäer und ich weiß, dass die Vorurteile meiner Landsleute nur die Folge eines tausendjährigen Komplexes sind: Jedes Volk braucht ein möglichst barbarisches Nachbarvolk, um sich zivilisiert fühlen zu können. Traditionell halten die Franzosen die Deutschen für Barbaren, die Deutschen die Polen, die Polen die Russen und die Russen die Mongolen. Eine Achse der Barbarei läuft quer durch Eurasien, ungefähr bis zu der Stelle, wo mich der Hund biss. Sie verläuft von Westen nach Osten, niemals andersrum. Umkehren kann man sie nur sarkastisch, wie der russische Dichter Alexandr Blok, der 1918 dem Westen seine Ostklischees ins Gesicht spuckte: „Ja, wir sind Skythen! Ja, wir sind Asiaten! Mit schrägen und gierigen Augen!“

Sie verstehen mein Dilemma? Wenn die Russen also Europäer sind, muss es einen aufgeklärten Grund geben, warum sie sich grüne Farbe ins Gesicht schmieren. Gibt es keinen, habe ich mich geirrt, und die Russen sind Barbaren.

„Eine etwas farblose Logik“, bemerkte mein russischer Freund. Und plötzlich ahnte ich etwas. Vielleicht, dachte ich, halte ich die Russen für etwas, was sie in Wirklichkeit gar nicht sein wollen. Und vielleicht ist Seljonka – eine Kriegsbemalung. Ja, wir sind Russen! Mit fleckigen und grünen Gesichtern!

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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