Jens Mühling erkundet den Wilden Osten : Papageien aller Länder, vereinigt euch!

Wenn der Winter besonders grau ist, denke ich manchmal voller Sehnsucht an Sotschi, Russlands Badeparadies an der Schwarzmeerküste.

von
Jens Mühling.
Jens Mühling.Foto: Mike Wolff

Es ist ein seltsamer Ort. Kurz bevor das größte Land der Welt endet, gönnt es sich ganz im Süden, fern der sibirischen Permafrostweiten, einen kleinen subtropischen Schlenker. Fährt man von Norden aus über die serpentinenreiche Küstenstraße, tauchen am Fahrbahnrand unvermittelt Mandarinensträucher und Zypressen auf, der Duft des Südens dringt durch die Fenster, das Licht wird wärmer, bis hinter einem letzten Kaukasuspass plötzlich Sotschi auftaucht.

Im Sommer liegt auf Sotschis Kieselstränden halb Russland in der Sonne – ein Land, das „groß ist wie der Mond“, wie es Alexander von Humboldt einmal ausgedrückt hat. „Wenn es drei Viertel kleiner wäre“, soll Zar Nikolai I. entgegnet haben, „würde es verständiger regiert werden.“ Ich füge hinzu: Wenn Russland drei Viertel kleiner wäre, wäre Sotschi drei Viertel erholsamer.

Doch obwohl ich die Stadt im überlaufenen Hochsommer kennenlernte, mochte ich sie sofort. Mädchen in Bikinis und hochhackigen Sandalen füllen die Küstencafés, umworben von slawischen Männern, die sich unter der sengenden Sonne in ihr eigenes Negativ verwandeln: die Haare gebleicht, die Haut lehmfarben. Selbst Lenin wirkt in Sotschi südlich verfärbt: Ein riesiges Mosaik neben dem Eingang zum Stadtpark zeigt sein Gesicht in grellen Orangetönen.

Im Park kam ich mit einem alten Mann ins Gespräch, einem Abchasier namens Guri, den es im Bürgerkrieg nach Russland verschlagen hatte. Auf seiner Schulter saß ein roter Papagei, der sich immer wieder in unser Gespräch einmischte, mit einem gekrächzten Wort, das ich erst nicht verstand: „Prrrobki! Prrrobki!“

Guri vermietete den Papagei für Urlaubsschnappschüsse an Touristen. Ich staunte, als er mir erzählte, dass er das gleiche Geschäftsmodell schon zu Sowjetzeiten auf der Uferpromenade seiner abchasischen Heimatstadt betrieben hatte.

„Das heißt, Sie waren Privatunternehmer?“

„Wie kommen Sie darauf?“ Guri klang entrüstet. „Ich war Angestellter der Tourismusbehörde! Mein Papagei war Teil des Fünfjahresplans!“

„Prrrobki! Prrrobki!“

„War es dieser da?“

„Nein.“ Guri seufzte. „Der ist neu. Damals hatte ich einen guten Vogel – den besten der ganzen Küste. Alles konnte er nachsprechen, alles! Sein Lieblingssatz war: Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“

Traurig deutete Guri auf den Nachfolger des Proletarierpapageis. „Der da lässt sich nichts beibringen. Er plappert nur nach, was er im Radio aufschnappt.“

„Prrrobki! Prrrobki!“

Endlich verstand ich. Das Gekrächze war eine Verkehrsdurchsage: Stau! Stau!

„Den alten Papagei habe ich im Krieg verloren“, fuhr Guri traurig fort. „Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist, vielleicht lebt er noch. Sie können 300 Jahre alt werden, diese Papageien.“

„Prrrobki!“

300 Jahre! Unwillkürlich stellte ich mir einen Papagei vor, der Lenin noch persönlich kennengelernt hatte, der sich an die Revolution erinnerte, an den Zaren! Ich verabschiedete mich von Guri und fragte unter den anderen Papageienbesitzern im Park herum. Leider stellten sich alle Vögel als postsowjetische Einwanderer heraus. Nur einer, ein australischer Ara, sollte gerüchteweise die Perestroika miterlebt haben. „Aber er spricht nicht viel“, sagte sein Besitzer bedauernd.

Der Papagei und ich starrten uns blöde an – zwei Ausländer, die keine gemeinsame Sprache finden. Ich blinzelte zuerst.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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