Jens Mühling lernt Türkisch : „Gizli servis“ heißt „Geheimdienst“

12.08.2012 00:00 UhrVon Jens Mühling
Jens Mühling. Foto: Mike Wolff
Jens Mühling. - Foto: Mike Wolff

Kemal ist der Freund eines Freundes. Wir kennen uns nicht besonders gut, aber seit bestimmt zehn Jahren laufen wir uns immer mal wieder über den Weg.

Bei unserer letzten Begegnung, die in einem Kreuzberger Biergarten stattfand, kam mir Kemal plötzlich merkwürdig verändert vor. Er trug einen unförmigen, schwarzbraunen Schlapphut, dessen Krempe sein halbes Gesicht verschattete.

So sehr die versammelte Trinkgesellschaft auch in ihn drang, Kemal weigerte sich, das Rätsel aufzulösen. Beginnende Glatze? Hautausschlag? Misslungene Stylo-Rasur? Abwechselnd versuchten wir, Kemal das Ding vom Kopf zu reißen, aber unser Freund war, um im Bild zu bleiben, auf der Hut. Kemal, hinter dir, ein Elefant! Keine Reaktion. Kemal, die Blonde an der Bar will deine Haare sehen! Müdes Lächeln.

Irgendwann gaben wir es auf, und während der Abend verging, geriet der Schlapphut zunehmend in Vergessenheit.

Florian erzählte von den Slapstick-Stunts seines zweijährigen Sohns. Harry erzählte von seinen prekären Liebeswirrungen, die den prekären Liebeswirrungen von Daniel verblüffend ähnelten, obwohl Harry von Frauen und Daniel von Männern erzählte. Ich erzählte von meinen eher langsamen Fortschritten beim Türkischlernen, und Kemal erzählte von seinem letzten Vorstellungsgespräch.

„Interessante Sache“, sagte er. „Sie suchen einen Zazaki-Muttersprachler.“

Wir nahmen das erst mal so zur Kenntnis. Kemals Deutsch ist manchmal etwas poetisch, er ist Dichter. In der Türkei hat er mehrere Lyrikbände veröffentlicht, die mein bisheriges Türkischverständnis leider bei Weitem überfordern. Sie sollen aber einigermaßen berühmt sein, und ich habe Kemal immer für die Unbeschwertheit bewundert, mit der er seine Doppelexistenz als Kreuzberger Gelegenheitsjobber und türkischer homme de lettre meistert.

Im Grunde ist es sogar eine Dreifachexistenz, denn obwohl Kemal auf Türkisch schreibt, sieht er sich nicht als Türke. „Ich bin Zaza“, sagt er immer. In den ersten Jahren unserer Bekanntschaft hielt ich das Wort für die Selbstbezeichnung einer klandestinen türkischen Literaturgesellschaft, bevor ich kapierte, dass es der Name einer ostanatolischen Minderheit ist. Kemals eigentliche Muttersprache ist Zazaki, ein recht seltenes Idiom, das in Berlin keine umwerfenden Karrierechancen eröffnet.

Um so erstaunter war Kemal, als er kürzlich auf eine Stellenausschreibung stieß, in der ausdrücklich Zazaki-Kenntnisse verlangt wurden. Eine nicht näher definierte „Bundesinstitution“ suchte einen Übersetzer. Beim Vorstellungsgespräch erfuhr Kemal nicht genau, wen die beiden Männer repräsentierten, die ihm neugierige Fragen stellten. Sie erklärten lediglich, sie hätten Interesse an der Kultur der Zaza, insbesondere an ihren in Deutschland lebenden Vertretern, über die sie mit Kemals Hilfe mehr zu erfahren hofften ...

Etwa an dieser Stelle der Erzählung kam plötzlich Bewegung in unsere Trinkrunde.

Florian: „Wie bitte???“

Daniel: „Kemal!!!“

Harry: „Verdammt, das war ...“

Ich: „... der BND!!!“

Kemal machte eine beschwichtigende Handbewegung. „Kann sein. Aber macht euch keine Sorgen, Jungs, ich hab den Job nicht bekommen.“

Auch dieses Gesprächsthema geriet irgendwann in Vergessenheit, während der Abend voranschritt. Ein oder zwei Stunden später war Kemal der Erste, der aufbrach. Zu viert sahen wir ihm hinterher, wie er zwischen den Bierbänken hindurch auf den Ausgang zusteuerte.

„Verdammt!“, rief plötzlich Harry. „Er trägt einen Schlapphut!“

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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