Jens Mühling versucht ein besserer Mensch zu werden : Baden in den eisigen Fluten des Dnjepr

Wohnortwechsel lösen bei mir Minderwertigkeitsgefühle aus. Als ich von Köln nach Berlin zog, fühlte ich mich lange wie ein dümmlich grinsender Erzkarnevalist, weil es mir nicht gelang, meinen Gesichtszügen die gepflegte Bissigkeit der Berliner anzutrainieren.

Jens Mühling
Foto: Mike Wolff

Als ich das Zähnefletschen einigermaßen drauf hatte, zog ich nach England. Dort traf mich die Höflichkeit der Briten wie ein dezenter Vorwurf – als wolle man mir sagen, meine mühsam erlernte Berliner Grobheit wirke hier nicht hauptstädtisch, sondern hoffnungslos hunnisch.

Seit einem Monat lebe ich jetzt in Kiew. Hier ist es vor allem der Winter, der mir zu schaffen macht. Im Vergleich mit den Ukrainern fühle ich mich dieser Jahreszeit einfach nicht gewachsen. Meine schnittige Tweedmütze, um die mich der gesamte Helmholtzplatz beneiden würde, erregt in Kiew Mitleid. Hierzulande trägt man Wintermützen aus Pelztieren, deren Namen ich auf Deutsch nicht kenne und auf Ukrainisch nicht aussprechen kann. Auf den völlig vereisten Kiewer Bürgersteigen wahre ich nur mit Not das Gleichgewicht, während mich Frauen auf Pfennigabsätzen mühelos überholen. Dahinter steckt erkennbar jahrelanges Training. Das holt man als Berliner nicht in einem Winter auf.

Eine Weile litt ich unter dem Gefühl saisonaler Unterlegenheit. Bis mich das Schicksal eines Tages an den Dnjepr führte, jenen mächtigen Strom, der Kiew in zwei Hälften teilt. Während ich die Angler beobachtete, die auf der geschlossenen Eisdecke stundenlang bewegungslos vor ihren winzigen Bohrlöchern ausharren, fiel mir eine kleine Gruppe Menschen auf, die am Ufer auf etwas zu warten schienen. Als ich näher kam, konnte ich zehn ältere Damen und Herren erkennen, die weitgehend unbekleidet im Schnee standen, lediglich in Badetücher gehüllt. Die werden doch nicht ... dachte ich, als eine der Frauen begann, Schritt für Schritt in ein Eisloch zu waten, das sich etwa fünf Meter weit in den Fluss zog. Mir stockte der Atem. Mit jedem Schritt versank die Frau tiefer im Eiswasser. Als der Dnjepr das Oberteil ihres roten Bikinis umspülte, warf sie sich in die Fluten und legte den Rest der Strecke schwimmend zurück. Am Ende des Eislochs angekommen drehte sie sich um, zum ersten Mal sah ich nun ihr Gesicht. Ein unirdischer Glanz flackerte in ihren Augen. Eine unirdische Gänsehaut kräuselte meine Haut.

Drei Tage vergingen, in denen ich dieses Bild nicht mehr aus dem Kopf bekam. Am Morgen des vierten Tages wachte ich auf, packte meine Badesachen und ging zum Dnjepr.

Es war ein Montag, das Eisloch war verwaist, ich der einzige Badegast. Ein paar Meter entfernt saßen zwei Männer auf einer Parkbank, sie tranken Wodka aus Pappbechern. Ungläubig sahen sie zu, wie ich meine Sachen ablegte. „Du willst da reinspringen?“, rief einer von beiden. „Ja!“, sagte ich. Ich staunte selbst, wie entschieden das klang. „Ihr nicht?“, fragte ich zurück. Die beiden winkten entsetzt ab. Einer hob seinen Pappbecher: „Auf deine Gesundheit!“

Erst ein Brennen. Dann ein Brodeln, ein inneres Bersten. Ein Schütteln, ein Schrei, zum Schluss: ein Seufzen.

Am Ufer wartete ein gefüllter Pappbecher auf mich. Andrej und Nikolaj, wie sich meine Zuschauer vorstellten, staunten, als sie meinen deutschen Namen hörten. Andrej wies grinsend auf das andere Ufer, wo sich hoch über dem Dnjepr die „Mutter Heimat“ erhebt, eine gigantische Frauenstatue mit Schild und Schwert, die an Kiews Verteidigung im II. Weltkrieg erinnert. „Als die Deutschen das letzte Mal hier waren, haben wir sie noch mit unserem Winter kleingekriegt“, sagte Andrej kopfschüttelnd. „Und jetzt gehen sie hier eisbaden!“

Lächelnd lief ich nach Hause. Ich hatte den Winter besiegt.

Hier schreiben abwechselnd: Elena Senft, Christine Lemke-Mathwey, Jens Mühling und Moritz Rinke.

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