Zeitung Heute : Jenseits von Gut und Böse

Polizisten sollen Diebe und Mörder jagen. In Island ist das besonders schwer. Es gibt fast keine Verbrechen. Was ist da los?

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Von Alva Gehrmann Langsam ziehen am Horizont die Wolken entlang. Sie schweben über den Fjord hinweg, bleiben an den majestätischen Bergen hängen. In der Ferne glänzen Gletscher, und am Fuße der schneebedeckten Berge weiden Schafe. Ein Boot steuert vom Atlantik auf den Hafen zu. Isafjördur ist ein Ort im einsamen Nordwesten Islands. Und Isafjördur ist ein bisschen wie New York: Es hat dieselbe Strategie zur Bekämpfung von Kriminalität – null Toleranz. In Isafjördur leben allerdings nur 4000 Menschen, die einander kennen und ihre Babys unbeaufsichtigt im Vorgarten schlafen lassen.

Für Polizisten wie Önundur Jónsson, der an diesem Tag Dienst hat, gibt es hier nicht viel zu tun. Während sein Kollege auf Patrouille ist, sitzt er in der Polizeistation und genießt den Blick auf die ruhige Bucht. Der letzte Störenfried war ein Eisbär, der auf einer Eisscholle von Grönland in die Westfjorde getrieben wurde. Nachdem Tierschützer immer wieder vergebens versucht hatten, ihn einzufangen, erschoss ihn ein Jäger. Der Vorfall liegt inzwischen ein paar Monate zurück.

Island ist eines der sichersten Länder Europas. Eine Armee gibt es nicht, und die Zahl der jährlichen Gewaltverbrechen lässt sich an einer Hand abzählen: 2005 gab es drei Morde. „Der letzte Mordfall in Isafjördur war vor 19 Jahren“, erzählt Önundur, der seit 1979 Polizist ist. „Und das waren noch nicht mal Leute aus der Region, sondern Wanderarbeiter.“ Der Grund: Ehestreitigkeiten.

Önundur holt sich in der Küche einen Kaffee und setzt sich in den Aufenthaltsraum, der mit der schwarzen Ledercouch und dem großen Fernseher eher einem Wohnzimmer gleicht. Seine Chefin Sigridur Gudjónsdóttir und der 22-jährige Praktikant Nonni gesellen sich dazu. Wie kommt es, dass es bei euch so wenig Verbrechen gibt?

„Vergehen wie Prügeleien und zerschlagenen Fensterscheiben gehen wir sofort nach“, sagt Sigridur. „Wenn du mit kleinen Verbrechen davonkommst, hast du keinen Respekt“, sagt Önundur. In Island duzt man sich, klar.

Manchmal kommt die extreme Natur der Polizei zur Hilfe. Wer hier etwas anstellt, kann nicht leicht entwischen. Es gibt eine Straße, die sich am Fuße der Berge die unwegsamen Fjorde entlang schlängelt, danach ist Atlantik.

Island ist eine kleine Gesellschaft, in der jeder zählt und jeder auffällt. Und somit ist natürlich auch die soziale Kontrolle größer. Besonders in Orten wie Isafjördur oder den Nachbargemeinden, wo ein Dorf auch mal aus fünf Bewohnern bestehen kann. „Gerade, weil wir als Polizeibeamte das Gesetz repräsentieren, müssen wir immer ein gutes Vorbild sein“, sagt Sigridur, die auch die Frau des Pfarrers ist. „Deshalb trinkt keiner von uns in der Kneipe Alkohol. Das geht höchstens im privaten Rahmen.“ Nonni wird plötzlich knallrot. Wahrscheinlich überlegt der Praktikant sich, ob er wirklich Polizist werden will.

Nach so viel Friedlichkeit hilft auf der Fahrt in die Hauptstadt Reykjavík nur noch die Lektüre eines isländischen Krimis: „Nordermoor“ von Arnaldur Indridason. „Der typisch isländische Mord ist schäbig, sinnlos und schlampig ausgeführt“, schreibt Arnaldur. Das Opfer wird ganz schnöde mit einem Aschenbecher erschlagen. Und so langsam findet Kommissar Erlendur heraus, dass hinter dem Verbrechen ein Familiendrama steckt. Familienstreitigkeiten und Eifersucht sind die häufigsten Mordmotive, nicht nur in Romanen, sondern auch in der Wirklichkeit, sagt Rannveig Þórisdóttir. Die Soziologin der Nationalen Polizeibehörde hat sich wissenschaftlich mit Gewalt in Island beschäftigt. Es gebe sie, auch wenn die isländische Gesellschaft im Vergleich zu den meisten anderen Ländern ziemlich sicher sei. Doch wie in vielen westlichen Gesellschaften gibt es in Island einen erheblichen Unterschied zwischen der realen und „gefühlten“ Gefahr durch Verbrechen. „Die Angst vor Verbrechen hat in den letzten Jahren um 40 Prozent zugenommen“, sagt die Soziologin. „Und der Krimiautor Arnaldur ist mit schuld daran.“ Der Schriftsteller war der Erste, der Mordfälle beschrieb, die in der Nachbarschaft spielten: „Auf einmal können sich die Isländer vorstellen, wie das ist, wenn um die Ecke ein Verbrechen passiert.“

Aber ihr habt doch auch all die schaurigen Sagen, in denen die Helden mit dem Schwert über die Insel metzeln?

„Schon, aber die sind nicht so realistisch, und außerdem spielen sie in einer ganz anderen Zeit.“ Natürlich habe auch die Berichterstattung über Verbrechen im Allgemeinen zugenommen. Wobei man erwähnen sollte, dass in Island auch in der Zeitung steht, wenn ein Schaf von einem Auto angefahren wurde.

600 Polizisten gibt es auf der Insel, 250 davon arbeiten in der Hauptstadt. Einige von ihnen arbeiten im Hauptquartier der Polizei Reykjavík. Rannveig führt durch alle Abteilungen: das Drogendezernat, die Mordkommission, die Einsatzbereitschaft. Ganz schön viele Leute, aber wirklich gestresst sieht keiner aus. Ein kräftiger Mann in Zivil hat es sich mit einem Kollegen im Aufenthaltsraum gemütlich gemacht. Hinter ihm steht ein großer Billard-Tisch. „Wir warten auf das Verbrechen“, sagt Sigurdur Pétursson und lacht. Der Kriminalkommissar fing 1986 bei der Polizei an, machte dann aber sieben Jahre Pause, um als Profi-Golfer sein Geld zu verdienen.

Sigurdur zeigt seinen Arbeitsplatz. Und wedelt schwungvoll mit dem Knüppel herum. „Das ist alles, was wir dabei haben. Und CS-Spray.“ Wenn Polizisten in Island auf Patrouille gehen, tragen sie keine Waffen. „Wir brauchen keine“, sagt Sigurdur. Und wenn es dann doch mal ernst wird, kommen die Kollegen von der so genannten Wikinger-Einsatzgruppe. Die sind bewaffnet.

Doch dass Island die Insel der Friedliebenden ist, dem widersprechen die Experten dann doch. „Ich würde gern an den Mythos glauben“, sagt die Soziologin Rannveig. Doch sei neben Internetkriminalität auch sexueller Missbrauch ein Thema, das größte Problem jedoch sei der zunehmende Drogenschmuggel. „Und mit dem Drogenkonsum steigt auch die Gewalt“, bestätigt Kriminalkommissar Sigurdur. Zuletzt haben seine Kollegen vom Drogendezernat 15 Kilogramm Amphetamine und 10 Kilo Haschisch beschlagnahmt. Der bisher größte Coup.

Im Alltag hat Polizist Sigurdur es vor allem mit betrunkenen Jugendlichen zu tun. Einige von ihnen schlafen ihren Rausch in den Zellen des Hauptquartiers aus. Heute ist nur ein junger Mann da, also kann der Wärter in Ruhe fernsehen.

In Island gibt es fünf Gefängnisse – Litla-Hraun ist das größte, dort können bis zu 87 Insassen untergebracht werden. Derzeit gibt es in Island rund 110 Gefangene, sechs davon sind Frauen. Im Reykjavíker Gefängnis sind gerade mal die Hälfte der Zellen belegt. Sieben Insassen hat das kleine Backsteinhaus, das mitten in der Innenstadt liegt. Nebenan sind ein Supermarkt, ein paar Cafés und Clubs. Seit 1874 ist das Gefängnis in Betrieb.

In Zelle Nummer 11 ist heute der Gymnastik-Raum. „1992 sind hier ein paar Häftlinge ausgebrochen“, erzählt der Kriminalbeamte Jón Ottar Olafsson, der einige Zeit in diesem Gefängnis gearbeitet hat und nun durch den kleinen Zellentrakt führt. „Sie wollten zu einem Konzert gehen, doch die Wärter haben sie noch rechtzeitig erwischt.“ Die Zellen sind offen, zwei Männer schluffen den Gang entlang. Wem es zu langweilig wird, der kann sich in der Gefängnis-Bibliothek nach einer passenden Lektüre umschauen. Natürlich stehen auch die Krimis von Arnaldur Indridason im Regal. Sie sehen aus, als seien sie oft gelesen worden.

Die „ungefährlichen Verbrecher“ sind Freigänger und kommen in das offene Gefängnis von Grundarfjördur. Es ist eine Art Farm. Die Insassen sitzen hier wegen Steuerhinterziehung, weil sie ihre Alimente nicht gezahlt haben oder, wie der Politiker Arni Johnsen, wegen Betrugs. Arni hatte öffentliche Gelder veruntreut und kam für ein Jahr in den Knast. Als Erstes freundete er sich mit einem Wärter an, dann organisierte Arni für alle Insassen neue Betten, später stellte er seine experimentellen Bilder in einer Galerie aus. Und als die Strafe verbüßt war, brach er gemeinsam mit dem Gefängniswärter zum Kreuzfahrturlaub in die Karibik auf. Inzwischen ist der Wärter zum Gefängnisdirektor befördert worden.

Jeder in Island kennt die Arni-Geschichte. Die Isländer haben ein Faible für Exzentriker – und wo das Verbrechen die Menschen in Ruhe lässt, bleibt genug Zeit für Hobbys. Sæmundur Pálsson zum Beispiel gilt als „der coolste Polizist Islands“. Berühmt ist er unter anderem, weil er früher „Rokkdancer“ war, also Rock- ’n’- Roll-Tänzer. Aus diesen Tagen hat er auch seinen Spitznamen, unter dem ihn bis heute jeder kennt: Sæmi Rokk. „Ich tanze immer noch“, sagt er. „Nur den Spagat kriege ich nicht mehr ganz hin.“

Restaurant „Enricos“ auf dem Laugavegur, der Flaniermeile Reykjavíks, am frühen Abend. Sæmi ist ein groß gewachsener, schlanker Mann mit grauem Haar. Seit zweieinhalb Jahren ist der ehemalige Kriminalkommissar in Pension. Nun nutzt der Isländer die freie Zeit, um einen Amerikaner aus dem japanischen Gefängnis zu holen. Bei dem Gefangenen handelte es sich um Bobby Fischer. Den Mann, der 1972 in Island Schachweltmeister wurde, als er gegen den russischen Meister Boris Spassky gewann. Sæmi war damals von der Polizei abgestellt, um für Fischers Sicherheit zu sorgen – zuerst war er sein Bodyguard, später auch sein Freund.

Lange Zeit hatten sich die beiden aus den Augen verloren, bis Bobby Fischer ihn eines Tages aus dem japanischen Gefängnis anrief. Dort saß er wegen eines Haftbefehls in den USA in Abschiebehaft. Fischer hatte gegen ein US-Embargo verstoßen, als er 1992 in Jugoslawien die Revanche gegen Spassky spielte. Der Schachspieler fiel durch antisemitische und antiamerikanische Äußerungen auf, gilt inzwischen als traurige Figur. „Nein, nein, das ist er nicht“, sagt Sæmi. „Jedes Genie ist doch ein bisschen verrückt.“ Sæmi half seinem alten Freund, sprach mit dem isländischen Premier – und 2005 wurde Bobby Fischer isländischer Staatsbürger.

Doch es gab noch mehr aufregende Erlebnisse in 35 Dienstjahren. So war Sæmi 1972 auf Patrouille, als eine Bank überfallen wurde. „Der Täter hatte sich vorher bei uns beworben, weil er auch Polizist werden wollte“, erzählt Sæmi. „Und er war mein Nachbar.“ In New York wäre das nicht passiert.

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